Der Bezirk verliert seine Sonnenstube

Bözen, Effingen und Elfingen fusionieren auf Neujahr mit Hornussen zur neuen Gemeinde Böztal und wechseln den Bezirk.

Gemeinderat Böztal (v. l.): Verwaltungsleiter Markus Schlatter, Esther Röthlin (Elfingen), Roger Frey (Bözen), Vizeammann Andreas Thommen (Effingen), Gemeindeammann Robert Schmid (Bözen), Guy David (Hornussen) und Gemeindeschreiberin Ursula Pfister. (Bild: zVg)

15. Dezember 2021
17:57

Die aargauische Gemeindelandschaft wandelt sich. Seit dem Jahr 2000 ging die Zahl der Gemeinden im Kanton von 232 auf 210 zurück. Ab Neujahr sinkt sie sogar auf 200, weil neben der Fusion im oberen Fricktal noch acht Gemeindezusammenschlüsse im Zurzibiet anstehen. Das Besondere an der neuen Gemeinde Böztal ist ihre bezirksübergreifende Wirkung. Bözen, Effingen und Elfingen, die seit 1803 zum Bezirk Brugg gehören, wechseln zum Bezirk Laufenburg. Der einst gemeindereichste Bezirk Brugg mit ursprünglich 36 Gemeinden schrumpft auf 19 (siehe Tabelle).


Zurück zu den Wurzeln
Bözen, Effingen und Elfingen kehren gewissermassen zu den historischen Wurzeln zurück. Denn die drei Dörfer gehörten früher zu den habsburgischen Vorlanden im Fricktal, bevor die Berner 1460 über den Jura vorstiessen und sich den Bözberg-Passübergang sicherten. Die eidgenössisch-vorderösterreichische Grenze lag danach 338 Jahre lang zwischen Bözen und Hornussen, bis das Fricktal 1798 ebenfalls eidgenössisch wurde. Mit der Gründung des Kantons Aargau verwandelte sich die frühere «Landesgrenze» in die neue Bezirksgrenze. Sie galt zugleich als Konfessionsscheide, weil das ehemalige bernische Territorium seit 1528 reformiert war und das angrenzende einstige habsburgische Gebiet katholisch blieb.

Effingen, Bözen und Hornussen lagen stets an bedeutenden Verkehrsachsen. Zunächst an der Römerstrasse von Vindonissa nach Augusta Raurica, später an der schweizerischen Hauptstrasse 3 von Basel über den Bözberg nach Zürich. Sie wurden vor 25 Jahren dank der A 3 vom Durchgangsverkehr entlastet. Zugleich machte die Autobahn mit den Halb- und Vollanschlüssen bei Effingen und Frick die ländliche Gegend verkehrsmässig attraktiver, was zu vermehrter Bautätigkeit führte. Durch die Eröffnung der Bözberglinie, 1875, bekam die Region auch einen Anschluss ans Schienennetz. Der zwei Kilometer vom Dorf entfernte Bahnhof Effingen wurde allerdings 1993 geschlossen.

Etwas abseits vom Schuss liegt Elfingen. Im Mittelalter war das Dorf Sitz eines einflussreichen Gutsbetriebs des Klosters Murbach im Elsass und Pfarreiort der Gemeinden Bözen, Effingen sowie Teilen von Zeihen und Linn. 1291 kauften die Habsburger den Hof, später schenkte ihn Königin Agnes dem Kloster Königsfelden. Die Elfinger Pfarrkirche aus dem 9. Jahrhundert wich der neuen Kirchhöri Bözen und zerfiel nach der Reformation. Das Pfarrhaus blieb vorerst in Elfingen. So kursierte in der Kirchgemeinde lange der Spruch, Elfingen besitze den Pfarrer, Bözen die Kirche und Effingen die Glocke – gemeint war die Dorfwirtschaft.


Kongruente Fusionspartner
Die Ortschaften der neuen Gemeinde Böztal verbindet eine geografische Identität. Sie sind in den Tafeljura eingebettet und von alters her Winzerdörfer. Landschaftliche Juwele wie das Sagimülitäli, das Chästal oder der Weiler Sennhütte sowie etliche artenreiche Wald- und Naturreservate, beispielsweise am Nätteberg, Hessenberg und Rugen oberhalb von Bözen und Effingen, bereichern das Gebiet. Böztal gehört zum 2012 gegründeten Jurapark Aargau. 

In den Grössenvergleichen der Fusionspartner springen keine extremen Unterschiede ins Auge. Hornussen steht mit 900 Einwohnern und einer Fläche von 727 Hektaren an der Spitze vor Bözen mit 810 Einwohnern und 396 Hektaren, Effingen mit 635 Einwohnern und 685 Hektaren sowie Elfingen mit 300 Einwohnern und
422 Hektaren. Die Steuerfüsse der vier Orte liegen über dem Kantonsmittel von 112 Prozent: Hornussen 122, Effingen 119, Bözen 118 und Elfingen 114 Prozent. Hornussen bekam dieses Jahr 829 000 Franken Finanzausgleich, Bözen 522 000, Effingen 342 000 und Elfingen 170 750 Franken. Böztal stehen 1,47 Millionen
Ausgleichsbeiträge in Aussicht, dazu ein kantonaler Fusionsbeitrag von 5,17 Millionen Franken.

