«Der Abschied fällt nicht leicht»

Aus einer spontanen Ein­gebung wurde ein Herzensprojekt: Der Musiker Beda Ehrensperger aus Dättwil wandert mit seiner Familie nach Afrika aus.

Beda Ehrensperger und seine Frau Mefia
Beda Ehrensperger und seine Frau Mefia (Bilder: is)

von
Ilona Scherer

05. Juni 2019
09:00

Das Leben von Beda Ehrensperger und seiner Familie wird in den nächsten Monaten komplett auf den Kopf gestellt. «Der Container ist bestellt, Ende Juli wird er verschifft», erzählt der 39-Jährige am Esstisch zusammen mit seiner Ehefrau Mefia (35). Vier Wochen lang wird ihr ganzes Hab und Gut über die Ozeane unterwegs sein, bis es an der Küste von Westafrika landet. Die wertvolle Fracht: Nicht nur Möbel und Kleidung, sondern auch Schlagzeuge, Trommeln – ja, das komplette Tonstudio, das der gebürtige Endinger im Untergeschoss in Dättwil eingerichtet hat, wird verschifft. Beda Ehrensperger ist nicht nur Musiker, sondern auch Schlagzeuglehrer an den Musikschulen Eigenamt und Surbtal sowie Musiklehrer an der Volksschule Würenlingen. Seit drei Jahren fliesst die Hälfte seines Einkommens in den Bau seines Kulturzentrums am Rande von Accra, auch seine zweite Säule hat er investiert. Die Lebenshaltungskosten der Familie, zu der die Söhne Levin (12) und Evan (8) gehören, sind durch die Vermietung des Reihenhäuschens in Dättwil gesichert.

 

Rückhalt durch Schwiegereltern

Das Kulturzentrum soll ein Ort für kulturellen Austausch, Konzerte, Studioaufnahmen und Videodrehs werden. Fünf Wohnstudios für Musiker und Angestellte sowie ein Restaurant mit Bar sind ebenfalls enthalten. Die Aufgaben sind klar verteilt: Beda wird für den kulturellen Part, Mefia für den Betrieb der Gastronomie verantwortlich sein. «Ohne den Rückhalt der Familie meiner Frau wäre das alles nicht möglich», ist sich Beda bewusst. Die Schwiegermutter leitet die Bauarbeiten vor Ort, «und mein Schwiegervater öffnet mir als Policeofficer so manche Türen», erzählt er. Klar, dass er auch selber Musik machen wird: «Meine Band ‹Beda Massive Tribe› wird quasi als Hausband im Zentrum residieren.» Mittels Crowdfunding hat er zudem 12'000 Franken für eine Solaranlage gesammelt, die den gesamten Strombedarf der Anlage deckt.

Grosse Zukunftspläne: Schlagzeuger Beda Ehrensperger wird nach Afrika auswandern
Grosse Zukunftspläne: Schlagzeuger Beda Ehrensperger wird nach Afrika auswandern

 

Ein Surbtaler in Afrika

Doch wie kommt ein Surbtaler nach Afrika? Rückblende. Nach erfolgreichem Abschluss des Schlagzeugstudiums an der Musikhochschule in Zürich beginnt Beda, an zwei Schulen zu unterrichten. Als Drummer steht er regelmässig mit der Reggae-Band «The Dubby Conquerors» auf der Bühne. Schon während des Studiums beginnt er, sich für afrikanische Rhythmen zu interessieren, und 2004 zieht es ihn für ein Jahr nach Ghana, um dort trommeln zu lernen. Ziemlich schnell stellt er fest, dass die Stocktechnik in Afrika ganz anders ist. Er lernt auch, mit Händen zu trommeln – und zu tanzen: «Das war für viele Afrikaner eine besondere Attraktion, einen Weissen tanzen zu sehen», erzählt er lachend. Zehn Tage vor dem Heimflug lernt er in einer Disco Mefia kennen. Beda besucht die gelernte Coiffeuse regelmässig in den Ferien. 2006 zieht sie in die Schweiz, 2007 und 2011 werden die Söhne Levin und Evan geboren. 

2013 verbringt die Familie die Sommerferien in Ghana, wo Mefia ein Stück Land gekauft hat. Von dort fliegt Beda direkt für eine Tournee nach Südamerika. Eines Abends sitzt er im Hotel in Mexiko auf dem Fenstersims seines Zimmers, «und dann hatte ich eine Eingebung: Wir müssen nach Ghana!» Zuerst planen die Eltern, einen Wohnkomplex zu bauen und die Appartements zu vermieten. «Aber nach und nach wurde mehr daraus: Ich hatte immer von einer Bühne geträumt. Aber die Konzertbesucher wollen ja etwas trinken und essen. Und wo sollten die Künstler schlafen? So kam eins zum andern», blickt Beda zurück. Die Idee fürs Kulturzentrum ist geboren.

 

Vorfreude und Wehmut

Sechs Jahre später wird der Traum von damals Realität. Ende August fliegt die vierköpfige Familie in ihre neue Heimat. «Levin und Evan sind schon traurig», ist sich Beda bewusst. Sie lassen nicht nur ihre Freunde zurück, sondern auch ihre Grosseltern, die mittlerweile in Würenlingen leben. «Aber meine Jungs wissen auch, dass man sich in Ghana auf sie freut», erklärt Beda. Um ihnen den Neuanfang in Afrika zu erleichtern, erfüllen ihnen die Eltern einen besonderen Wunsch: «Sie werden in Accra einen Hund und eine Katze bekommen», verrät Mefia. Auch ihr fällt der Umzug nach 13 Jahren in der Schweiz schwer. Und Beda Ehrensperger gibt offen zu: «Der Abschied wird nicht einfach, es ist auch Wehmut da. Neben der Vorfreude und Aufregung spüre ich auch Ängste: Wird das alles funktionieren? Obwohl mir bewusst ist, dass man in Ghana flexibel sein muss, brauche ich doch gewisse Pläne. Dafür bin ich zu sehr Schweizer», gibt er zu. 

 

Abschiedsparty geplant

Traurig werden auch die vielen Kinder und Jugendlichen sein, denen Beda mit Einfühlungsvermögen und Begeisterung das Schlagzeugspielen beigebracht hat. Nach und nach wird sich der Lehrer von ihnen verabschieden, an jeder Schule ist ein kleines Fest geplant. Doch die ganz grosse private Abschiedsparty steigt Mitte August im Oederlin-Areal: «Wir wollen mit Familien und Freunden nochmal eine richtig gute Zeit haben – von Freitag bis Sonntag.» Ende August werden die Ehrenspergers dann in ihr neues Leben starten.

Kommentare (1)

  • Marlene Meisel
    Marlene Meisel
    am 06.06.2019
    Hab den Bericht eben gelesen. Bewudere den Mut und die Offenheit von Euch. Wünsche Euch viel Glück und alles Gute.

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