«Das muss ich jetzt mal erzählen»

Brita Holthuizen aus Würenlos fühlt sich derzeit in der besten Phase ihres Lebens. Von dessen Schwere und Leichtigkeit erzählt die 76-Jährige in Kurzgeschichten.

Hat insgesamt 27 Tagebücher geschrieben: Brita Holthuizen
Hat insgesamt 27 Tagebücher geschrieben: Brita Holthuizen (Bild: zVg)

von
Annegret Ruoff

04. November 2018
09:00

Buch-Vernissage

Brita Holthuizen präsentiert ihren Erzählband «Augen-Blick. Kurzgeschichten aus dem Leben», erschienen im Frieling & Huffmann Verlag, an der Buch-Vernissage in Baden. Es wird ein Apéro serviert.

Donnerstag, 8. November, 19 Uhr
Kulturcafé Baden

Brita Holthuizen, 76

wurde in Lyck, Ostpreussen, geboren und wuchs im rheinischen Siegburg auf. 1962 siedelte sie in die Schweiz um, heiratete und bekam drei Kinder. Nach dem Volontariat beim ‹Badener Tagblatt› arbeitete sie über dreissig Jahre lang als freie Journalistin und engagiert sich bis heute im sozialen Bereich. Sie wohnt in Würenlos.

«Endlich habe ich es gemacht. Den Wunsch, meine Geschichten zu veröffentlichen, trug ich ein Leben lang mit mir herum. In mittlerweile 27 Tagebüchern habe ich sehr viele Situationen in meinem Leben festgehalten. Oft dachte ich: Das muss ich irgendwann mal erzählen.

Im Frühjahr war ich an der Leipziger Buchmesse, im Rucksack hatte ich einige Kopien meines Manuskripts dabei. Mit klopfendem Herzen ging ich bei den Ständen vorbei und sprach die Verleger an. Ich musste 76 Jahre alt werden, um diesen Schritt zu wagen. Das Schöne am Alter ist ja, dass man mutiger und eindeutiger wird. Und so freute ich mich an den drei Verlagen, die mein Manuskript gerne entgegennahmen, um es zu prüfen. Kaum war ich zurück in der Schweiz, hatte ich auch schon die erste Zusage auf dem Tisch. Jetzt, acht Monate später, halte ich mein Buch in der Hand. Das fühlt sich richtig gut an.

In diesem ersten Buch stehen achtzehn Kurzgeschichten, die sich rund um den Globus zugetragen haben. Meine längeren Geschichten müssen noch etwas warten. Ich will erzählen, was hinter den Kulissen so passiert. Über vieles, was ich erlebt habe, habe ich noch mit niemandem gesprochen. Einige Geschichten, die ich gesammelt habe, stammen aus der Zeit, als ich als Journalistin tätig war, unter anderem für den ‹Beobachter› und das ‹Badener Tagblatt›. Andere handeln von den Erlebnissen meiner Eltern, die im zweiten Weltkrieg aus Masuren nach Siegburg in Deutschland flohen. Wieder andere handeln von meinen Erlebnissen als Reiseleiterin, Ehefrau, Mutter und Grossmutter. 

Als ich die Geschichten jetzt der Öffentlichkeit preisgab, staunte ich zuweilen über meinen Mut. Für andere konnte ich immer schon einstehen, für mich selbst jedoch nicht. Ungerechtigkeit zu sehen, macht mich wütend. Und ganz schlimm finde ich, wenn Menschen diskriminiert werden – egal, welche Hautfarbe oder was für eine Funktion sie haben. Arroganz ist etwas, was ich absolut nicht ertragen kann. Da muss ich meine Stimme erheben.

Viele Jahre lang betreute ich nebst meinen drei Kindern Ferienkinder, unser Haus war im Sommer immer voll. Dazu gehörten Flüchtlingskinder aus Kambodscha und Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen. Dieses soziale Engagement ist tief in mir angelegt. Ich war ja selbst ein Flüchtlingskind. Wir lebten mit elf Personen in zwei Mansardenzimmern, Diskriminierung war viele Jahre lang an der Tagesordnung. ‹DiePollaken›, die Rucksackdeutschen aus der kalten Heimat. Mit dieser ständigen Abwertung bin ich gross geworden. 

