Der Mann mit den heilenden Händen

Marcel Rosset ist eine Institution im Bäder- und Therapiebetrieb Schinznach. Zum Glück etappiert er seinen Rücktritt.

Marcel Rosset ist ein erfahrener Therapeut. (Bild: hpw)

25. August 2021
14:00

Seit 43 Jahren ist der gebürtige Waadtländer Marcel Rosset als Therapeut im Bad Schinznach tätig. In dieser Zeit hat er den Wandel des traditionellen Kurhauses mit Schwerpunkt Rheumabehandlung zum vielseitigen Bäder- und Therapiebetrieb und zur anerkannten Rehabilitationsprivatklinik «Im Park» für Patientinnen und Patienten mit Erkrankungen des Bewegungsapparats sowie mit neurologischen Beschwerden miterlebt – und er ist selber ein Aushängeschild der Institution geworden.

Mit 65 Jahren ist er nun an der Pensionsschwelle angelangt. Aber er tritt nicht abrupt in den Ruhestand, sondern reduziert sein Pensum vorläufig auf 60 Prozent. Darüber sind alle froh, die sich seinen heilenden Händen anvertrauen. Mehr als erleichtert ist auch seine Arbeitgeberin. Daniel Bieri, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Bad Schinznach AG, sagt: «Marcel Rosset ist ein Unikat, es ist unmöglich, ihn eins zu eins zu ersetzen.»


Den ganzen Menschen im Auge

Mit seinen Behandlungsgrundsätzen und -methoden hat sich Marcel Rosset als Körpertherapeut innerhalb der vielfältigen therapeutischen Behandlungsketten ein eigenes Refugium aufgebaut. Er will nicht nur akute Beschwerden lindern, sondern für eine dauerhafte Heilung auch ihre Ursachen ergründen. Warum ist ein Muskel blockiert, ein Gelenk entzündet, ein Rücken verspannt oder die Blutzirkulation in den Beinen gestört? Dazu fasst er den Menschen in seiner Ganzheitlichkeit ins Auge. Sein Wissen über den Körper und die Zusammenhänge der Organe ist frappant. Das erklärt er so: «Ich war immer neugierig und habe begriffen, dass sich aus der Organsprache viel ablesen lässt.» Der Mensch ist für ihn keine Maschine aus Einzelteilen, sondern ein «Gesamtkunstwerk». Aber jeder Mensch ist anders – «das macht die Arbeit spannend».

Viele Erkenntnisse erwarb Marcel Rosset durch lange Erfahrung und stete Fortbildung. Zum Beispiel in Kinesiologie zum Lösen von Blockaden und in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) sowie durch Kontakte mit tibetanischen Mönchen. Er beschäftigte sich auch mit der japanischen Heilkunst. Dass die Wissenschaft die therapeutische Wirksamkeit alternativer Behandlungsmethoden nicht immer für verifizierbar hält, ficht ihn nicht an: «Ich habe nichts Neues erfunden, aber vieles selber ausprobiert – auch mit Rückschlägen – und klare Bestätigungen bekommen, dass altes Wissen aus der Heilkunde hilfreich ist.» Wohl nicht ohne Grund legt sich «der halbe Aargau» auf seine Behandlungsliege – darunter auch Schulmediziner.


Zwei Wegmarken im Leben

Marcel Rosset behandelt in den stilvoll umgebauten Räumen des Hofratsgebäudes, das zum einstigen Gutshof von Bad Schinznach gehörte und 2010 in die Thermi-Spa-Anlage integriert wurde, Heilungsuchende aller Altersstufen, von Kindern bis Seniorinnen und Senioren. Dabei sieht er verschiedenste Krankheiten, von muskulösen und skeletösen Beschwerden über chronische Leiden – nicht selten mit Ernährungs- und Bewegungshintergründen – bis zu Störungen durch Stress, Spannungen und Angst. «Viele Menschen leiden unter bedenklichem Druck», stellt er fest. Er versucht, den Leuten auch zu zeigen, wie sie sich selber helfen können – so, wie auch er es durch Disziplin und Ausdauer zur Professionalität brachte.

Zu seinem Beruf und seiner bewussten Lebenshaltung führten ihn zwei besondere Umstände. Er wurde 1956 in Ormont-Dessus, einer Gemeinde oberhalb von Aigle (VD), geboren. Die Vorfahren waren Hugenotten, vorwiegend Kaufleute. Als er fünfjährig war, zog die Familie nach Liestal und später nach Olten. Die Mutter war eine Solothurnerin. Marcel Rosset lernte Hochbauzeichner und Maurer. Wegen eines Unfalls musste er ins Spital und in die Therapie, die ihn dermassen faszinierte, dass er in dieses Tätigkeitsfeld umsattelte. Dann veranlasste ihn ein lebensgefährlicher Zusammenbruch wegen akuter Hypokaliämie (Kaliummangel) zur dauerhaften Umstellung der Lebensweise mit sorgsamer Ernährung und Work-Life-Balance. So tritt er den dritten Lebensabschnitt in bewundernswerter Fitness an.


Etwas zurückgeben

Dass Marcel Rosset dem Bad Schinznach sein ganzes Berufsleben widmete und insgesamt über 100 000 Behandlungen durchführte, kam nicht von ungefähr. Von Anfang an gefiel ihm dessen Ambiance, seine historische Vergangenheit mit jahrhundertealter Bäder- und Heiltradition, die Einbettung in eine Parklandschaft mit einer wunderbaren Promenade an der Aare. «Ich empfinde es als Privileg, an einem Ort zu arbeiten, wo andere Ferien machen.» Der Arbeitsantritt 1978 ist ihm unvergessen geblieben: «Ich meldete mich im Personalbüro, der Chef empfing mich mit den Füssen auf dem Pult und dickem Zigarrenrauch.» Nachdem er sich vorgestellt hatte, beschied man ihm auf der Stelle: «Solche Leute kann man immer brauchen.»

Mit seiner vorläufig 60-prozentigen weiteren Tätigkeit will der Pensionär seiner Arbeitgeberin etwas zurückgeben für die guten Bedingungen, die sie ihm 43 Jahre bot. Die Pensumsreduktion bedeutet indessen, dass er keine neuen Klienten mehr aufnehmen und auch nicht mehr alle bisherigen Kunden behandeln kann. Die Triage, gesteht er, sei ein kniffliges Problem. Was nimmt er sich für die nun etwas geruhsamere Zukunft vor? «Ich will meine positive Einstellung und die disziplinierte, erfüllende Lebensgestaltung weiterführen.»

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