Die Alpaka-Hüterin von Hertenstein

Sie sind flauschig, friedlich und manchmal auch frech: Die Alpakas von Sina Conrad muss man einfach gern haben!

Sina Conrad hat das «Alpaka-Fieber» gepackt
Sina Conrad hat das «Alpaka-Fieber» gepackt (Bilder: is)

von
Ilona Scherer

26. Juni 2019
14:25

Was sie an Alpakas besonders mag? Sina Conrad muss nicht lange überlegen: «Alpakas haben eine besondere Energie und sind sehr direkt: Sie zeigen augenblicklich, was sie bewegt», erklärt die 41-jährige Wahl-Freienwilerin. Jedes Tier habe neben der eigenen Vliesfarbe auch seinen ganz eigenen Charakter. Da ist zum Beispiel die kleine, weisse Rosalie mit den blauen Augen, die gehörlos und sehr schreckhaft ist. Die rehfarbene Brownie ist neugierig und vorwitzig. Die elfjährige Fiona schmiegt sich an Sina Conrad: «Sie verlangt geradezu nach Streicheleinheiten, und die bekommt sie natürlich auch», schmunzelt das «Alpaka-Mami». Nicht alle sind jedoch so kuschlig: «Fiona ist eher eine Ausnahme», erklärt Sina Conrad. Das beige «Grossmami» Farine zum Beispiel will partout nicht berührt werden. 

Zwei Tage später ist Fiona weniger entspannt, als die fahrende Tierärztin Anne Kramer den Alpakas ihre «Sommerfrisur» verpassen will. Sie wehrt sich und spuckt – etwas, das Alpakas meist nur innerhalb der Herde und bei Bedrohung tun. Um die Schur möglichst schonend zu gestalten, werden die Tiere auf einem speziellen Schertisch festgemacht, und eine Pediküre gibts gleich mit dazu. Denn Alpakas haben keine Hufe, sondern zwei Zehennägel und weiche Schwielensohlen. «Dadurch sind sie auch in steilem Gelände sehr trittsicher und schonen die Grasnarbe», erklärt die Tierliebhaberin, die in Baden aufgewachsen ist. Unter Protest lässt es Fiona schliesslich geschehen und ist sichtlich erleichtert, als das Vlies weg ist.

Sina Conrad sammelt die abgeschorene Faser in Säcken. Pro Tier kommen zwei bis drei Kilo zusammen, die in einem spezialisierten Betrieb je nach Qualität der Faser zu Garn verarbeitet, in Kissen oder Decken eingenäht oder zu Matten gefilzt werden. Die Alpakafaser ist sehr fein, dreimal reissfester als Schafwolle und hat hervorragende thermoregulierende Eigenschaften. Sie gilt als die beständigste Tierfaser und wird auch «Vlies der Götter» genannt. Alpakafasern gibt es in 16 natürlichen Hauptfarben und unzähligen Farbschattierungen, das ist einzigartig unter den Wolltieren. 

 

Neuweltkamele aus den Anden

Alpakas gehören zur Familie der Kamele, stammen aus den Anden und sind schon seit über 5000 Jahren domestiziert. Sie sind sehr genügsam: Mit Gras und Heu sind sie vollends zufrieden und versorgt. Das muldenartige Gelände im Hertenstein ist perfekt geeignet für die Neuweltkamele. Seit 2018 lebt die Herde unterhalb der Strasse zwischen Hertenstein und Nussbaumen. Hier haben sie alles, was sie brauchen. Der Unterstand, den die Holzbaufirma von Sinas Bruder Oliver Conrad erstellt hat, wird über eine Solaranlage mit Strom versorgt, und das Regenwasser vom Dach wird in einer Zisterne gesammelt. So funktioniert die Versorgung völlig autark und ökologisch. 

Das «Alpaka-Fieber» hat Sina Conrad bereits 2013 gepackt. Sie erzählt: «Mein Bruder Samuel und ich waren schon immer sehr tierlieb. Die Begeisterung für Alpakas flog mir allerdings auf unerklärliche Weise einfach zu. Kurz darauf ergab sich unerwartet die Gelegenheit, drei Alpakas vor dem Metzger zu retten: Farine, Fortuna und Fiona. Da konnte ich nicht Nein sagen.» Mittlerweile ist die Herde auf sieben Stuten und zwei Wallache (kastrierte Hengste) angewachsen. Alpakas sind soziale Tiere und brauchen eine Herde. 

In ihrer Freizeit ist Sina Conrad täglich meist mit ihrem Hund auf der Weide anzutreffen. Fütterung, Pflege, medizinische Versorgung und Unterhalt der Weide geben viel zu tun – «aber für mich ist das keine Arbeit, sondern Bewegung in der Natur und Erholung in einem», sagt die ausgebildete Therapeutin für Chinesische Medizin und Naturheilkunde mit eigener Praxis in Baden. Zudem arbeitet sie als Englischlehrerin an einer Primarschule und teilt sich die Betreuung des gemeinsamen zehnmonatigen Sohnes Jaro mit ihrer Frau Julia Conrad-Wassmer. «Am Anfang hatte Jaro Angst vor den Alpakas, aber mittlerweile kommt er gerne zu Besuch auf die Weide», freut sich Sina Conrad.

Sie erlebt nicht nur viele schöne, sondern manchmal auch bange Momente mit ihren Alpakas: Bei der Geburt von Saro musste Mutter Fortuna notfallmässig ins Tierspital gebracht werden, weil es nicht vorwärts ging. Und Ambra musste danach fast zwei Monate lang von Hand «geschöppelt» werden. «Wenn man Tiere hat, muss man für alles gewappnet sein.» Mittlerweile kümmert sich Samuel Conrad wieder vermehrt um seine Schafherde, während Sina Conrad grösstenteils allein für die Alpakas zuständig ist. 

 

Lebensraum für andere Tiere

Auf dem rund ein Hektar grossen Gelände schafft sie auch Lebensraum für andere Tiere. «Biodiversität liegt mir am Herzen. Vögel finden in den Bäumen und im Unterstand Nistplätze, die Brennnesseln lasse ich für Schmetterlingsraupen stehen, und Ast- und Steinhaufen bieten Unterschlupf für allerlei Getier.» Denn für Sina Conrad haben alle Wesen die gleiche Lebensberechtigung. In Zukunft möchte sie mit den Alpakas auch tiergestützt mit Kindern arbeiten oder Altersheime besuchen: «Alpakas haben eine beruhigende Wirkung auf Menschen, das haben wir schon oft auf Spaziergängen mit den Tieren in der Umgebung erlebt.» Interessierte dürfen sich gerne direkt mit Sina Conrad in Verbindung setzen. 

Kommentare (1)

  1. Karin Schaub
    Karin Schaub vor 3 Wochen
    Was für ein wunderbarer Artikel... tolle Tiere und eine Familie, die mit Herzblut für das Wohl der Tiere schaut. Vielen Dank für diesen tollen Beitrag
    Antworten

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