«Der Film ist der Solist»

Dreissig Musikerinnen und Musiker des Siggenthaler Jugendorchesters – alle unter 20 – werden live Filmmusik zu Chaplin-Stummfilmen spielen.

Proben in der Musikwerkstatt: Nach den durch die Corona-Pandemie bedingten Absagen der Konzerte 2020 gibt es für das Siggenthaler Jugendorchester, SJO, wieder Auftritte in Brugg. (Bild: sha)

von
Feller, Elisabeth

07. April 2021
17:45

«Jeder Tag, an dem du nicht lächelst, ist ein verlorener Tag»: Dies war das Motto des Multitalents Charlie Chaplin, der 1977 im Alter von 88 Jahren in Corsier-sur-Vevey starb. Man muss Marc Urech nicht einmal danach fragen, weil man sein zustimmendes Nicken und sein fröhliches Lachen erahnt: Der Klarinettist und langjährige Leiter des Siggenthaler Jugendorchesters (SJO) liebt Charlie Chaplins Filme seit Kinderzeiten heiss und innig. «Meine Geschwister und ich sind ohne Fernseher aufgewachsen», sagt er, «aber wir versammelten uns im Elternhaus regelmässig, um Stummfilme von Charlie Chaplin auf Super-8 anzuschauen.» Wen verwunderts, dass der Musiker demnach seine langgehegte Idee – mit dem SJO Filmmusik zu Chaplin-Filmen zu spielen – unbedingt realisieren wollte. Jetzt klappts, und das ausgerechnet in einer Zeit der Pandemie, die das kulturelle Leben empfindlich beeinträchtigt.


Nicht unterkriegen lassen

Sich deswegen unterkriegen lassen? Kommt nicht infrage. Schon gar nicht dann, wenn in Stephan Filati, dem Leiter der Brugger Kinos Odeon und Excelsior, ein Gleichgesinnter da ist, der dem SJO und Marc Urech gewissermassen den roten Teppich ausrollt. Will heissen: Filati lädt Orchester und Dirigent ins Excelsior ein, in dessen Orchestergraben dreissig Musikerinnen und Musiker spielend Platz finden. «Wir treten diesmal nicht in der gewohnten, grossen Besetzung an, weil wir den Corona-Regeln Rechnung tragen müssen. Das heisst: Sämtliche, in weitem Abstand und abgesehen von den Bläsern, mit Maske spielenden Orchestermitglieder sind unter zwanzig Jahre alt, denn ihnen sind Proben gestattet.» Seit Anfang März finden diese wie in den Jahren zuvor in der Musikwerkstatt Brugg statt, doch nun im Schichtbetrieb, nämlich von 18 bis 19.45 Uhr und von 20.15 bis 22 Uhr. Auch an den Wochenenden wird gearbeitet, verworfen, gefeilt und schliesslich für gut befunden, «und das», betont Urech, «mit einer Lust und Freude, die mich beeindruckt und berührt».  Man merke in dieser Zeit wieder einmal, dass Musizieren ein Mannschaftssport sei, den man gemeinsam entwickeln müsse.


«Jede Filmszene ist gleich lang»

Teamplayer sind in einem Orchester also gefragt; geht es um das Begleiten der drei Chaplin-Stummfilme «Easy Street», «The Rink» und «Behind The Screen» erst recht. Weshalb? Marc Urech holt aus und erzählt vom letzten Konzert des SJO mit dem Pianisten Oliver Schnyder, der Sergei Rachmaninows 3. Klavierkonzert – auch bekannt als «Konzert für Elefanten», weil es mit technischen Schwierigkeiten gespickt ist – gespielt hat. «Man muss einen Solisten mit Empathie begleiten, muss sensibel reagieren können auf das, was dieser spielt. Der ist aber keine Maschine; er spielt das Konzert jeden Tag eine Spur anders. Ein Orchester reagiert selbst auf kleinste Veränderungen. Wichtig sind auf alle Fälle organische Übergänge. Begleiten wir jedoch einen Film, haben wir eine völlig anderen Ausgangslage. Denn der Film hat – im Gegensatz zum Solisten – jeden Tag dieselbe Laune. Zudem ist jede Filmszene stets gleich lang.» Bei der Begleitung eines Stummfilms sei also viel mehr vorgegeben. «Trotzdem», so Marc Urech, «muss auch da beim Publikum der Eindruck eines gemeinsamen Atmens entstehen. Kurzum: Der Film ist der Solist.» Noch eine Erschwernis erwähnt Marc Urech. In einem Orchester mit nur gerade dreissig Musikerinnen und Musikern könne sich keiner «verstecken». Es gebe beispielsweise nur drei erste Geigen und einen Kontrabass: «Man hört mithin auch das, was in einem grossen Orchester untergeht.» O ja, einen Film live zu begleiten, sei anstrengend und fordere alle, aber: «Man kann sich neu entdecken im Orchester. Das ist eine gute Erfahrung.»


Grosse Wertschätzung

Der langjährige SJO-Dirigent kennt den Komponisten der  Nachvertonungen von Stummfilmen seit Langem: Der Amerikaner Carl Davis zählt mit Musik zu über hundert  Fernsehserien zu den renommiertesten Vertretern seines Fachs. Als Marc Urech den Komponisten fragte, ob er dessen Notenmaterial verwenden dürfe, sagte dieser sofort zu. Urech ist glücklich: «Das ist eine Riesenwertschätzung.» Dabei war das Material zu einem Film nicht einmal gedruckt. Dass der britische Verlag Faber Music dann in Windeseile die Noten druckte und diese vierzehn Tage vor der ersten Probe in Brugg eintrafen, bezeichnet Marc Urech «als Geschenk». Als ein solches wollen Dirigent und SJO auch die zehn Aufführungen im Kino Excelsior verstanden wissen.

Vom 13. bis 16. Mai wird vor jeweils fünfzig Zuschauerinnen und Zuschauern gespielt. Reissen alle Stricke, will heissen: müssen Vorstellungen wegen neuer Corona-Regeln abgesagt werden, kommt Plan B zum Einsatz. Ende August/Anfang September bietet das Kino Excelsior wieder Termine an. An welchen Tagen auch immer: Das Siggenthaler Jugendorchester und Marc Urech hoffen, dass man sich im Kino an Charlie Chaplins Devise erinnert, wonach «jeder Tag, an dem du nicht lächelst, ein verlorener Tag» ist.

Tickets und Informationen gibts  unter sjo.ch oder excelsior-brugg.ch.

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