«Der Fotografenberuf wird unterschätzt»

Im April 2021 geht Max Gessler nach 45 Jahren Berufsfotografen-Dasein in Pension. Sein Beruf hat den Brugger um die ganze Welt gebracht. 

Max Gessler mit Werbeprospekten, für die er fotografiert hat. Sein rund 80 Kilogramm schweres Equipment schleppte er – falls nötig – auch eigenhändig bis in den afrikanischen Busch. (Bild: ub)

13. Januar 2021
15:00

Das Fotostudio, welches sich Max Gessler in den 80er-Jahren im Untergeschoss seines Wohnhauses an der Bahnhofstrasse in Brugg einrichtete, ist immer noch vollständig ausstaffiert. Obwohl der 69-Jährige sich auf den Frühling 2021 ins Privatleben zurückziehen möchte, will er seine Passion, das Fotografieren, nicht ganz loslassen. «Ich mache noch Porträts oder einzelne Spezialaufträge. Das, was mir gerade Lust macht», sagt er und lacht. Sein Blick schweift über einen langen Tisch, auf dem sich Aberhunderte von Prospekten renommierter Firmen stapeln, die er realisiert hat. Ausserdem sortiert er Negative seines Vaters Armin, der sich von 1946 bis 1976 als Fotograf und mit seinem Fotofachgeschäft einen Namen machte. Max Gessler will als persönliches Andenken zum Geschäftsschluss ein Best-of-Buch aus insgesamt 75 Jahren Vater/Sohn-Karriere von Foto Gessler gestalten. «Die Lieblingsaufnahmen digitalisiere ich. Alles andere wird nach meiner Auswahl fürs Buch entsorgt», meint er. Loslassen fällt ihm sichtlich leicht. 

 

Traumberuf von Kindesbeinen an

Dass er einmal Fotograf werden möchte, war Max Gessler schon von Kindesbeinen an klar. «Mama und Papa führten ein gut gehendes Fotogeschäft in Brugg. Die anregenden Gespräche am Familientisch prägten mich schon früh. Bereits in der Bezirksschule wusste ich, dass kein anderer Beruf für mich infrage kommt.» Während seine Kollegen noch Karl-May-Bücher verschlangen, las er Fotofachmagazine. Damals war noch alles analog und schwarz-weiss. «Die Herstellung der Druckfilme für das Abdrucken einer Farbaufnahme von einem Dia kam auf bis zu 1000 Franken zu stehen. Zudem galten im grafischen Gewerbe Farbfotos als kitschig und künstlerisch wenig wertvoll.» 

 

Innovator und Abenteurer

Max Gessler arbeitete nach seiner Lehre bei einem Industriefotografen für ein Farblabor in Bremgarten und anschliessend als Fotoreporter bei Keystone. Als einer der ersten lichtete er Persönlichkeiten nicht nur mit einem in Pose geworfenen Strahlelächeln ab, sondern ganz natürlich in ihrer momentanen, emotionalen Befindlichkeit. Was damals als Novum galt, ist heute selbstverständlich. Die Zeitung «Blick» wollte ihn vom Fleck weg engagieren. Doch Gessler machte nebenberuflich ein Handelsdiplom und sammelte Berufserfahrungen in diversen Fotoateliers. 1976 wurde er mit gerade mal 24 Jahren Geschäftsführer der Firma Foto Gessler. «Schon damals war mir klar, dass die klassischen Fotogeschäfte ein schnelles Verfallsdatum hatten. Discounter wie Eschenmoser machten sich breit.» Der gute Name seines Vaters und seine spezielle Begabung für gute Lichtgestaltung verhalfen ihm trotzdem zu vielen Aufträgen. Beflügelt von seinem Erfolg, baute er in der neu erworbenen Liegenschaft an der Bahnhofstrasse ein Grossstudio für Auto- und Werbefotografie und eröffnete das Fotofachgeschäft Fotomax am Neumarktplatz. Das ursprüngliche Fotogeschäft seines Vaters wandelte er in die Papeterie Büromax um. Beide Geschäfte verkaufte er Jahre später, um sich ausschliesslich auf die Werbefotografie zu konzentrieren. Mit Geschäftspartner Heinz Erismann entwickelte er die Multimage-Fotografie, ein 360°-Fotosystem, welches weltweit einzigartig war. «Allein die Entwicklung der Kamera kostete uns 850 000 Franken», erzählt Gessler. Aber er war schon immer ein Abenteurer, wenn es darum ging, neue Wege zu gehen. 

 

Belgischer Kronschatz in Brugg

Auch als sich Gessler nach 13 Jahren von seinem Partner trennte, war die spezielle Multimage-Technik immer noch gefragt. Und dank Spezialaufträgen überstand der Innovator auch den Wechsel von der Analog- zur Digitalfotografie gut. Wenn er erzählt, wie er den belgischen Kronschatz oder ein Goldlager der Schweizer Banken unter grösster Geheimhaltung fotografieren durfte, funkeln seine Augen abenteuerlustig. «Für einen Autoprospekt war ich einmal 84 Tage am Stück im Studio tätig und sah in dieser Zeit praktisch kein Tageslicht.» Die 80-Kilogramm-Ausrüstung schleppte er durch jedes Land von Europa, durch die USA und fast sämtliche asiatischen Industrieländer. Für die Schokoladeindustrie suchte er in Ghana nach dem Ur-Kakaobaum, wo nur noch ein Fussweg durch das Gebüsch führte. «Der Fotografenberuf wird von aussen gesehen unterschätzt. Er ist körperlich oft extrem anstrengend», sagt Gessler. Deshalb ist er auch froh, dass er es ab dato etwas ruhiger nehmen kann. «Ich möchte nach der Pandemie mit meiner Frau Elisabeth gerne wieder mehr reisen», sagt der Vater von zwei erwachsenen Kindern und lehnt sich gelassen zurück. So, wie es nur jemand kann, der ein erfülltes Leben hinter sich hat und immer noch offen und neugierig auf die Zukunft ist. 

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