«Der Vorverkauf lief miserabel»

Morgen ist Premiere des «Besuchs der alten Dame». Produzent Rico Spring sagt im Interview, worauf er sich freut und was ihm Sorgen bereitet.

Rico Spring macht sich vor der Premiere Sorgen um den Fortbestand der Aargauischen Freilichtbühne. (Bild: sha)

27. Juli 2022
16:30

Rico Spring, 67

Rico Spring ist als Gründer der Aargauischen Freilichtbühne und des Verlags mit Sitz in Aarau bekannt. Bei vielen seiner Stücke wirkt der Drehbuchautor auch als Regisseur. Ursprünglich hatte der in Brugg aufgewachsene Spring eine KV-Lehre bei der Aargauischen Kantonalbank in Brugg absolviert und war danach in der Musikbranche und seit 35 Jahren in der Theaterbranche tätig.

Rico Spring, wie ist die Gefühlslage so kurz vor der Premiere?

Die Vorfreude, dass es losgeht, ist riesig. Endlich beginnen die Vorstellungen. «Der Besuch der alten Dame» ist Friedrich Dürrenmatts Paradestück, das der Gesellschaft einen Spiegel vorhält und zeigt, wie dekadent wir Menschen sein können. Es hat wohl immer, aber ganz speziell auch in der heutigen Zeit mit ihren Irrungen und Wirrungen, seine Berechtigung. Wir hatten uns die Exklusivrechte für die Freilichtaufführung dieser tragischen Komödie bereits für 2021 gesichert. Letztes Jahr hätte aber eine solche Grossproduktion nicht durchgeführt werden können. Nun feiern wir halt Dürrenmatts 101. Geburtstag.


Sie sagen Grossproduktion – wie sind die Dimensionen im Vergleich mit den bisherigen Aufführungen von Freilicht Aargau?

Die mit Abstand grösste unserer Produktionen war «Julius Caesar» 2007 im Amphitheater. 150 Personen wirkten damals mit, und das Budget betrug heute unvorstellbare 1,6 Millionen Franken. Im Vergleich dazu scheint «Der Besuch der alten Dame» mit 50 Mitwirkenden auf der Bühne und einem Budget von 600 000 Franken klein, doch es ist unsere bisher zweitgrösste Produktion. Eine grosse Herausforderung stellt auch hier die Infrastruktur dar, mit dem Aufbau des Bühnenbilds durch den Theaterfundus Härkingen auf drei Etagen sowie natürlich mit den Kostümen.


Bei Freilicht Aargau fällt die Vielfalt der Stücke auf – vom Historiendrama, dem Klassiker über die Komödie bis zum volkstümlichen Stück war alles dabei.

Es entspricht meinem Credo, immer mal wieder etwas Neues auszuprobieren. Wir haben unser Publikum gerne mit speziellen Inszenierungen überrascht. Seit «De Schacher Sepp» 2005 in der Brugger Hofstatt zu einem Überraschungsferfolg wurde, sind wir nie stehen geblieben. Der Publikumserfolg hat uns eigentlich immer recht gegeben. Von der «Schwarzen Witwe» (2006) über «Romeo und Julia» (2008), «Im Aargau sind zwöi Liebi» (2012), «Dällebach Kari» (2017) bis «Traum oder Wirklichkeit» (2019) – um nur einige aufzuzählen – waren wir bei allen Produktionen glücklich über die Resonanz des Publikums.


Was gibt es zur Inszenierung des ­Dürrenmatt-Klassikers von Regisseur Peter E. Wüthrich zu sagen?

Er wird uns alle überraschen mit einer spektakulären Interpretation von Dürrenmatts Klassiker. Peter E. Wüthrich ist einer der grossen ­Regisseure hierzulande im Freilichtbereich, und er überlässt nichts dem Zufall. Seine Liebe zum Detail ist legendär – auch bei den Requisiten. Ich musste lange nach einem Mikrofon aus den 1950er-Jahren suchen, das er unbedingt gefordert hat (lacht). Peter E. Wüthrich hat auch schon bei Freilicht Aargau mitgewirkt und erfolgreich Regie bei «Hinter den sieben Gleisen» (2013) geführt.


