«Dichte bedeutet auch Attraktivität»

Fred Frohofer, Gründungsmitglied des Vereins Neustart Schweiz, setzt auf lebenswerte Nachbarschaften. Potenzial dafür sieht er nicht nur im Zürcher Kreis 5, sondern auch im Effingerhof in Brugg.

Fred Frohofer bei seiner Visite im Effingerhof in Brugg
Fred Frohofer bei seiner Visite im Effingerhof in Brugg (Bild: zVg/Krishna Menon)

von
Annegret Ruoff

13. März 2019
18:20

Fred Frohofer, 56

lebt in Zürich. Er ist Gründungs- und Vorstandsmitglied des Vereins Neustart Schweiz, welcher das Nachbarschaftsmodell propagiert. Ebenfalls  ist er im Vorstand der Bau- und Wohngenossenschaft NeNa1 sowie des Vereins 5im5i, der einen Teil des Kreis 5 in Zürich als Stadtentwicklungslabor betrachtet.

Fred Frohofer, wie gefällt Ihnen Brugg?

Ehrlich gesagt, bin ich zum ersten Mal hier (lacht). Ein sehr ansprechendes, schönes Städtchen mit einer imposanten Aareschlucht.

 

Und welches ist Ihr erster Eindruck vom Effingerhof?

Ich bin begeistert! Erstens ist der Effingerhof eine riesengrosse Liegenschaft mit sehr viel Nutzfläche, und zweitens kann man auch von der Raumhöhe und der Grundeinteilung her sehr viel realisieren.

 

Geschätzt den Fall, sie hätten freie Hand: Was würden Sie aus dem Effingerhof machen? 

Heute ist sehr viel weniger Gewerbe gefragt. Dafür braucht es viel mehr Wohnungen. Also würde ich auf solche setzen. So über den Daumen gepeilt, ergäben sich im Effingerhof  Wohnungen für 100 bis 140 Leute.

 

Wird das nicht ein bisschen eng?

Ich orientiere mich am durchschnittlichen Wohnflächengebrauch in der Schweiz. Dieser beträgt rund 45 Quadratmeter. Die Realität zeigt, dass hierzulande Einpersonenhaushalte oft 88 Quadratmeter beanspruchen, Rentner gar über 100 Quadratmeter. Dieser Wohnraumverschleiss kann doch nicht unsere Zukunft sein! Ich würde im Effingerhof auf Wohnungen setzen, die mit einem etwas kleineren persönlichen Rückzugsraum auskommen und dafür Plätze schaffen, die man kollektiv nutzen kann. 

 

Was meinen Sie damit?

Denken Sie etwa an das Gästezimmer! Jede konventionelle Wohnung hat ein Gästezimmer, auch wenn man dieses nur vier Wochen im Jahr braucht. Für den Rest der Zeit macht sich dort das Bügelbrett breit, das man notabene auch im Schrank verstauen könnte. Ich wohnte mal in einem Haus mit 14-Einpersonen-Haushalten. Wir hatten ein einziges gemeinsames Gästezimmer, und das ging gerade auf. In der Kalkbreite, wo ich jetzt lebe, haben wir für die 260 Leute, die dort wohnen, insgesamt zehn Gästezimmer.

 

Und das funktioniert gut?

Exzellent. Ein Gästezimmer kann man wirklich problemlos aus der privaten in die kollektive Nutzung auslagern. Dadurch hat man nicht nur eine bessere Auslastung der Fläche, sondern auch den Vorteil, dass man weniger Miete bezahlen muss. 

 

Das klingt attraktiv. Was würden Sie denn sonst noch auslagern?

Die externe Kinderbetreuung für Familien. Heute sind die Wohnungen ja so aufgebaut, dass sie eine riesengrosse Stube haben, meistens noch mit Wohnküche, ein überdimensioniertes Elternzimmer und Kinderzimmer mit bloss 10 bis 14 Quadratmetern Grösse. Das ist doch eine völlige Idiotie! Denn was passiert schliesslich? Die Kinder spielen in der Stube, weil sie in den Zimmern zu wenig Platz haben. Das wiederum nervt die Erwachsenen, die zwar das grösste Schlafzimmer hätten, es aber kaum brauchen. 

