Die ersten Böllerschüsse mit dem Stumpen

Aus aktuellem Anlass soll im Folgenden Rückschau auf den Brugger Rutenzug anno 1968 gehalten werden.

Der Morgenumzug fand bei leichtem Regen statt. Im Vordergrund Bezirkschullehrer Hans Mühlemann
Der Morgenumzug fand bei leichtem Regen statt. Im Vordergrund Bezirkschullehrer Hans Mühlemann (Bilder: zVg/Stadtarchiv)

von
Titus J. Meier

05. Juli 2018
08:00

Jugendfestbatzen 1968

Kindergarten 50 Rappen

1.–2. Klasse 70 Rappen

3.–5. Klasse 1 Franken

6.–7. Klasse 1.50 Franken

8.–9. Klasse 2 Franken

Vor fünfzig Jahren waren die Kadetten noch ein fester Bestandteil in der Oberstufe. Die Teilnahme war für die Bezirksschüler obligatorisch, für die Sekundar- und Oberschüler – wie die Realschule damals hiess – hingegen freiwillig. Letztere besuchten den Kadettenunterricht recht zahlreich, da die sportlichen Übungen im Gelände einem Bedürfnis entsprachen. Die Kadetten waren vor einem halben Jahrhundert nicht aus dem Brugger Jugendfest wegzudenken: Am Montagmorgen versammelten sie sich um fünf Uhr auf dem Zollplätzli, wo die Tambouren die Tagwache schlugen, bevor sich das Korps in den Wald begab, um Moos zu sammeln. Dieses trugen sie später ins Freudensteinwäldchen, wo die Mädchen zusammen mit ihren Lehrerinnen und Lehrern und, unterstützt von freiwilligen Frauen, das Moos in Schuhschachteln büschelten und zu feinen Kränzen flochten. 

 

Das Rettungskorps hat die Kränze aufgehängt

Da jedoch nicht mehr so viel Moos wie früher wuchs, hatte man von Jahr zu Jahr mehr auf Buchs umgestellt. Allerdings traten inzwischen auch beim Buchs Engpässe auf, weshalb man schrittweise auf Tannenäste umstieg. Während die Mädchen kränzten, sorgten die Knaben für ausreichend Material zum Kränzen und übten daneben das Marschieren im Takt für den Rutenzug. Die Schülerchöre und das Kadettenspiel, die heutige Jugendmusik, probten ihre Liedvorträge, und die ganze Stadt schmückte sich heraus. Am Mittwochnachmittag wurden die Kränze durch das Rettungskorps aufgehängt, wobei jener beim «Roten Haus» eine Herausforderung war, weil anstelle der Volksbank eine gros­se Baugrube war. Am Abend fand der Zapfenstreich statt: Gross und Klein standen entlang der Umzugsroute Spalier und warteten darauf, dass pünktlich um acht Uhr die ersten Takte des «Zapfenstreichs» ertönten. Endlich, dachten sich viele, und schauten zu, wie der Umzug sich von der Vorstadt über die Hauptstrasse zum Bahnhof und durch die alte Zürcherstrasse (heute Neumarktplatz) zurück zum Eisi und von da hinunter in den Freudenstein bewegte. Der Umzug bedeutete damals, dass der Verkehr zwischen Basel und Zürich für eine gewisse Zeit blockiert war. Vor fünfzig Jahren hatten auch die Oberstufenschüler am Umzug teilzunehmen, was sie jedoch nicht mit der gleichen Freude wie die Primarschüler taten und sich immer mal wieder etwas Neues einfallen liesse. 1968 trugen sie als «Gag» einen Kinderballon mit sich und erzeugten durch ständiges Reiben «Geräusche, welche an einen vorüberziehenden Heuschreckenschwarm gemahnten», wie Hans-Peter Widmer im «Brugger Tagblatt» festhielt. 

Während sich die Jugendlichen zum «Tüüschle» ins Freudensteinwäldchen zurückzogen, suchten die Erwachsenen die Wirtschaften auf und erfreuten sich an zahlreichen Begegnungen. 