Eine Hauptrolle spielt bei einer ­Freilichtaufführung naturgemäss das ­Wetter. Wie sind ihre bisherigen Erfahrungen damit?

Sensationell! Bei den bisherigen dreizehn Produktionen mit total rund 250 Aufführungen musste eine einzige aufgrund eines aufziehenden Sturms kurz nach Beginn abgebrochen werden. Das war 2015 bei der zweiten Produktion vom «Schacher Sepp». Die restlichen Aufführungen konnten wir durchziehen. Bei einigen davon hat es schon geregnet. Aber das Publikum sitzt ja – anders als die Schauspieler – auf der Tribüne im Trockenen. Die ganze Truppe ist nach einer Regenaufführung enorm gefordert, weil die Kostüme möglichst rasch getrocknet werden müssen, und auch die Schminkequipe hat keine Freude am Regen. Hoffen wir, dass uns wenigstens der Wettergott bei der vierzehnten Produktion gewogen bleibt, denn es gibt am Horizont bereits andere dunkle Wolken, die aufgezogen sind.


Hat dies etwas mit den Corona-­Nachwehen zu tun?

Ja, eindeutig. Die ganze Unterhaltungsbranche leidet immer noch sehr an «Long Covid». Seien es die grossen Seebühnen, das Freilichtspektakel am Ballenberg oder die kleinen oder mittleren Freilichtbühnen – alle haben enorm mit tiefen Besucherzahlen aufgrund der Pandemie-Nachwehen zu kämpfen.


Wie sieht es bei Freilicht Aargau aus?

Wir haben seit 2005, als wir angefangen haben, noch nie einen solch miserablen Vorverkauf wie dieses Jahr erlebt. Ich befürchte, dass wir dies nicht mehr auffangen können bis zur Dernière. Bereits Mitte Juli fehlten uns über 2500 verkaufte Tickets gegenüber anderen Vorstellungen. Auch wenn nach der Premiere erfahrungsgemäss im Verlauf des Augusts noch jeweils etwa 1000 Tickets verkauft werden können, steuern wir auf ein Defizit von rund 150'000 Franken zu, was wir leider privat unmöglich stemmen können.


Könnten Sponsoren helfen, dieses drohende Defizit aufzufangen?

Die grossen Schweizer Bühnen werden in der Regel von auch Gross-Sponsoren getragen, und sie werden dank diesen diese schwierige Situation nach dem Corona-Neustart überleben. Das Gleiche gilt für die kleinen Bühnen, die ausschliesslich dank der Bevölkerung vor Ort überleben können. Ich denke da an Staufberg, Gansingen und andere mehr. Freilicht Aargau gehört mit nunmehr über 150 000 Zuschauern in all den Jahren und einem Budget von 600'000 Franken für die aktuelle Produktion zu den mittelgrossen Bühnen, die leider weder von Grossfirmen noch von der Dorfbevölkerung gestützt werden. Mal abgesehen von den treuen Helfern vom Turnverein Windisch, die uns seit Jahren beim Tribünenbau tatkräftig zur Hand gehen, oder von der Gemeinde Windisch, die uns den Platz zur Verfügung stellt und uns ebenfalls finanziell unterstützt.


Zögern die Leute aktuell nicht einfach länger beim Kauf von Tickets?

Das ist schon möglich, und wir hoffen natürlich, dass sich die regionale Bevölkerung noch einen Ruck gibt und unsere sehenswerte Aufführung besuchen wird. Für überregionale Besucher ist unser Angebot attraktiv wie immer, sie können den «Besuch der ­alten Dame» mit Übernachtungen oder Führungen von Museum Aargau verbinden. Von diesen Angeboten wird gerne Gebrauch gemacht. Trotz allem wäre es schön, wenn sich auch einige grosse Brugger Unternehmungen und Firmen entschliessen würden, uns mit einer Finanzspritze zu unterstützen, denn es könnte letztlich um das Weiterbestehen der Aargauischen Freilichtbühne gehen.

 

Ein Sommer mit Dürrenmatt

14. Aargauisches Freilicht

«Der Besuch der alten Dame»

29. Juli bis 27. August, jeweils Mittwoch bis Samstag

Bühne bei der Turnhalle Dorf, Windisch

Vorverkauf: aargauisches-freilicht.ch

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