Der Jurist, der Kindern zuhört

Giuseppe Dell’Olivo ist Kinderanwalt in Baden. Der viel beschäftigte Jurist nimmt seine Schützlinge so ernst wie Erwachsene.

In seinem Büro empfängt der Jurist die Kinder (die jungen Klientinnen und Klienten) zum Gespräch. (Bild: mk)

18. November 2020
18:06

Im Sitzungszimmer der Advokatur von Giuseppe Dell’Olivo gibt es keine Spielecke. In der Schublade liegen aber Malsachen bereit, falls das Kind, das er empfängt, während der Besprechung zeichnen möchte. Die Mama oder der Papa wartet unterdessen draussen, denn das Gespräch, das der Anwalt mit dem jungen Klienten führt, ist vertraulich.

Der 61-jährige Brugger mit Kanzlei in Baden ist einer von einer Handvoll Kinderanwältinnen und -anwälten im Aargau. Bei Sorgerechtsstreitigkeiten, Heimplatzierungen oder in Strafverfahren gegen gewalttätige Bezugspersonen hört er die Betroffenen an und macht ihre Interessen juristisch geltend.

«Mein Beruf ist Berufung», sagt Dell’Olivo. Seit Beginn seiner Laufbahn ist er im Familienrecht tätig. Um die oft sehr konfliktbeladenen Situationen, etwa bei Kampfscheidungen, entschärfen zu können, bildete er sich zum Mediator weiter. Später folgte die Zusatzausbildung zum Kindesvertreter. Denn während er jahrelang Mandate für Mütter und Väter übernommen hatte, war der Wunsch gewachsen, den mitbetroffenen Kindern eine Stimme zu geben. «Es ist ganz wichtig, dass ein Kind seine Anliegen gegenüber dem Richter oder einer Behörde äussern darf», ist er überzeugt. «Auch wenn am Schluss nicht immer nach den Wünschen des Kindes entschieden wird, weiss es: Ich wurde gehört.»


Kinder eröffnen Perspektiven
In der Schweiz sollten Kinder ab etwa sechs Jahren in einem Gerichtsverfahren angehört werden. Zusätzlich haben sie ab Geburt das Recht, von einer Anwältin oder einem Anwalt vertreten zu werden. Einerseits können Gerichte oder die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (KESB) eine Vertretung anordnen. Andererseits dürfen Eltern oder Kinder ab zwölf Jahren selbst einen Anwalt beantragen.

Die Sicht der Kinder bringe oft neue Ansätze in destruktive Prozesse, findet Dell‘Olivo. «Wenn es um die Frage geht, bei wem der Sohn und die Tochter nach der Trennung wohnen sollen, läuft es oft darauf hinaus, dass der eine Elternteil den andern schlechtmachen muss, um die eigenen Chancen zu verbessern», sagt er. «Die Ansichten der Kinder eröffnen hier eine andere Perspektive: Sie haben die Mutter und den Vater in vielen Fällen gleich gern, haben aber trotzdem gute Gründe, sich für das Wohnen beim einen oder anderen zu entscheiden.»

Ein Fall hat ihn besonders beeindruckt: Ein Paar mit vier Kindern zwischen 9 und 17 Jahren steckte in der Kampfscheidung. Die zwei Jüngsten wollten unbedingt oft zum Papa auf Besuch gehen können, die Grossen lieber weniger bis gar nicht. «Da gab ich den Kindern den Auftrag, gemeinsam ein Konzept dazu auszuarbeiten, was sie wollen.» Die Geschwister hätten grosses Verständnis füreinander gehabt und schliesslich einen Kompromiss vorgelegt: Sie würden alle bei der Mutter wohnen, die Jüngeren dürften aber jederzeit mit dem Velo zum Vater. «Im Gespräch mit den Eltern und ihren Anwälten liessen sich beide Elternteile davon überzeugen, dass der Vorschlag der Kinder für alle eine gute Lösung ist. So konnte die Kampfscheidung wesentlich entschärft werden», erinnert sich der Jurist.


Wenn Kinder nicht aussagen
Die Kinder als Gegenüber ernst zu nehmen, ist Giuseppe Dell’Olivo wichtig: «Ich behandle sie gleichwertig wie Erwachsene und mache mit ihnen immer auch ab, was ich dem Gericht schreibe – und was nicht.» Es komme auch vor, dass Kinder als Opfer in einem Strafverfahren nicht aussagen wollten; das gelte es zu respektieren. Er nennt das Beispiel eines Jungen, der von seinem Onkel geschlagen wurde. Eine ausserfamiliäre Person erstattete daraufhin Anzeige. Der Junge wollte seinen Onkel jedoch nicht belasten, weil er fürchtete, dann den Kontakt zu seinen geliebten Cousins zu verlieren.

Weil die Kindermandate mitunter belastend sind und hohe Flexibilität erfordern, ist der Anwalt froh, dass er noch in anderen Bereichen tätig ist. «Fälle im Arbeitsrecht sind geradezu entspannend dagegen», sagt er. Trotzdem sind für ihn die Vertretungen Minderjähriger eine Herzensangelegenheit. «Die Kinder bekommen meine Handynummer», verrät er, «Erwachsenen gebe ich sie fast nie.»

Seine Schützlinge wissen das zu schätzen. Einmal erreichte ihn ein Anruf einer Jugendlichen, die er zwei Jahre zuvor in einem turbulenten Heimplatzierungsverfahren vertreten hatte. Er rechnete schon mit neuem Ungemach. «Aber sie wollte mir nur mitteilen: ‹Herr Dell’Olivo, inzwischen geht es mir gut!›»

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