Der Mut, für Eigenes einzustehen, kam erst jetzt im Alter. Genau genommen nach der Krankheit meines Mannes. Da habe ich gespürt, was zählt im Leben. Der Schein, welchen Eindruck man machen und wahren will, ist für mich nicht mehr relevant. Als mein Mann 15 Jahre lang so schwer krank war, habe ich sehr gelitten. Da war keine Kraft mehr zum Schreiben. Ich hatte zu nichts mehr Lust. Mich retteten die langen Spaziergänge mit dem Hund im Wald. Aber es war eine wichtige Lebensschule. Ich lernte, mich auf mich zu verlassen und die alleinige Verantwortung zu tragen. Das hat mich stark gemacht und mich gelehrt, Wesentliches von Unwesentlichem zu trennen. 

Geschichten chronologisch zu erzählen, hat mich nie gereizt. Für den Erzählband habe ich sie intuitiv zusammengestellt. Ich könnte mir nie irgendwelche Sachen ausdenken und Romane schreiben. Dafür ich bin viel zu realistisch. Mich hat stets der Mensch, das Reale und Ungeschminkte am meisten interessiert. Wie wird jemand zu dem, was er heute ist? Das habe ich mich immer gefragt. Dass sich Menschen mir offenbaren, mir in zwanzig Minuten ihr Leben erzählen, erlebe ich oft. Das ist ein kostbares Geschenk. Reichtum, Starallüren – das alles macht mir keinen Eindruck. Im Grunde finde ich vieles im Leben, vor allem Materielles, überflüssig.

Ich bin in der gleichen Stadt wie Siegfried Lenz geboren, in Lyck in Masuren. Seine Geschichte ‹Die Nacht im Hotel› berührte mich sehr. Sie schildert die einfachen Dingen, die einen glücklich machen, Wertschätzung und Liebe. Ich lese die Geschichte gerne an Weihnachten vor, wenn ich mit meinen Kindern und Enkeln zusammen bin. So wie Lenz möchte ich erzählen. In kurzen Geschichten zeigen, worauf es im Leben ankommt. Ich glaube, dass jeder Autor ein Schlüsselerlebnis im Herzen trägt, das ihn zum Schreiben veranlasst. Mit meinen Geschichten möchte ich Perspektiven aufzeigen, wie ein Leben verlaufen kann.

Wenn ich schreibe, bin ich so glücklich, dass ich weder essen noch trinken muss. Ich kann acht Stunden am Computer sitzen, bis mir die Schultern weh tun. Meine Eltern hatten kein Verständnis fürs Schreiben. Schon in der Schule liebte ich es, Aufsätze zu verfassen, mit achtzehn habe ich an der Hauszeitung von Siemens mitgearbeitet. Mein Vater erlaubte mir nicht, meinen Beruf frei zu wählen. So wurde ich erst mit 38 Jahren Journalistin. Meine erste grosse Reportage schrieb ich 1977 in der Schweiz, für die ‹Brigitte›. Vier Seiten widmete ich dem Thema ‹kinderfreundliche Schweiz›. Die vielen Leserbriefe, die kamen, gaben mir den nötigen Kick, sodass ich ein Volontariat beim ‹Badener Tagblatt› machte und danach als freie Journalistin arbeitete.

Für drei meiner Enkelkinder schrieb ich ein Buch, während es im Körper seiner Mutter heranreifte – bis hin zur Geburt. Damit will ich ihnen zeigen, wie sie erwartet und geliebt werden, schon bevor sie das Licht der Welt erblicken. Wertschätzung gegenüber Kindern ist mir ein grosses Anliegen. Meine Kindheit war streng. Alles war verboten. Der Schmerz meiner Grosseltern und Eltern über den Verlust der Heimat war ständig präsent. Als meine Mutter im Oktober 2017 im Alter von 97 Jahren starb, sagte sie im letzten Gespräch am Telefon zu mir: Brita, ich hab die Koffer gepackt! Komm, wir fahren nach Hause.

Ich habe meine Heimat im Schreiben gefunden. Gegenwärtig erlebe ich meine beste Zeit. Ich bin stark, gesund und voller Tatendrang. Und so werde ich bald die Veröffentlichung meines zweiten Buches an die Hand nehmen. Es gibt ein paar Dinge, die muss ich noch erzählen.»

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