«Die Einzelbegleitung ist ein Privileg»

Seit dreissig Jahren begleitet Heidi Baer Kinder und Jugendliche beim Entwickeln der Sprache. Noch immer begeistert sie ihr Beruf.

Logopädin mit Leidenschaft: Heidi Baer. (Bild: ram)

02. März 2022
14:20

Das Jahr 2022 nahm für die Logopädinnen und Logopäden einen guten Anfang. Die Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) gab nämlich bekannt, dass der Studiengang Logopädie ab 2023/24 jährlich angeboten wird. Damit reagiert das Bildungsinstitut auf den schweizweiten Fachkräftemangel. Der Verein Aargauer Logopädinnen und Logopäden (VAL) kann also aufatmen. Seit Jahren setzt er sich für diese Anpassung auf Stufe Ausbildung ein. Um auf die Proble­matik aufmerksam zu machen, wird der VAL auch dieses Jahr zum Tag der Logopädie vom 6. März vor dem Grossratsgebäude in Aarau seine Anliegen kundtun.

Heidi Baer nimmt nicht aktiv an der Aktion teil. Trotzdem setzt sich die Brugger Logopädin an vorderster Front für die Anliegen ihres Berufsverbands ein. Und das seit dreissig Jahren. Schon vor der Geburt ihrer zwei Töchter machte die Primar- und Oberstufenlehrerin die Zweitausbildung zur Logopädin, dannzumal am Heilpädagogischen Seminar in Zürich. Dies stellte sich als Glücksfall heraus, zumal es schon damals möglich war, in der Logopädie Teilzeit zu arbeiten. Nach einigen Jahren Berufserfahrung wechselte Baer 2004 an die Schule Brugg, Au-Erle und Umiken. Dort arbeitet sie immer noch – aktuell zu nahezu hundert Prozent.

Die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen übt die sportliche Frau mit viel Leidenschaft aus. «Ich habe das Privileg, die Kinder einzeln zu begleiten», sagt die 58-Jährige. Das ermögliche, wirklich auf die Menschen einzugehen und sie zu unterstützen. z, sagt Heidi Baer. «Hier geht es für einmal nur um sie.»

Nebst der generellen Förderung des sprachlichen Ausdrucks kümmert sich die Logopädie auch um den Erwerb der Schriftsprache. Die vielen Facetten ihrer Tätigkeit schätzt Heidi Baer ungemein. «Die Sprache ist in unserem Leben zentral», betont sie. Und erklärt, dass man diese am besten fördert, indem man – ganz einfach – miteinander spricht. Was einfach klingt, wird im Familienalltag oft nur wenig umgesetzt. Sieht Baer auf der Strasse Eltern mit einem Kinderwagen, der nach vorne gerichtet ist, stimmt sie das nachdenklich. «Der Blickkontakt zu den Eltern ist entscheidend», betont sie. Sprache funktioniere immer im Dreieck «Ich, du und der Gegenstand». Deshalb bezieht sie die Eltern von Anfang an in die logopädische Begleitung mit ein – auch mittels Aufgaben.


Sprache im Alltag üben
Dass viele Kinder nicht gerne lesen, sei nun mal eine Tatsache, sagt die Fachfrau. Umso wichtiger sei, dass die Eltern Geschichten erzählen und mit den Kindern zusammen einen Text anschauen. «Achtzig Prozent der Rechtschreibung läuft über das Visuelle», weiss Baer. Da helfe es wenig, einfach nur Regeln zu pauken. Auch die digitalen Medien seien für den Spracherwerb wenig geeignet, so die Logopädin. Sie setzt, wo immer möglich, auf handlungsorientiertes Lernen. «Zusammen kochen, spielen, die Wäsche aufhängen, einkaufen gehen: Das sind alltägliche Tätigkeiten, bei denen man miteinander sprechen und den Wortschatz spielerisch erweitern kann», ist Heidi Baer überzeugt.

Die Erziehungspersonen einzubinden, ist der Bruggerin auch sonst ein grosses Anliegen. Denn der Druck auf die Kinder habe oft viel mit der Angst der Eltern zu tun, dass ihr Nachwuchs bezüglich der Ausbildung und dem Start in die Arbeitswelt benachteiligt sein könnte. «Mir ist wichtig, Eltern und Kinder kompetent zu begleiten und den Druck abzubauen», sagt sie. Die Entspannung der Situation fördere die Entwicklung dann oft schon von selbst.

Die logopädische Einschätzung der Kinder beginnt bereits im Kindergarten. Nebst ihrem eigenen Eindruck setzt Heidi Baer immer auch auf die Beobachtungen der Lehrpersonen. «Sie arbeiten die ganze Woche mit den Kindern zusammen und kennen diese viel besser als ich», erklärt sie. Gibt es Auffälligkeiten auf der Ebene der Artikulation, betrifft dies oftmals die Laute «s», «z», «sch» und «r». «Diese verlangen mehr mundmotorisches Geschick und brauchen bei einigen Kindern mehr Zeit, bis sie korrekt gebildet werden können», so die Logopädin.


Mundart und Schriftsprache
Was die Situation in der Schweiz zusätzlich erschwere, sei der parallele Erwerb von Mundart und Schriftsprache, erklärt Baer. «Dass im Kindergarten auf Schweizerdeutsch unterrichtt werden muss, ist gerade für Kinder mit Migrationshintergrund ein Problem.» Beim Wechsel in die Schule werde plötzlich auf Schriftsprache gewechselt, was zu Überforderung führen könne. Dem Vorwurf, dass die logopädische Förderung in den Schulen mitunter ein Grund für die «Übertherapierung» der Kinder sei, begegnet Baer gelassen. «Ich sehe das gegenteilig: Wir befinden uns in der glücklichen Lage, dass wir die Kinder heutzutage in der Entwicklung der sprachlichen Fertigkeiten unterstützen können», sagt sie, «für die spätere Laufbahn ein absolut zentraler Faktor». Mehr zu schaffen mache ihr der Fachkräftemangel. «Werden die Stellen nicht besetzt, werden die Ressourcen im Bereich des Förderbedarfs umverteilt», weiss sie von anderen Schulen. Der Entscheid der FHNW sei deshalb ein Schritt in die richtige Richtung.

 

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