Die Finanzlage rief nach der Frage, ob die Gemeinden den wachsenden Ansprüchen allein gewachsen wären. Im November 2009 befürworteten Effingen, Elfingen und Zeihen eine Zusammenarbeit bis hin zur möglichen Fusion. Bözen und Hornussen lehnten ab. Dennoch kam es zu Kooperationen. Mit dem Projekt Verwaltung 3plus koordinierten Bözen, Hornussen und Elfingen ihre Kanzleien, Finanz- und Steuerämter. Effingen schloss sich später an. Am Steueramt beteiligte sich auch Zeihen. Im Schulbereich verlegte Elfingen den Kindergarten und die Primarschule nach Bözen. Die Schuloberstufen aller vier Gemeinden wurden nach Frick verlegt.


Der Zusammenschluss
2010 unternahm eine Interessengruppe einen neuen Fusionsanlauf. Zeihen stieg aus. Aber Bözen, Effingen, Elfingen und Hornussen beschlossen 2017 Fusionsgespräche. Viele Details waren zu klären, darunter der neue Gemeindename und das Wappen. Im Vordergrund stand «Oberes Fricktal». Weil das Verwechslungen mit der gleichnamigen Region heraufbeschwor, kam «Böztal» vor «Rebthal» und «Unterberg» zum Zug. Als Wappen gefiel der auf die Weingegend und die Fusionsorte bezogene Vorschlag mit blauer Traube, vier roten Sternen und grünem Dreiberg.

Am 27. Juni 2019 stimmten die vier Gemeindeversammlungen dem Fusionsvertrag zu. Die Entscheide wurden in obligatorischen Urnenabstimmungen am 24. November 2019 bestätigt: In Bözen mit 236 Ja gegen 83 Nein (Stimmbeteiligung 55 Prozent), Effingen 167 Ja zu 112 Nein (67 Prozent), Elfingen 90 Ja zu 40 Nein (57 Prozent), Hornussen 186 Ja zu 99 Nein (45 Prozent). Der Grosse Rat sanktionierte der Fusion am 10. November 2020.

Ein wichtiger nächster Schritt war die Wahl des Gemeinderats. Die Behörde wurde am 7. März 2021 auf Anhieb bestimmt, was bei neun Kandidaturen nicht zu erwarten war. Das Rennen machten fünf hochkarätige «alte Hasen» aus allen vier Gemeinden: Guy David, bisher Vizeammann in Hornussen, Andreas Thommen, Ammann in Effingen, Esther Röthlin, Ammann in Elfingen, Robert Schmid, Ammann in Bözen und Roger Frey, Vizeammann in Bözen. In einer zweiten Runde wurde Andreas Thommen zum Vize- und in der dritten Runde Robert Schmid zum neuen Gemeindeammann von Böztal erkoren.


Abschluss und Neuanfang
Die letzten Gemeindeversammlungen in den Fusionsorten interessierten die Stimmberechtigten kaum mehr. Lediglich Elfingen erreichte mit 22 Prozent Beteiligung das Quorum für abschliessende Beschlüsse. In Bözen und Hornussen erschienen nur je 11 Prozent und in Effingen 18 Prozent der Stimmberechtigten zur Verabschiedung. Immerhin wurde in Bözen noch eine neue Stiftung aus einem Teil des Verkaufserlöses der gemeindeeigenen Elektra an das AEW konstituiert. Ihr Vermögen von 2,2 Millionen Franken soll für nachhaltige gesellschaftliche, kulturelle und energetische Aktivitäten eingesetzt werden.

Abschluss und Neuanfang flossen ineinander. Am 4. Dezember stand schon die erste Gemeindeversammlung von Böztal an. Sie dauerte sechs Stunden. Die 189 Anwesenden (10,2 Pro­zent der 1850 Stimmberechtigten) arbeiteten 17 Traktanden ab, angefangen von der Gemeindeordnung über eine Vielzahl von Reglementen bis zum Budget 2022 mit einem Steuerfuss von 114 Prozent. Alle Beschlüsse unterstehen dem fakultativen Referendum. Vorzeitig verliessen 70 ermüdete Teilnehmende die Versammlung – kein besonders glanzvoller Auftakt für das neue Gemeinwesen.


Keine Emotionen
Böztal wird mit 2650 Einwohnern die bevölkerungsmässig fünfgrösste und mit 2230 Hektaren sogar die flächenmässig grösste von 18 Gemeinden des Bezirks Laufenburg. Er rückt als kleinster der elf aargauischen Bezirke nahe zum Bezirk Zurzach auf. Dagegen sinkt die Bevölkerungszahl des Bezirks Brugg gegen die 50 000er-Grenze und nähert sich der Grösse des Bezirks Rheinfelden, der den achten Platz einnimmt.

Der «Absprung» von drei weiteren Gemeinden bewegt den Bezirk Brugg jedoch nicht sonderlich. Er verliert eine schöne Gegend, seine Sonnenstube, die gern als «Toskana des Aargaus» bezeichnet wird. Aber sie liegt neun Kilometer vom Bezirkshauptort entfernt und kommt halt «nur» als Randgebiet daher. Früher hätte der Verlust die Gemüter wahrscheinlich mehr beschäftigt. Aber die Bezirke haben seit der Aufhebung der Bezirksämter sowie der Zentralisierung der Grundbuchämter und weiterer Institutionen an Bedeutung und Zusammenhalt eingebüsst. Sie bilden noch die Wahlkreise für die Grossratswahlen. Da kann sich der Aderlass dann in der Reduktion von Grossratssitzen niederschlagen. Diese Erfahrung hat der Bezirk Brugg bereits gemacht.

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