«Das war pures Survival-Training»

Es fehlten nur noch 120 Kilometer bis zum Ziel: Musiker Levi Bo musste den Lykischen Weg vorzeitig abbrechen – Achillessehne angerissen!

Läuft an Krücken: Musiker Levi Bo. (Bild: is)

28. April 2021
17:27

Er hatte seit Wochen dafür trainiert und sich minutiös vorbereitet: Fünf Wochen lang wollte Musiker Levi Bo auf dem 530 Kilometer langen Lykischen Weg an der türkischen Riviera wandern. Am 31. März brach der 47-Jährige auf – schon am 18. April musste er die Heimreise antreten. Er hatte sich einen Anriss der Achillessehne im rechten Fuss zugezogen. Im Interview erklärt der Kirchdorfer, wie es dazu kam, welche Begegnungen ihn besonders beeindruckt haben, wann er seine Reise fortführen will und wie viele Kapitel er für sein Buch fertig hat.

Levi Bo, was genau ist am 14. Tag Ihrer Reise kurz vor der Stadt Olympos passiert?

Ich war sehr früh aufgestanden, weil ich wusste, dass es ein langer Tag wird. Um halb sieben ging es los, von Karaöz nach Gelidonya, wo ein berühmter Leuchtturm steht. Ich war sehr guter Dinge und wanderte vom Meer hoch auf 650 Meter. Dazu muss man wissen, dass der Lykische Weg kein Spaziergang ist. Immer wieder müssen grosse Steine sowie umgeknickte oder umgestürzte Baumstämme überwunden werden. Das kostet Kraft, und ich war oben ziemlich fertig.

Nach diesem Berg gings runter und einen weiteren Hügel hoch, und beim zweiten Abstieg eröffnet sich mir ein wunderbarer Blick auf das Meer bei Adrasan mit seinen vielen Booten, die im Hafen präpariert werden.  Ich wollte ein Video für meinen Youtube-Kanal drehen. Dabei rutschte ich auf losen Steinen aus. Ich versuchte noch, mich mit dem Wanderstock abzustützen, aber es war zwecklos: Ich rutschte sieben oder acht Meter den steilen Hang hinunter …

War Ihnen sofort klar, dass Sie verletzt sind?

Nicht wirklich. Zwar tat mir alles weh, aber in der rechten Wade spürte ich nur ein leichtes Ziehen. Am darauffolgenden Tag spazierte ich noch ein wenig in der Ebene herum, aber der Fuss wurde dicker und dicker. Einen Arzt suchte ich vergeblich. Man riet mir, mit dem Bus nach Antalya zu fahren, was ich dann am nächsten Tag auch tat. In einer Klinik wurde ein MRI gemacht. Als ich nach zwanzig Minuten aus der Röhre kam, redet der Arzt mit Fachbegriffen auf mich ein, ich verstand zunächst kein Wort. Dann sagte er: «In den nächsten Monaten ist es vorbei mit Wandern.» Das war der schlimmste Moment. 

Was machten Sie danach?

Ich ging auf mein Hotelzimmer und nahm ein Video auf, in dem ich erklärte, dass ich aufgeben musste. Ich war wohl ziemlich geknickt, denn ich bekam fast 500 Zuschriften mit aufmunternden Botschaften auf Social Media. Der Weg sei doch das Ziel. Dieser Zuspruch tat zwar gut, konnte mich aber nicht wirklich aufmuntern. Auch hatte ich ein schlechtes Gewissen meinen Sponsoren gegenüber. Ich bin ja nicht nur von Firmen ausgerüstet worden, sondern wurde auch von vielen Privaten unterstützt, die mir jeweils einen Tag finanzierten. Schliesslich entschied ich schweren Herzens, nach Hause zu fliegen. Ich konnte es ja nicht ändern und wollte nicht nur im Hotel herumliegen.

Steile Berge, tiefblaues Meer: Levi Bo vor beeindruckender Kulisse (Bild: zVg)

 

Worauf freuten Sie sich am meisten bei Ihrer Rückkehr am 18. April?

Nach drei Wochen meine Liebsten – meine Frau und meine Tochter – wieder zu sehen. Wir waren das letzte Mal vor zehn Jahren so lange getrennt, als ich 22 Tage Militärdienst in der Türkei absolvieren musste. Sie wollten mich ja auf dem letzten Wegstück begleiten, aber nun blieben sie natürlich in der Schweiz.

Was haben Sie nach Ihrer Rückkehr am 18. April gemacht?

