«Der Aarhof lebt noch in mir»

Kurz vor ihrem 90. Geburtstag schildert Elisabeth Kübler-Wenger ihre Erinnerungen an den Aarhof. Er wurde vor rund siebzig Jahren abgebrochen.

Im September erscheint ein Buch über das bewegte Leben von Elisabeth Kübler-Wenger, hier fotografiert in ihrem Haus in Oerlikon. (Bild: zi)

02. Juni 2021
17:15

Der Grossvater von Elisabeth Kübler-Wenger, Fritz Meyer-Lutz, war Direktor in der Firma Sulzer in Winterthur. Das Ehepaar hatte vier Kinder, zwei Buben und zwei Mädchen. Eines von diesen war Trudi Meyer, welche 1927 Charles Wenger, den späteren Aarauer Kantilehrer, heiratete, in Buchs Wohnsitz nahm und zwei Töchter zur Welt brachte, darunter die eingangs erwähnte Elisabeth. Doch zurück zu Fritz Meyer.

Er stammte aus einer Bauernfamilie im Aargau und plante, nach der Pensionierung wieder aufs Land und näher zur Landwirtschaft zurückzukehren. Deshalb erwarb er 1922 den Aarhof in Villnachern. Doch da seine Gattin Berthy vor diesem Wechsel starb, blieb er an seinem bisherigen Wohnsitz und behielt den klassizistischen, 1830/33 erbauten Gutshof, bestehend aus dem sogenannten Herrenhaus und dem daran angebauten Landwirtschaftsbetrieb mit Ställen, Scheunen und Pächterwohnung. Aufgrund des schlechten baulichen Zustands führte er umfassende Sanierungen vor allem am Wohnhaus durch. Gärtner Zulauf legte den Garten neu an.

Ansichtskarte von 1936: unten die Aare, darüber der Aarhof mit Wohnhaus und angebautem Landwirtschaftsbetrieb. (Bild: zVg)


Ein Refugium für viele Familienmitglieder

Der neue Eigentümer besuchte den Aarhof ab und zu. Elisabeth Kübler: «Vor allem aber wurde der Aarhof für alle Familienmitglieder, auch für die Nachkommen und Enkel, für viele Freunde und Bekannte zu einem Refugium, das in leuchtender Erinnerung blieb. Man war hier häufig und gerne zu Besuch, verbrachte Ferien daselbst, führte Familientreffen durch. Wir Kinder wurden von unsern Eltern auch angehalten, auf dem Feld mitzuhelfen. Ich selber war allerdings nicht enorm fleissig, konnte aber dafür die auf dem Feld Tätigen mit Liedern und Geschichten unterhalten, was offenbar geschätzt wurde.» Apropos Landwirtschaft: Elisabeth Kübler erinnert sich noch an die Pächterfamilien Vater und Sohn Kindler. «Mit Ruedi Kindler konnte ich oft ausreiten, und wir durften auf dem Zweispänner-Milchwagen in die dörfliche Käserei mitfahren, manchmal sogar, zu unserem Stolz, allein als Kutscher. Mit der jüngsten Tochter Bertheli brieten wir Kartoffeln im Feuer auf der Rossweide.» – Nachkommen der beiden Pächterfamilien Kindler leben noch immer in der Region.

In Erinnerung blieb die grossartige Auenlandschaft. In kundiger Begleitung durfte Elisabeth als Kind im Fluss schwimmen und sich treiben lassen, was der vielen Stromschnellen wegen allerdings gefährlich war. Immer wieder ertranken Badende.


