Die Aula wird zum Homeoffice

Der Bund beschliesst Massnahmen gegen Corona. Was bedeutet dies für eine Gemeinde und ihre Menschen? Endingen als Fallbeispiel.

Endingens Gemeindeammann Ralf Werder in der Aula der Bez mit fünf Homeoffice-Arbeitsplätzen (Bild: is)

von
Ilona Scherer

26. März 2020
09:00

Gemeindeammann Ralf Werder hatte schon vor mehreren Wochen ein ungutes Gefühl: «Da rollt mit Corona eine Riesen-Welle auf uns zu.» Als dann der Bundesrat am vergangenen Freitag den ausserordentlichen Zustand verkündete, traf es seine Gemeinde Endingen nicht unvorbereitet. Grundversorgung und Entsorgungsdienste waren organisiert, bereits am Montag zuvor hatte Werder einen formellen Antrag an den Gemeinderat gestellt, einen Krisenstab zu gründen. An einer Sitzung wurde am folgenden Tag ein Pandemieplan mit Prioritäten festgelegt: Schutz der Über-65-Jährigen, Schule, Notbetrieb sicherstellen, Schutz der Gemeinde-Mitarbeitenden.

Ein wichtiges Anliegen war Ralf Werder jedoch auch, direkt mit der Bevölkerung zu kommunizieren, sie zu beruhigen. Die Gemeinde verfügt seit sechs Jahren über eine App als Infokanal mit über 1000 Abonnentinnen und Abonnenten, den man sofort nutzte. Werder nahm auch eine zweieinhalb Minuten dauernde Videobotschaft auf und verschickte sie an die Mitarbeitenden, um diese über das Handeln des Gemeinderats zu informieren. 

 

Gratis Heimlieferdienst für Risikogruppen im Surbtal

Die Risikogruppe der Über-65-Jährigen sowie Personen mit Vorerkrankungen wurden eindringlich gebeten, sich strikt an die Hygienevorschriften und Massnahmen des Bundes zu halten. Doch in den Geschäften traf Ralf Werder weiterhin viele ältere Menschen an. «So kann es nicht weitergehen», sagte sich der Ammann und kontaktierte seinen Cousin Thomas Werder, dem die Metzgerei im Ort gehört. Ein paar Telefonate später stand das Konzept für einen Heimlieferdienst: «Alle Detaillisten von Tegerfelden über Endingen und Lengnau bis Schneisingen machen mit», freut sich Werder. An sechs Tagen pro Woche beliefern Mitarbeiter des Gartencenter Lengnau und der Kreisel-Garage Schneisingen die Risikogruppen gratis bis vor die Haustüre. Die Fahrzeuge stellt die Raiffeisenbank Surbtal-Wehntal zur Verfügung. «Es ist toll, wie das  Surbtal zusammenarbeitet», freut sich Ralf Werder.

Ein grosses Anliegen ist dem Endinger Gemeinderat aber auch die Pflege der sozialen Kontakte trotz Social Distancing. «Eine Vereinsamung oder Isolation von Menschen im Surbtal darf nicht passieren. Ältere Menschen brauchen uns nun mehr denn je», fordert er in einem Brief an die Bevölkerung.

Von Vizeammann Rebecca Spirig stammt die Initiative einer Telefon-Aktion, bei der alle Personen über 80 Jahre im Dorf angerufen werden. Die Idee sei ein bisschen abgekupfert, gibt die Pflegefachfrau zu: «Ich habe irgendwo gelesen, dass ein Gemeindepräsident selber zum Telefon griff und ältere Menschen in seiner Gemeinde anrief. Aber als ich das las, dachte ich: ‹Der macht genau das Richtige!›» 

Die Kollegen waren von der Idee sofort begeistert. Im nächsten Schritt wurde die Liste der Über-80-Jährigen überprüft – wer hat keine Angehörigen im Dorf, die zu ihnen schauen? 

 

Telefon-Aktion mit dem Frauenbund

Rund 50 blieben übrig, und diese sollen handverlesen angerufen werden. «Wir suchten also einen Verein, der die Kapazität hat, diese Arbeit auf verschiedenen Schultern zu verteilen, und kamen dabei auf den Frauenbund Endingen», so Spirig. Für die Gespräche wurde ein Telefonskript mit den wichtigen Themen erstellt. «Wichtig ist, dass alle Betagten gut versorgt sind und sich sicherfühlen», erklärt Rebecca Spirig: «Zudem haben wir die Betroffenen über mögliche Ansteckungsquellen und die Hygienemassnahmen aufgeklärt.» 

Wo nötig, wurde Kontakt zu Spitex oder Pro Senectute hergestellt. Die Aktion sei sehr gut aufgenommen worden: «Die angerufenen Leute waren enorm dankbar und freuten sich über das Interesse. Man kam nie unter 20 Minuten weg vom Telefon.» 

 

Fünf Arbeitsplätze in der Aula der leer stehenden Bezirksschule

In besonderen Situationen sei eben Kreativität gefragt, findet Gemeindeamann Ralf Werder. Das neuste Angebot im Dorf ist ein «Homeoffice» in der leer stehenden Aula der Bezirksschule. Dort wurden am Montag fünf Arbeitsplätze eingerichtet für Arbeitstätige, «die daheim ungenügende Möglichkeiten haben, zu arbeiten». Die einzelnen Arbeitsplätze umfassen Schreibtisch, Stuhl und WLAN-Anschluss und sind grosszügig bemessen. Mattenwagen dienen als Raumtrenner. Am Eingang steht Desinfektionsmittel. 

Noch wird das Angebot spärlich genutzt, aber der aktuelle Zustand sei ja noch recht neu, ist Ralf Werder bewusst: «Je länger diese Situation andauert, desto mehr werden die Leute wohl kommen, weil ihnen zuhause die Decke auf den Kopf fällt.» Das Angebot bleibt deshalb vorläufig bestehen. 

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