Der Blick hinter den Vorhang

In den Aufbau ihrer Ausstellung im Brugger Zimmermannhaus hat Sadhyo Niederberger viel Herzblut investiert. Morgen Freitag ist Vernissage.

Immer wieder neu drappieren, bis alles stimmt: Kunstschaffende Sadhyo Niederberger und Kuratorin Andrea Gsell
Immer wieder neu drappieren, bis alles stimmt: Kunstschaffende Sadhyo Niederberger und Kuratorin Andrea Gsell (Bild: aru)

von
Annegret Ruoff

12. Januar 2018
09:00

Ausstellung im Zimmermannhaus

Die Ausstellung «Behind the Curtain/Beyond the Frame» vom 13. Januar bis 25. Februar zeigt Werke von Sadhyo Niederberger und Maia Gusberti gestaltet. 


Vernissage
Freitag, 12. Januar 19 Uhr, Zimmermannhaus Brugg
www.zimmermannhaus.ch 

Der Boden im oberen Raum im Zimmermannhaus ist belegt mit quadratisch bemalten Leinwänden. Auf dem Tisch im Gang liegt Werkzeug. Daneben eine Kaffeetasse und ein Handy. In einer Ecke des Raums wirft Sadhyo Niederberger gerade einen kritischen Blick auf eine Installation, die sie mit einer Schnur in Pink an die Wand geknüpft hat. Sie zuckt die Schultern, wechselt die Position, schaut von Neuem. «Nein, das geht nicht. Das nehm ich wieder weg.» Fragend schaut sie zu Andrea Gsell hinüber, die eben die Treppe hochgekommen ist, um einen Blick auf die werdende Ausstellung zu werfen. Sie gesellt sich zur Künstlerin, betrachtet das spontan entstandene Schnurwerk und geht mit Sadhyo Niederberger einig. «Auf mich wirkt es auch noch nicht stimmig», sagt sie.


Bezüge schaffen

Dann schreiten die beiden zur nächsten Arbeit. Es sind Faltbilder in Grautönen, die Sadhyo Niederberger 1996 geschaffen hat, um dem spannenden Wechsel von Licht und Schatten nachzuforschen. Nun hat sie die Leinwände an der Decke aufgehängt. Ein wenig mahnen sie an Mützen von Ku-Klux-Klan-Anhängern, etwas Unheimliches haftet ihnen an. Das passt zum Titel der Ausstellung «Behind the Curtain/Beyond the Frame», den die Kunstschaffenden Sadhyo Niederberger und Maia Gusberti zusammen mit Andrea Gsell, Leiterin des Brugger Zimmermannhauses, kreiert haben. Sie sei im Vorfeld mit den beiden Künstlerinnen zusammengesessen, offen dafür, was sich aus dieser Zusammenarbeit entwickle, erzählt Andrea Gsell. 

Im Lauf der Diskussion sei man auf diesen Titel gekommen. Das sei im Übrigen typisch für ihre Art, an Ausstellungen heranzugehen. «Ich will Kunstschaffende und ihre Arbeiten in einen Dialog bringen und bin selbst neugierig, was dabei entsteht», sagt sie. Ihrer Meinung nach gehe es in einer Ausstellung nicht nur darum, Werke zu präsentieren, sondern auch darum, Bezüge zu schaffen. 

Die kommende Werkschau ist die erste, welche Gsell, die seit August 2017 das Zimmermannhaus leitet, persönlich initiiert hat. Sadhyo Niederberger, selbst auch als Kuratorin tätig, schätzt die Vorgehensweise von Andrea Gsell. «Kunstschaffende arbeiten oft für sich alleine. Ich freue mich deshalb, mit einer anderen Künstlerin in einen Austausch zu kommen und dabei nicht nur einen Menschen, sondern auch ein Werk kennenzulernen», sagt sie. 


Vermitteln und ermöglichen

Aufgrund ihrer vollen Agenda ist Maia Gusberti jedoch erst in der Endphase ein gemeinsamer Aufbau möglich. Umso mehr schätzt Sadhyo Niederberger eine Woche vor der Vernissage den Aussenblick von Andrea Gsell. Diese hält sich jedoch bewusst zurück. «Mir ist wichtig, dass die Kunstschaffenden sich diese Räume hier selbst aneignen», sagt sie. «Ich versuche, ihnen dabei grossen Frei- und Experimentierraum zu lassen und verstehe meine Rolle auch als die einer Vermittlerin und Ermöglicherin», erklärt die Kuratorin. Den Tarif durchzugeben und eine Ausstellung exakt nach ihren Vorstellungen zu diktieren, sei weniger ihr Ding. «Ich sehe ein Potenzial in dem, was im Zusammenspiel zwischen zwei Kunstschaffenden entsteht.» Dabei kommen ihr die Räume des Zimmermannhauses wie neu vor. «Jetzt, wo ich die Ausstellungen hier begleite, erlebe ich, wie verschieden man sich denselben Raum zu eigen machen kann», sagt sie. 


Konfrontation mit der Intuition

Sadhyo Niederberger drappiert gerade die Elemente der Arbeit «I am Afraid of the Big Bad Wolf», für welche sie Sätze aus der New York Times vom 5. August 2017 verwendet hat. «Mich beschäftigt das Thema Angst und insbesondere der Aspekt der geschürten Angst», erklärt sie. Die Arbeit nehme als Zitat eines Zitats eines Zitats Bezug auf andere Quellen der Kunst und Literatur und mache deutlich, dass letztendlich alles auf die eine Grundangst reduziert werden könne. «Es ist diese Angst vor dem Unfassbaren, Undefinierbaren, vor dem ‹Bösen Wolf›», so Niederberger. Viele Anregungen für ihre Arbeiten bezieht die Aarauer Kunstschaffende, die viele Jahre in Brugg gewirkt hat, aus Literatur und Philosophie. So präsentiert sie auch anlässlich der Vernissage eine Sprechperformance. 

Immer wieder schweifen ihre Augen vom Detail in den Raum. «Das Schwierige ist, das Gesamte im Blick zu behalten», erklärt sie. Jede Ausstellung sei ein Wagnis, jeder Raum sei anders. «Mir ist wichtig, dass die Werke untereinander korrespondieren. Es ist oft eine Gratwanderung zwischen gegenseitiger Auf- oder Abwertung. Dabei bringt jeder Raum die Arbeiten wieder anders zum Klingen», weiss sie. «Bei gewissen Elementen bin ich mir sofort sicher. Da gibt es nichts mehr zu rütteln.» Bei anderen sei es ein langwieriges Ausprobieren und wieder Verwerfen. Das Konzepthafte stehe bei ihr nicht im Vordergrund, betont Sadhyo Niederberger. Ihr sei wichtig, alles immer wieder mit der Intuition zu konfrontieren. «Das hier muss auch noch weg», sagt sie bestimmt. «Ja, das kippen wir», findet auch Andrea Gsell. «Aber weiss du was? Ich mach uns jetzt mal einen Kaffee.» Danach ist der Blick wieder frisch für die Auseinandersetzung mit der nächsten weissen Wand.

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