«Der Beruf ist schön, aber das System hinkt»

Corinne Zurlinden (30) unterrichtete acht Jahre lang eine Mittelstufenklasse, zuletzt im Bezirk Baden. Nun wird sie sich beruflich neu orientieren.

Corinne Zurlinden aus Mülligen will nicht mehr Lehrerin sein und benennt ihre Gründe für den Berufswechsel
Corinne Zurlinden aus Mülligen will nicht mehr Lehrerin sein und benennt ihre Gründe für den Berufswechsel (Bild: sha)

von
Aufzeichnung: Stefan Haller

03. Juli 2019
14:10

«Ja ja, wir Lehrer sind ewige Jammeri, ich weiss. Dabei haben wir doch zwölf Wochen Ferien. Aber ich möchte auch nicht jammern. Nur wie kommt es, dass so kurz vor den Sommerferien erneut Hunderte von Stellen nicht besetzt werden können? Ich frage mich, was den Lehrerberuf so unattraktiv macht. Und wieso nichts dagegen unternommen wird? Denn offenbar machen es die zwölf Wochen unterrichtsfreie Zeit, um die uns alle so sehr beneiden, nicht wett.

 

Ich verdiene mein Geld seit acht Jahren als Mittelstufenlehrerin. Nun habe ich die Nase voll, ich habe gekündigt. Ob es nur ein Sabbatical wird oder ob ich den Beruf für immer an den Nagel hänge, weiss ich noch nicht. Denn eigentlich habe ich gerne unterrichtet. Ich war gerne an dieser Schule, und auch die Schulleitung war zuletzt gut. Ein wenig habe ich schon ein schlechtes Gewissen. Ich glaube, viele der Kinder sind traurig, als ich meinen Abgang verkündete. Auch viele meiner Arbeitskolleginnen waren ziemlich schockiert. 

 

Vorerst brauche ich einen Wechsel. Ich werde mich in der freien Marktwirtschaft versuchen, mal schauen, ob es da so tough zu- und hergeht, wie alle immer behaupten. Ich werde religionsfreie Trauungszeremonien anbieten. Aber ich habe auch andere Talente in den Bereichen Gestaltung, Theater oder Musik. Ich freue mich darauf, was kommt, was auch immer es ist.

 

Wäre der Lohn höher, würden sicher wieder mehr Männer den Beruf ausüben, und es würden nicht so viele fähige Lehrpersonen in die Nachbarkantone abwandern. Über den Lohn möchte ich mich aber an und für sich nicht beklagen. Was man alles dafür leisten muss, darüber allerdings schon. Ich selbst habe die letzten Jahre nur 75 Prozent gearbeitet. Anders konnte ich das gewaltige Arbeitspensum einfach nicht gewissenhaft bewältigen. Das liegt auch daran, dass ich sehr sensibel bin, wie viele meiner Kolleginnen und Kollegen auch. Die Ironie an der Sache ist, dass genau das eine gute Lehrperson auszeichnet – Einfühlungsvermögen, Pflichtbewusstsein. Niemand wünscht sich eine gefühlslose und kalte Lehrperson für sein Kind, welche die Bildung nicht ernst nimmt.

 

Etwas vom Spannendsten am Lehrerberuf ist seine Vielseitigkeit. Es ist an und für sich ein schöner Beruf. Doch das  Schulsystem hinkt, es hat meiner Meinung nach grosse Schwächen. Beispiel integrative Schulung: Die Idee, dass alle Schülerinnen und Schüler gleich sind und miteinander zur Schule gehen, finde ich schön. Nur, so lange das eine Sparmassnahme ist, bleibt die Umsetzung eine Utopie. Wenn man in einer Klasse neben allen Durchschnittsschülerinnen und -schülern auch noch ein bis zwei hyperaktive Kinder, eins mit starker Verhaltensauffälligkeit und ein Kind mit gleichzeitig körperlicher Beeinträchtigung und Lernschwäche unterrichten soll, verwundert es niemanden mehr, dass am Ende der Schulzeit viele Kinder die Lernziele nicht erreichen. Mehr Ressourcen wären gefragt.

 

Die Umstellung auf das System 6/3 im Aargau war meines Erachtens ein Fehler: Es gab Studien darüber, dass die Jugendlichen am Ende der Schulzeit bei 5 Jahren Primar und 4 Jahren Oberstufe deutlich besser abschnitten als bei 6 Jahren Primar und 3 Jahren Oberstufe. Die Harmonisierung in aller Ehren, aber sollten wir uns dann nicht gesamtschweizerisch für das bessere System entscheiden? Natürlich hätte das mehr gekostet. Die Realität in einer 6. Klasse sieht jedoch so aus: Die leistungsstarken Schülerinnen und Schüler langweilen sich, während die Leistungsschwachen – und das sind die wahren Leidtragenden – nur noch ungenügende Noten kassieren. Anfangs Oberstufe muss ihr schlechtes Selbstbewusstsein dann aufgepäppelt werden, damit sie sich überhaupt noch zutrauen, sich auf irgendeine Stelle zu bewerben.