Ein Kellerlabyrinth

Und weiter in der Schilderung: «Etwas unheimlich waren für uns die enorm vielen Keller und unterirdischen Gänge des Gutshofs, allesamt mit Naturboden belassen. Diese Räume suchten wir ängstlich mit Laternen zu erkunden, doch fühlten wir uns wie in einem Labyrinth.» Warum diese vielen Keller? In ihrer Familie galt aufgrund von Überlieferungen die Begründung, dass der Sohn des Miteigentümers und Direktors von Bad Schinznach, Rohr, den Gutshof von 1830 bis 1833 erstellt hatte, um hier ebenfalls ein Heilbad einzurichten. Deshalb habe er im Boden nach Quellen gegraben, was zu den vielen Kellern und Gängen geführt habe. Der Bauherr geriet in Konkurs, das Haus wurde nie vollendet, etliche Teile blieben unfertig, so auch ein Riesensaal, der wohl als Ballsaaal für Badegäste vorgesehen war. «Darin fuhren wir Velo oder führten Theaterstücke auf.» – Anderen Quellen zufolge entstand der Aarhof als Dépendence zum Bad Schinznach, musste aber der Kosten wegen wieder abgestossen werden. Jedenfalls gelangte der Gutshof 1850 in den Besitz der Familie Schulthess.


Kraftwerksbau führte zum Ende

Nochmals zur Ära Fritz Meyer. Während des 2. Weltkriegs waren Offiziere der Feldbatterie 7 im Wohnhaus einquartiert, und in den Kellerräumen wurde Munition gelagert. Dann nahte das Ende des Gutshofs. Der stark ansteigende Strombedarf im Land veranlasste die NOK ab 1948 zum Bau des Kraftwerks Brugg-Wildegg, was mit grossen Eingriffen in die Landschaft verbunden war. Nach der Enteignung der Eigentümerfamilie Meyer wurde der Aarhof 1950/51 abgebrochen und anschliessend auf dem Areal der Oberwasserkanal erstellt. Villnachern kam dank der Kraftwerksanlage zu einer Badi, auf deren Areal bis heute als einziger baulicher Zeuge des Aarhofs das Waschhäuschen stehen blieb.


Sammlung dem Stadtarchiv Aarau übergeben

Schon die Mutter von Elisabeth Kübler hatte unermüdlich Fotos, Dokumente und Berichte rund um den Aarhof gesammelt. Ihre Tochter übernahm und erweiterte die Sammlung. Einen Teil hat sie inzwischen dem Stadtarchiv Aarau übergeben. Noch immer besitzt sie rund fünfzig Ansichtskarten und weitere Fotos vom Gutshof, vom Dorf und von der Umgebung. Sie lässt bei der Durchsicht die schönen Erinnerungen aufleben. «Der Aarhof lebt noch immer in mir. Ich habe aber den Gebäudeabbruch nie ganz überwinden können.»


Buch mit 450 Bildern erscheint im Herbst

Heute lebt Elisabeth Kübler-Wenger in Zürich-Oerlikon. Sie schaut auf eine beeindruckende Laufbahn zurück, die sie nach der  Schauspielschule auf die Bühnen in Deutschland und ins Schauspielhaus Zürich führte. Zehn Jahren war sie ausserdem auf Tournee mit dem Zirkus Knie – stets  in Begleitung ihres Mannes Jörn Kübler, dem damaligen Zirkus-Medienchef. 

Patrick Frey gibt im September in seinem Verlag ein Buch über ihr Leben heraus mit Texten von verschiedenen Autorinnen mit rund 450 Bildern. Titel des Buchs: «Die Freiheit wird einem nicht geschenkt, man muss sie nehmen».


Die Berühmtesten Aarhof-Bewohner

Landwirt Edmund Schulthess (1886–1906) hatte 1850 den Aarhof erworben. Zwei hier aufgewachsene Söhne wurden zu sehr bekannten und verdienstvollen Persönlichkeiten. Der eine ist Wilhelm Schulthess-Wyder (1855-1917), der sich nach der Ausbildung zum Kinderarzt als Pionier und Vorkämpfer für die Orthopädie im Land entwickelte, ein spezialisiertes Spital eröffnete, Mitbegründer und Chefarzt der Klinik Balgrist und Gründer und Namensgeber der Schulthess-Klinik wurde. Der jüngste Bruder, Edmund Schulthess-Disque (1868–1944), wurde 1912 als Bundesrat gewählt und gehörte ihm als Vorsteher des Volkswirtschaftsdepartements bis 1935 an. Neben dem erfolgreichen Wirken hatte er auch eine besondere Enttäuschung zu erleben: Das von ihm stark geprägte erste AHV-Projekt wurde 1931 vom Volk verworfen.

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