Mit einer gemeinsam organisierten Kinderbetreuung im Effingerhof würde man erreichen, dass die Kinder weniger in der Stube spielen, sondern in Gemeinschaftsräumen oder draus-sen. Das wiederum hätte, was die Wohnungen betrifft, eine höhere Aufenthaltsqualität zur Folge. Sie sehen: Dichte bedeutet nicht immer Stress, sondern auch Attraktivität. Man kann übrigens noch weiter gehen.

 

Wie denn?

Ich bin vorher durch die Altstadt spaziert und habe mich gefragt: Was ist da so los? Mein Fazit: Sehr wenig. Für die Dinge des täglichen Bedarfs etwa muss man bis zum Bahnhof hochlaufen und in einem gesichtslosen Zentrum einkaufen. Ich stehe auf kleine, inhabergeführte Läden, wo man mich kennt. In dieser Hinsicht  gibt es bezüglich Versorgung in der Altstadt nur den Bioladen und sonst gar nichts.

 

Und wie lautet Ihre Lösung?

Ich würde eine Foodcoop gründen, eine Einkaufsgemeinschaft für Lebensmittel. Die Bauern könnten gleich in den Effingerhof liefern. Im Parterre hätte man dann ein Gemüsedepot, wo sich Haus- und Quartierbewohner eindecken könnten. Das würde die Qualitäten der Nachbarschaft stärken. Die Leute würden sich einmal in der Woche dort treffen, einkaufen und miteinander schwatzen – ein richtiger gesellschaftlicher Event! 

 

Empfehlen Sie denn gar keine kommerziellen Nutzungen? 

Jemanden zu finden, der an dieser Lage erfolgreich ist, dürfte sehr schwer sein. Ein Museum geht wohl grad noch so. Im Erdgeschoss kann man nicht wohnen. Da ist ein Publikumsbetrieb zwingend notwendig. Ich würde einen Verein gründen, der Werkstätten, ein Frischgemüsedepot, familienexterne Kinderbetreuung und einen Mittagstisch betreibt. 

 

Klingt gut. Aber ein Investor will nun mal eine Rendite sehen. Wie lösen Sie dieses Problem?

Das ist doch überhaupt kein Problem! Der will doch einfach eine Miete haben.

 

Also werden die Wohnungen teurer.

Nein, die werden billiger, weil sie kleiner sind. Ich verstehe Investoren gut: Wenn man Kapital aufwirft, will man einen Zins sehen. Da auf Altruismus zu setzen, wäre hirnrissig. Mein Vorschlag: Gründen Sie einen Verein, mieten Sie die Räume im Erdgeschoss und bespielen Sie sie – zum Beispiel mit einem Fablab, einer offenen Werkstatt, wo die Leute hingehen und ihre Dinge produzieren können. Der Bevölkerung von Brugg empfehle ich: Leisten Sie sich mit dem Effingerhof einen Ort, wo nicht nur sinnvolle, sondern auch ganz viel spannende Dinge geschehen können!

 

 

Vortrag im Effingerhof

Beim Partizipationsverfahren rund um den Effingerhof, welches von der neuen Eigentümerschaft zusammen mit der Stadt durchgeführt wird, darf die Bevölkerung ihre Ideen für die zukünftige Nutzung des Gebäudes einbringen. Die Phase der Workshops ist inzwischen abgeschlossen. Am Mittwoch, 10. April, 18.30 Uhr, werden die Resultate der Partizipation der Öffentlichkeit präsentiert. Im Rahmen des Verfahrens spricht Fred Frohofer über «Lebenswerte Nachbarschaften». Organisiert wird der Vortrag von Baubio Swiss, Region Aargau.

Freitag, 15. März, 18 Uhr, Effingerhof, Storchengasse 15, Brugg

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Kommentar erstellen

How to ride a bicycle

Die Stadtpolizei Baden und die Fachstelle Integration organisieren einen... Weiterlesen

«Ich suche nicht die Mitte»

Theatermacherin Stella Palino ist das «unverschämte Kind» von Baden. Aus dem... Weiterlesen

region

Der Mann mit zwei Hüten

Jerry Rojas zeichnet sich nicht nur als Kardiologe, sondern auch als... Weiterlesen

region

«Suppen sind gut für Bauch und Gemüt»

Seit bald elf Jahren betreibt Lucie Soland die Suppenbar «souperbe» in der... Weiterlesen

region

«Ich bin dankbar für die letzten 10 Jahre»

Vor 15 Jahren wusste der Wettinger Sven Mathiasen noch nicht, dass er einmal... Weiterlesen