 

Zum Beispiel Lehrplan 21: Kompetenzorientierter Unterricht klingt gut. Sofern dann die Eltern auch bereit sind, sich auf neue Lern- und vor allem Beurteilungsmethoden einzulassen. Da liegen auch meine Hoffnungen, dass das Bewerten endlich positivere Züge annimmt. Aber beim Blick auf die Stundentafel schmerzt mein Herz. Kurze Zusammenfassung: Die handwerklichen Fächer werden weiter wegrationalisiert, Medienkompetenz und Fremdsprachlektionen kommen dazu. Die Kinder müssen länger in der Schule sitzen und werden fast nur noch kognitiv beschäftigt. Das Wort ganzheitlich kann man aus dem Schulvokabular streichen.

 

Fehlender Respekt und Wertschätzung sind im Lehrerberuf ein grosses Thema: Einer der grössten Faktoren für die Unattraktivität des Lehrerberufs sind bestimmt die Eltern. Man rackert sich ab, man bemüht sich, man will guten Unterricht machen, man investiert seine Freizeit für tolle Anlässe und Projekte. Ein Dankeschön wird immer seltener. Kritik wird immer mehr. Ich kenne Berufskolleginnen, denen mit dem Anwalt oder gar mit körperlicher Gewalt gedroht wurde. Ständig muss man sich rechtfertigen. Man versucht die Kritik nicht persönlich zu nehmen. Aber wie soll das gelingen, wenn man dauernd nur kritisiert wird? Und jeder hat das Gefühl, er könne mitreden. Doch nur weil ich schon mal im Coop einkaufen war, weiss ich noch längst nicht, wie die ganze Logistik abläuft. Nur weil ich schon mal bei der Bank ein Konto eröffnet habe, weiss ich längst nicht, wie das Bankenwesen funktioniert! Eltern, bitte kümmert euch doch um eure Aufgabe, nämlich die Erziehung. Aber das überlassen die meisten dann doch lieber der Schule. 

 

Die Eltern spiegeln die Gesellschaft wider. Der Leistungsdruck, der Konsumwahn, Fremdbetreuung, die Versagensangst, Angst vor der Digitalisierung. Das Feilschen um jeden Punkt, das respektlose Kommentieren jeder Prüfung und die schwierigen Gespräche vor dem Übertritt zeigen diese Ängste auf. Der Übertritt an die Real ist für viele ein Albtraum. Dabei ist unser Schulsystem durchlässig und Life-long-learning gehört zum guten Ton. Nur schauen die Eltern nicht darauf, welche Kompetenzen und Begabungen ihr Kind mitbringt, in ihren Augen zählt nur das Ziel.

 

Dies ist ein ganz persönlicher Einblick in meine Gedanken. Aber ich bin mir sicher, die Mehrheit der Lehrerinnen und Lehrer wird mir zustimmen. An alle Sparfüchse unter den Politikern und Kritiker unter den Eltern: Überlegt euch Folgendes: Das höchste Kapital der Schweiz sind Bildung und Forschung. Wenn gute Bildung nicht mehr gewährleistet werden kann, was dann?»

Kommentare (3)

  1. Hans Lenzi
    Hans Lenzi vor 3 Tagen
    Die Erfahrungen von Corinne Zurlinden decken sich mit denen von vielen Lehrkräften: Überforderung allüberall. Und wo sind die Berufsorganisationen, welche hier vehement Gegensteuer geben sollten: Der Schweizerische Lehrerverein, etc.? Antwort: Nirgends. Dabei wäre jetzt die optimale Zeit, um den pädagogischen Berufen endlich wieder Nachachtung zu verschaffen - bessere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen, dringend nötige Grenzsetzungen, damit die Lehrpersonen nicht weiter ausgepresst werden. Das ist der einzige Vorwurf, den ich dem System aktuell mache: Zu grosse Ängstlichkeit und Mutlosigkeit.
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  2. Matthias Hügli
    Matthias Hügli vor 2 Wochen
    Toll geschrieben und so wahr. Danke.
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  3. Doris Meyer
    Doris Meyer vor 2 Wochen
    Gratulation an Corinne Zurlinden für den ehrlichen, treffenden und mutigen Artikel über den Schulalltag und dessen frustrierenden Status. Frau Zurlinden wird nicht die letzte sein, die ihren Beruf an den Nagel hängt! Ich habe die letzten Jahre als Heilpraktikerin immer mehr Lehrer mit Burnout in meiner Praxis gehabt und gratuliere Frau Zurlinden, dass sie es gar nicht erst soweit kommen lässt.
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