An diesem Sonntag kam ich nach Hause und machte um 18 Uhr meine Livesendung «Spasse auf der Terrasse» – mit Rekord-Einschaltquoten! Auch das war eine Erkenntnis von dem Trip: Viel mehr Leute schauen deine Videos, wenn etwas passiert ist. Beeindruckende Landschaften oder schönes Essen interessieren weniger. Danach verkroch ich mich zwei Tage in unserem Haus in Kirchdorf. Ich war traurig. Nun bin ich vier Wochen krankgeschrieben. Ich habe Einlagen in den Schuhen und gehe an Krücken. Eine komplette Ruptur der Achillessehne wäre einfacher gewesen, das wird operiert und heilt dann. Ein Anriss ist heikler. Ich liess mich auch von meinem Arzt, Igor Budic, in Gebenstorf beraten, der mir am 27. März 2020 das künstliche Hüft­gelenk eingesetzt hatte.

An eine Fortsetzung des Pilgerns ist erst mal nicht zu denken …

… um so ärgerlicher, weil mir nur noch 120 oder 130 Kilometer bis zum Ziel in Antalya gefehlt hätten! Aber sobald ich wieder okay bin, will ich den Rest unbedingt noch absolvieren. Schon diese ersten zwei Wochen waren ein unvergessliches Erlebnis.

Was wird Ihnen am meisten in Erinnerung bleiben?

Ich habe den psychologischen Aspekt massiv unterschätzt! Ich hatte keine Vorstellung von den Strapazen, denn ich hatte im Vorfeld nur schöne Videos gesehen. Aber das war ein echtes Survival-Training. Schon am fünften Tag schickte ich Gitarre und Sitzhocker nach Hause, das war unnötiger Ballast. Es gab Tage, an denen ich kaum einer Menschenseele begegnete. Und wenn man nicht mit jemandem klönen kann, wird der Rucksack mit jedem Schritt schwerer. Meine Wasserrationen musste ich mir gut einteilen. Je mehr Angst man hat, dass es ausgehen könnte, desto mehr Durst bekommt man. Ohne meinen riesigen Willen hätte ich schon früh aufgegeben. Ich habe erst nach meiner Rückkehr zu Hause realisiert, wie viele Schrammen und tiefe Kratzer ich an Armen und Beinen hatte. Das hatte ich in der Türkei nicht mal bemerkt.

Welche Begegnungen haben Sie besonders beeindruckt?

Einmal setzte ich mich nach einem langen Anstieg kurz hin, als sich plötzlich eine zwei Meter lange schwarze Schlange mit roten Wangen neben mir aufbäumte. Ich stiess einen spitzen Schrei aus – und sah, dass in einigen Metern zwei stämmige Ukrainer auftauchten. Aber sie waren nicht meine Rettung, sie hatten selber Schiss. (lacht) Ein andermal wurde ich in einem Dorf von zwei aggressiven Hunden empfangen, denen der Speichel aus der Schnauze lief. Sie haben mich bis zum Ende des Dorfes nicht aus den Augen gelassen. Überhaupt, die Tiere … ich hörte ihre Geräusche in der Nacht und sah ihre Fussabdrücke. Das war manchmal recht bedrohlich. 

Und menschliche Begegnungen?

Machte ich auch ganz viele. Da waren zum Beispiel zahlreiche Ex-Soldaten unterwegs, die einem gute Survival-Tipps geben konnten. Das Essen war ein Erlebnis. Ich habe doppelt so viel gegessen wie sonst, und trotzdem sieben Kilo abgenommen. Besonders überrascht hat mich die Vielfalt der Oliven in der Türkei – es gibt sie in allen Farben. Ich habe auch zum ersten Mal in meinem Leben Ziegenmilch getrunken. Essen war für mich bisher eine Notwendigkeit. Nun esse ich bewusster, das Auge isst mit. Aber Tomaten aus der Schweiz kann ich nicht mehr essen. 

Der Lykische Weg lässt Sie also nicht los.

Ich bin mit dem Kopf immer noch dort. Mein «Tineli» hat bereits die Nase voll, weil ich immer wieder davon erzähle. Mich hat das Wander­virus erwischt. Mit einem Freund möchte ich künftig Touren in den Schweizer Bergen anbieten, als Erstes auf den Aletschgletscher. Aber immer in Gruppen, es muss gesellig sein. Abends zusammen am Feuer sitzen, lachen und trinken – und am andern Tag sehr früh um 11 Uhr aufstehen. (lacht) Und natürlich will ich auch mein Buch veröffentlichen. Ich habe in der Türkei 22 Kapitel geschrieben und bin gerade am letzten. Spätestens im Sommer soll es im Handel erscheinen.

Sämtliche Videos sind auf dem Youtube-Kanal Levi Bo zu sehen.

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