Der Bundesrat aus Villnachern

Edmund Schulthess, der in Brugg tätig gewesene Jurist und Politiker, war von 1912 bis 1935 Bundesrat und viermal Bundespräsident.

Die Büste von Edmund Schulthess in der nach ihm benannten Allee
Die Büste von Edmund Schulthess in der nach ihm benannten Allee (Bilder: h.p.w.)

von
Hans-Peter Widmer

01. März 2018
09:00

Mit der nach ihm benannten Baum­allee vom Roten Haus bis zum Salzhaus und seiner Büste an deren Ende setzte die Stadt Brugg Edmund Schult­hess (1868–1944) ein Denkmal. Er war eine tatkräftige Persönlichkeit, mit scharfem Verstand und ausgeprägtem Sinn für pragmatische Lösungen. Diese Eigenschaften kamen ihm in seiner 23-jährigen Amtsdauer als Bundesrat und Vorsteher des Volkswirtschaftsdepartements von 1912 bis 1935 zugute. Er brachte eine der längeren Bundesratslaufbahnen hinter sich, die sich über die bewegte Zeit vom Ersten Weltkrieg und die nachfolgende Wirtschaftskrise bis ins Vorfeld des Zweiten Weltkriegs erstreckte. 


Nicht populär, aber geachtet

Schulthess war kein volkstümlicher Magistrat. Er genoss aber wegen seiner Sachkunde hohen Respekt. Typische Wesenszüge damaliger Politiker, wie die Liebe zu den Bergen, zum Wandern und zur Milizarmee, gingen ihm ab. Vaterländische Schützen- und Sängerfeste seien ihm so fremd gewesen wie das Jassen, dem dafür seine Bundesratskollegen umso eifriger oblagen, schrieb der seinerzeitige Bundeshausredaktor Hermann Böschenstein in einer Biografie nach Schult­hess‘ Tod. Schulthess entstammte «besseren Kreisen», doch er trat vorurteilslos an die Menschen aller Schichten heran. Er war der erste Bundesrat, der Gewerkschaftsführer so ernst nahm wie massgebende Industrielle und Bankdirektoren. 

Edmund Schulthess wuchs auf dem Aarhof bei Villnachern auf, einem 1830 als Dépendance von Bad Schinznach erstellten stattlichen Landwirtschaftsgut, das sein Vater 1850 kaufte und das Anfang der 1950er-Jahre dem Aarestau des Kraftwerks Wildegg-Brugg weichen musste. Edmund war das jüngste von vier Geschwistern, die im Leben alle gute Positionen erreichten. Die Vorfahren gehörten zu einem alten und vornehmen Zürcher Rats- und Gerichtsherrengeschlecht. Der Grossvater war zuletzt Pfarrer in Schinznach-Dorf. 


Eine steile Karriere

Schon in der Gemeindeschule Villnachern, in der Bezirksschule Brugg und in der Kantonsschule Aarau fiel Edmund Schulthess durch seine rasche Auffassungsgabe auf. Das Studium der Jurisprudenz führte ihn nach Strassburg, München, Leipzig, Bern und Paris, wo er seine Gattin, die feinsinnige Französin Margaretha Disqué, kennenlernte. Bereits als 23-Jähriger eröffnete er eine Anwaltskanzlei in Brugg. Er war für Firmen tätig, unter anderem als Verwaltungsratspräsident der Spar- und Leihkasse Brugg (Vorgängerin der heutigen NAB) und der Buchdruckerei Effingerhof sowie als Rechtsberater und für die Dauer eines halben Jahres sogar als Direktor der Brown, Boveri & Cie. in Baden.

Mit 25 Jahren wurde er Grossrat, mit 29 Grossratspräsident, mit 37 Ständerat und mit 44 Bundesrat. Schulthess gehörte dem demokratischen «linken» Flügel der Freisinnigen Volkspartei an. Als ehemaliger Bauernsohn pflegte er gute Kontakte zu Heinrich Abt, dem ersten Rektor der 1887 gegründeten Landwirtschaftlichen Winterschule in Brugg, und zu Ernst Laur, dem ersten Sekretär des Schweizerischen Bauernverbandes in Brugg. Sie waren die agronomischen «Lehrmeister» des späteren Volkswirtschaftsministers. Weniger die städtische, dafür die ländliche Bevölkerung honorierte dies. 1905 wurde Schulthess gegen den Brugger Stadtammann, den populären Arzt und späteren Nationalrat Dr. Hans Siegrist aus dem freisinnig-radikalen Lager, in den Ständerat gewählt.


Mit der Not konfrontiert

Als der Thurgauer Bundesrat Adolf Deucher 82-jährig (!) im Amt starb, das er drei Jahrzehnte innehatte, und drei Tage später auch der Waadtländer Marc-Emile Ruchet verschied, musste die Vereinigte Bundesversammlung am 17. Juli 1912 eine Doppelvakanz besetzen. Um den Deutschschweizer Sitz kam es zur Kampfwahl zwischen dem Bündner Calonder, dem Schaffhauser Spahn und dem Aargauer Schulthess, der im dritten Wahlgang dank mehrheitlicher Unterstützung der Katholisch-Konservativen siegte. Sie belohnten seine loyale Einstellung in konfessionellen Angelegenheiten. Allerdings wurde der «KK»-Bundesrat Jean Marie Musy sein schärfster Gegenspieler. Hingegen verstand er sich mit dem andern katholisch-konservativen Amtskollegen Giuseppe Motta ausgezeichnet.

Sofort übernahm Schulthess das Volkswirtschafts- und nicht das Finanzdepartement, wie erwartet wurde. Er sah sich rasch mit den wirtschaftlichen und sozialen Nöten des Ersten Weltkriegs konfrontiert. Die Herausforderung war gross, zumal der zur Verfügung stehende Apparat weder personell noch materiell genügte. Schulthess prägte die schweizerische Wirtschafts- und Handelspolitik auf längere Sicht, auch wenn er mit seinen Vorschlägen nicht immer durchdrang. Der Generalstreik 1918 – der die Enttäuschung weiter Volkskreise über Preisdruck, Wucher und Schleichhandel widerspiegelte – trübte seine Leistungen. 


Erster AHV-Initiant

Aus den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs zog der Volkswirtschaftsminister Lehren für die Krisenbewältigung in den 1920er- und die Kriegsvorsorge in den 1930er-Jahren. Ohne ideologische Scheuklappen setzte er sich für die Zusammenarbeit mit Arbeitnehmerorganisationen und für den ersten Entwurf einer eidgenössischen AHV ein, der aber 1931 scheiterte. Das trug ihm den Vorwurf ein, es fehle ihm an ordnungspolitischen Grundsätzen, was ihn schwer verletzte. Trotzdem wurden ihm beim Rücktritt ausserordentliche Ehrungen zuteil. 

Der Ruhestand fiel Edmund Schult­hess nicht leicht. Etwas überrascht nahm die Öffentlichkeit 1937 zur Kenntnis, dass er bei einem Aufenthalt in Berlin Adolf Hitler traf, der ihm – was immer das heissen mochte – die Respektierung der schweizerischen Neutralität versprach. Neben dem Präsidium der neuen Eidgenössischen Bankenkommission wartete Schulthess vergebens darauf, in der Kriegswirtschaft nochmals gebraucht zu werden. Die Verschlechterung des Gehörs sowie Altersbeschwerden lies­sen ihn eigensinniger werden. Am 22. April 1944 starb er 76-jährig. 17 Jahre nach seinem Tod errichtete ihm die Stadt Brugg 1961 ein schlichtes Denkmal.

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