Am Donnerstagmorgen fiel pünktlich um sechs Uhr der erste Böllerschuss auf dem Hexenplatz. Da die bisher genutzten Schlagröhren aus Sicherheitsgründen nicht mehr erhältlich waren, musste vor 50 Jahren ein Entscheid gefällt werden: Sollte die 1967 durch den Stadtrat angeschaffte 7,5-cm-Kanone zum Einsatz gebracht werden oder gab es eine Alternative zu den Schlagröhren? Der Stadtkanonier Jakob Obrist fand die noch heute gültige Lösung: Anzünden der Lunte mittels Stumpen! Der Stadtrat zeigte sich erfreut und beschloss, fortan dem Stadtkanonier alljährlich das notwendige Stumpensortiment zu beschaffen. 

Die Kadettenmusik führte den Rutenzug an, im Hintergrund links die Baulücke der Volksbank
Die Kadettenmusik führte den Rutenzug an, im Hintergrund links die Baulücke der Volksbank

 

Kein Wetterglück

Wettermässig stand der Rutenzug 1968 unter keinem glücklichen Stern: Bereits frühmorgens war der Himmel wolkenbehangen, und kurz nach der Tagwache setzte ein heftiger Landregen ein. Die Fahnenübernahme der Kadetten wurde abgesagt und für die Morgenfeier das Schlechtwetterprogramm angekündigt. Wollte man zuerst auch den Umzug verschieben, so widerrief man diesen Entscheid, da ein Anruf beim Flugplatz Kloten ergeben hatte, dass zwischen 9 und 10 Uhr mit Aufhellungen zu rechnen sei. Der Umzug startete pünktlich um 9 Uhr, wobei es zwischendurch regnete, wie die Bilder zeigen. Musikalisch führte die Kadettenmusik den Umzug an, später folgten Stadt-, Arbeiter- und Blaukreuzmusik. Die Morgenfeier fand wie früher in der Stadtkirche statt, für die 1.–3. Primarklassen aus Platzgründen allerdings in der Freudensteinturnhalle. Ob dort eine Rede gehalten wurde und falls ja, wer dies übernommen hatte, ist heute unklar. Der Redner 1968 war der damals 36-jährige Werner Kaufmann, Rektor an der kaufmännischen Berufsschule Brugg. Da die Stadtkirche viel zu klein war, wurden die Musikvorträge und die Rede mit Lautsprechern auf den Kirchplatz übertragen. Gesungen wurden nur deutschsprachige Lieder, und wie es seit 1962 üblich war, stimmte die ganze Festgemeinde am Schluss den Schweizerpsalm an, der damals noch nicht die offizielle Nationalhymne war.

 

Jugendfestwurst ohne Senf

Der Nachmittag konnte gemäss Schönwetterprogramm durchgeführt werden. Auf der Schützenmattwiese gab es Spiele und zwei Tanzböden lockten zum Tanzen mit dem Jugendfestschatz. Die Nachmittagsverpflegung – die obligate Jugendfestwurst – hatten die Schülerinnen und Schüler klassenweise zu festgelegten Zeiten einzunehmen. Zweimal, um 15 Uhr und um 20 Uhr, wurden die Reigen der Bezirksschülerinnen vor zahlreichem Publikum auf der Wiese aufgeführt. Um 18 Uhr konnte Stadtammann Eugen Rohr eine stattliche Gästeschar am Behördenzobig begrüssen, wobei schon damals das Treffen und die gegenseitigen Gespräche wichtiger waren als das Festmenü «Jugendfestwurst mit Brot, ohne Senf». Nach einem kurzen Platzregen am Abend verzogen sich die Wolken, und die Schülerinnen und Schüler konnten noch einmal ausgiebig tanzen, bis sie sich um halb zehn zum Heimzug sammeln mussten. Nach einem prächtigen Feuerwerk, damals noch vom Fischerkopf aus, spielte die Musik den «Heimzugmarsch». Der Lampionzug führte von der Ländi durch die abgedunkelte Altstadt ins Freudenstein, wo der Jugendfestredner sich an der «Abdankung» noch einmal an die Schülerschar richtete. 

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