Der finale Dahlihaus-Entscheid

Eine ausserordentliche Gemeindeversammlung in Hausen entscheidet, ob das Dahlihaus verkauft, erhalten und genutzt oder abgebrochen werden soll.

Das Schuhmacherhüsli im Vordergrund und das Dahlihaus sind ein Stück Hauser Dorfgeschichte
Das Schuhmacherhüsli im Vordergrund und das Dahlihaus sind ein Stück Hauser Dorfgeschichte (Bild: h.p.w.)

von
Hans-Peter Widmer

19. Februar 2018
09:00

Nach der deutlichen Ablehnung einer ersten Vorlage im Juni 2017 unternimmt der Gemeinderat Hausen einen neuen Anlauf zur Rettung des 458-jährigen Dahlihauses, des ältesten und letzten reinen Hochstudgebäudes im Dorf. Er schlägt der Gemeindeversammlung am 7. März vor, die Liegenschaft an Robert und Veronika Kühnis aus Windisch zu verkaufen – mit der Auflage, das Objekt zu sanieren, es in seinen charakteristischen Elementen zu erhalten und neu zu nutzen. Oder aber – als Plan B – 85'000 Franken für den Abbruch zu bewilligen. Die Stimmberechtigten stehen damit vor einem alternativen Grundsatzentscheid. 


Ein Konzeptionswechsel

Das jetzige Projekt unterscheidet sich konzeptionell klar von der letztjährigen Variante. Damals war vorgesehen, die Liegenschaft einer noch zu gründenden Trägerschaft – wahrscheinlich einer Genossenschaft – für 99 Jahre im Baurecht zum symbolischen Zins von einem Franken jährlich abzutreten. Aufgrund vorheriger Studien bestand die Idee, das Dahlihaus in seiner ursprünglichen Form zu rekonstruieren, darin unter anderem auch Räume für Veranstaltungen zu schaffen sowie durch einen südseitigen Anbau mit Wohnungen, Ateliers oder dergleichen zu ergänzen. Deren Mieterträge hätten die Sanierung und Erhaltung des Altbaus mitfinanzieren sollen.

Diesen Plan zerzausten die Gegner mit juristischen, finanziellen und baulichen Einwänden. Sie bezweifelten die Renovationsfähigkeit des Objekts und kritisierten die fehlende Identität des Baurechtpartners, aber auch die lange Vertragsdauer und die extrem tiefe Entschädigung. So verliere die Gemeinde über die Jahre viel Geld, betonten sie – und überzeugten damit die Stimmberechtigten.

In der jetzigen Vorlage wird nicht mehr die praktisch unentgeltliche Abtretung des Dahlihauses im Baurecht vorgeschlagen, sondern dessen Verkauf zum Preis von 365'000 Franken. Der Kaufvertrag ist der Öffentlichkeit vor der Unterzeichnung zur Kenntnis gebracht worden. Dieses Mal sind die Regelungen klar. Der Käufer ist bekannt. Seine Absichten stehen fest. Kühnis will im Dahlihaus vier bis fünf Wohnungen einrichten und das zum Ensemble gehörende Schuhmacherhüsli sowie den Vorplatz mit Nussbaum und Sitzplatz der Bevölkerung als Treffpunkte zugänglich halten. 


Keine Abbruchbude

Für die zunächst in Auge gefassten Veranstaltungsräumlichkeiten im Dahlihaus besteht kein Bedarf mehr. Denn die im Bau befindliche Doppelturnhalle mit Gemeindesaal deckt diese Bedürfnisse ab. Das Projekt Kühnis weicht baulich von der früheren Sanierungsversion ab. Es sieht auch keinen neuen Zusatzbau mehr vor. Dafür sollen die im 18. und 19. Jahrhundert dem Kernbau beigefügten Wohnungsanbauten auf der Ost- und der Südseite – die bei ersten Sanierungsüberlegungen eher als störend empfunden wurden – bestehen bleiben. Sie sind für Robert Kühnis ein Bestandteil der Geschichte des Gebäudes, die sich über fünf Jahrhunderte erstreckt. 

Seit die Kantonsarchäologie das Dahlihaus untersuchte und als Kulturgut von kantonaler Bedeutung bewertete und seit Robert Kühnis in den letzten Monaten seine Pläne der Öffentlichkeit darlegte, hat sich der Eindruck verfestigt, dass das charaktervollste Gebäude im Dorf renovationswürdig und keine Abbruchbude ist. Der ehemalige Kantonsschulrektor und frühere Windischer Gemeinderat hat ein Auge für alte Bausubstanz. Wo andere baufällige Objekte abreissen, lässt er deren Charme mit sanften Renovationen wieder aufblühen. Und er zeigt dabei, dass eine zeitgemässe Nutzung dem originalen Erscheinungsbild nicht im Weg stehen muss.


Kernfrage: das Geld

Wie es aussieht, bilden auch beim jetzigen Entscheid finanzielle Erwägungen die Pièce de Résistance. Gewinnt oder verliert die Gemeinde bei dieser Lösung? Fest steht, dass der beantragte Verkauf der Liegenschaft für 365'000 Franken profitabler ist als die abgelehnte Variante mit der Gratisabgabe im Baurecht. Aber ist der Verkaufspreis hoch genug? Zunächst stellt sich die Frage: Was hat die Gemeinde in die Liegenschaft investiert? Die Antwort lautet: Der Kauf der verschiedenen Hausanteile sowie Gutachten und Studien beliefen sich auf insgesamt 294'000 Franken. 

Bis vor sechs Jahren führte die Gemeinde die Liegenschaft mit 273'000 Franken in der Bilanz. Dann wurde das neue HRM-Rechnungsmodell eingeführt und ein auf der Grundstückgrösse basierender fiktiver Buchwert von 733'000 Franken angenommen. Aber er ist zu hoch. Davon darf nicht mehr ausgegangen werden. Denn er berücksichtigt Einschränkungen nicht, die sich unter anderem aus der Form und erschwerten Überbaubarkeit der Parzelle sowie den bestehenden engen Baulinien ergeben, die einer allfälligen Neuüberbauung hinderlich wären. 


Die andere Rechnung

Inzwischen wurde der Buchwert des Grundstücks auf 587'000 Franken zurückgestuft. Und eine unabhängige Schätzung, welche die mit dem Projekt «Restauration Dahlihaus» verbundenen Auflagen berücksichtigte, kam auf 360'000 Franken. Sie bestätigte, dass der Verkaufspreis von 365'000 Franken angemessen ist. Verkauf und Nutzung des Dahlihauses bringen Einnahmen. Der Abbruch verursacht nur Kosten. Und ein leeres Grundstück ist totes Kapital, das keinen Ertrag abwirft. 

Effektiv kostet die auf privater Initiative basierende Restaurierung und Erhaltung des letzten Zeugen der Gründersiedlung von Hausen die Gemeinde nichts. Vielmehr bleiben das Schuhmacherhüsli und der Ruheplatz unter dem Nussbaum der Bevölkerung weiterhin zugänglich. Die künftigen originellen Wohnungen im Dahlihaus dürften begehrt sein. Von ihren Bewohnern sind jährlich mehrere tausend Franken Steuern zu erwarten.


Öffentliche Podiumsveranstaltung über die Zukunft des Dahlihauses: 
Mittwoch, 21. Februar, 19 Uhr
Werkstatt Domino, Hausen

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