Das Wasserschloss stand Kopf

Die erste Welle der Industrialisierung brachte 1826 die ­Gebrüder Bebié nach Turgi. Am Ufer der Limmat bauten sie eine Baumwollspinnerei. 

Die Spinnerei Turgi gilt als grösstes Einzelgebäude im Kanton und gehört neu den Limmatkraftwerken AG (Bild: Bildarchiv ETH)

von
Patrick Zehnder

30. Juli 2020
11:40

Zu diesem Zeitpunkt standen hier nur wenige Gebäude mitten im Landwirtschaftsland der Flussschleife. Am Anfang kamen die Arbeiterinnen und Arbeiter aus dem Kanton Zürich sowie aus den Aargauer Bezirken Kulm und Lenzburg, wo Leute mit dem nötigen Wissen und Können in der Textilherstellung zu finden waren. Sie verarbeiteten den Rohstoff, den Sklaven auf Plantagen in Übersee ernteten.

Die Gebrüder Heinrich, Rudolf und Caspar Bebié stammten ursprünglich aus dem schon früh industrialisierten Zürcher Oberland und brachten Kenntnisse über Maschinen mit, die sie in England studiert hatten. Ganz offensichtlich florierte der Turgemer Betrieb sofort, denn schon nach sieben Jahren konnte sie zur schweizweit grössten Textilfabrik mit Kanalanlagen und eigenem Kraftwerk ausgebaut werden. Dort drehten sich 40'000 mechanische Spindeln, angetrieben von der Kraft des Limmatwassers.

 

Eisenbahn und Metallwaren folgten auf Baumwolle

Damit war die Industrialisierung am Ort angestossen. Nur neun Jahre nach der ersten Eisenbahnstrecke in der Schweiz eröffnete 1856 die Bahnlinie von Baden über Turgi nach Brugg. Drei Jahre später wurde Turgi mit der Inbetriebnahme der Verbindung nach Waldshut gar zum ersten Eisenbahnknotenpunkt der Schweiz – damals mit einem der seltenen Inselbahnhöfe, umgeben von Gleissträngen. In der Folge siedelten sich weitere Industriebetriebe an: vom Kraftwerk über die Metallwarenfabrik Straub-Egloff bis zu einem elektrotechnischen Betrieb. 

Dadurch gab es auch politische Neuerungen. Turgi gehörte zusammen mit dem Ortsteil Wil bis 1883 zur Gemeinde Gebenstorf. In der Turgemer Ortsgeschichte resümieren Adolf und Jürg Haller: «Das neue Wesen [Turgi], das auf der steinigen Limmathalbinsel rasch wie ein Unkraut emporgeschossen war, kam der alten Gemeinde [Gebenstorf] wie ein Kropf vor, den man, da er nun einmal nicht mehr auszutilgen war, wenigstens nach Möglichkeit zurückschneiden musste.» Turgi wurde eine eigene Gemeinde. In der Folge verdoppelte sich die Bevölkerung zwischen 1888 und 1920 auf fast 1300 Personen, bei einer beeindruckenden Bevölkerungsdichte von beinahe 800 Menschen pro Quadratkilometer.

 

Sichtbares Erbe der frühen ­Industrie

Die Arbeitsbedingungen waren erbärmlich: geringe Löhne, überlange Arbeitszeiten, unhaltbare Hygiene und fehlende Absicherung bei Unfall oder Krankheit. Erst das eidgenössische Fabrikgesetz von 1877 sorgte mit der Begrenzung der Wochen­arbeitszeit auf 61 Stunden und den Bestimmungen zum Schutz von Frauen und Kindern für Erleichterungen. Aus den Arbeiterkreisen von Turgi ging einige Zeit später sogar der erste Arbeiter­sekretär des Kantons hervor. Anfänglich Verdingbub, lernte Hermann Müri bei Brown Boveri das Handwerk des Wicklers und vertrat den Aargau während zwanzig Jahren als sozialdemokratischer Nationalrat in Bern.

Und es ist das frühindustrielle Bauerbe mit Villen, Kosthäusern, Kindergarten, Schulhaus, Gaststätten, Gärten und Parkanlagen, das Turgi 2002 den Wakkerpreis für sein heraus­ragendes Ortsbild einträgt. Dazu gehört auch die Spinnerei, die bis 1962 in Betrieb war, bevor diese von einer Abteilung für Informationstechnologie von BBC/ABB belegt und jüngst an die Limmatkrafwerke verkauft wurde.

 

«Grösster Spinner Europas» in Windisch

Nur zwei Jahre nach der Gründung der ersten Textilfabrik in Turgi kaufte Heinrich Kunz in Unterwindisch Land für den späteren Grossbetrieb. Nach seiner kaufmännischen Ausbildung im Elsass errichtete er Baumwollspinnerei um Baumwollspinnerei. Mitte des 19. Jahrhunderts gehörten ihm 150'000 Spindeln, die 2000 Arbeitskräfte in Gang hielten. Deshalb galt der Zürichbieter als grösster Spinnereiunternehmer Europas seiner Zeit.

Bei seinem Tod hinterliess der Junggeselle Kunz unglaubliche 20 Millionen Franken. Dieses Vermögen kam zustande, weil er seine Interessen gegenüber der Arbeiterschaft rücksichtslos durchsetzte und sich sozialpolitisch kaum engagierte.

Die ehemaligen Fabriken und Werkstätten erinnern zusammen mit den Kosthäusern an die Zeit, die das Wasserschloss wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch auf den Kopf stellte.

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