«Die Lauben haben eine tolle Akustik!»

Andreas Schaerer erkundet mit seiner Stimme mittlerweile die Elbphilharmonie. Und summt dennoch am liebsten unter den Berner Lauben. Im Campus Brugg-Windisch geht er mit Interessierten auf einen Klangrundgang.

Bringt fast jeden Raum zum Klingen: Stimmvirtuose Andreas Schaerer (Bild: zVg)

von
Interview: Annegret Ruoff

06. Dezember 2018
09:00

Andreas Schaerer, 41

wurde in Visp geboren und lebt in Bern. Als Beatboxer und Sänger gehört er zu den talentiertesten Geräuschkünstlern in Europa. So weiss er nicht nur eine ganze Palette von Perkussionsinstrumenten in Perfektion zu imitieren, sondern er bringt auch als Sänger eine Vielseitigkeit zutage, die ihresgleichen sucht: ob als klassischer Tenor, als Death-Metal- oder traditioneller Popsänger. Nebst eigenen Formationen tritt er immer wieder mit Grössen der Jazz- und der Improvisationsmusik auf, darunter mit Bobby McFerrin und mit dem Arte-Quartett. Mit der Gruppe «Hildegard Lernt Fliegen» erhielt Schaerer 2008 den ZKB-Jazzpreis. 2018 wurde er im Film «Der Klang der Stimme» von Bernard Weber porträtiert. Andreas Schaerer unterrichtet als Dozent an der Hochschule der Künste in Bern Jazzgesang, Improvisation und Ensemblespiel. 

www.andreasschaerer.com 

A Vocal Journey

Der Klangrundgang im Rahmen des «Treff.Kultur: Musik im Bau» mit Andreas Schaerer lädt ein, gemeinsam mit sich und der eigenen Stimme die öffentlichen Räume des Campus zu erkunden. 

Rundgang: Donnerstag, 13. Dezember, 12 Uhr
Gebäude 6, EG, Foyer

Konzert: 12.30 bis 13 Uhr
Gebäude 4, Cafeteria, 6. Stock

www.fhnw.ch 

Andreas Schaerer, wie klingt Ihr Leben gerade jetzt?

Ich habe eine Stunde lang einen wunderschönen alten Jazz-Standard gespielt mit meinen Studenten an der Hochschule, gehe jetzt dann in mein Atelier und empfange dort den wunderbaren italienischen Akkordeonisten Luciano Biondini, um für zwei Konzerte zu proben, die wir diese Woche spielen – ein Mix von Mundperkussion, Beatboxen bis hin zu italienischen alten Monteverdi-Interpretationen. So klingt mein Leben zurzeit.

 

Sie sind ein Mensch des Tons. Gibt es, abgesehen vom Schlaf, auch Momente in Ihrem Leben, die klanglos sind?

Im philosophischen Sinne ja. Das sind Momente, in denen ich mehr in mich gehe, nach innen höre. Sie sind entsprechend rar in meinem Alltag, der geprägt ist von Beruf, Tourneeleben, Job an einer Hochschule und Familie. Da bleibt nicht viel Zeit, um zu meditieren. Aber manchmal gelingt es mir, die Antennen bewusst auszuschalten und die Ruhe in mir zu hören. Was das Aussen angeht, gibt es diese Stille nicht. Die Welt ist voller Töne und Klänge.

 

Am 13. Dezember sind Sie im Campus zu Gast. Dort führen Sie das Publikum mittels eines «Vocal Journey» durch die Architektur. Wie muss ich mir das vorstellen?

Jeder Raum hat gewisse akustische Eigenheiten. Öffentliche Räume sind anders als heimische Wohnzimmer, haben tendenziell einen grösseren Eigenhall. Die Räume im Campus möchte ich zusammen mit dem Publikum bespielen und schauen, was rauskommt. Dabei bewegen wir uns etwa auf einer Treppe, nehmen verschiedene Positionen ein und treten über den Ton in einen musikalischen Dialog mit dem Raum. So versuchen wir, die Architektur als instrumentale Erweiterung des Chorklangs zu erkunden. 

 

Welche Architekten haben denn besonders tolle Räume für die Stimme geschaffen?

Ich finde viele Architekturen interessant. Am meisten beeindruckt mich aber ein architektonisches Element von Bern – der Stadt, in der ich seit vielen Jahren wohne. Bern ist ja in gewisser Hinsicht ein Kaff. Aber musikalisch hat es was Besonderes. Ich habe mich immer gefragt, woher das kommt. Heute lautet meine Theorie: von den vielen Lauben. Die haben eine unglaublich schöne Akustik. Wenn man da durchläuft, kriegt man einfach Lust zu singen oder zu pfeifen.  

Dann mag ich natürlich auch die Architektur der Elbphilharomonie, wo ich ein paarmal aufgetreten bin. Da hat man das Gefühl, man müsse nur den Mund öffnen und schon werden einem die Töne einfach so rausgezogen. Im Prinzip können aber alle Räume spannend sein. Geht man auf sie ein, kommt man oft zu stimmigen Ergebnissen.

 

Klingt denn jeder Raum?

Die meisten. Es gibt ja künstlich erstellte tote Räume. Da drin Musik machen wollen, ist eine psychische Grenzerfahrung. Natürliche Räume klingen immer. Der Weltraum aber ist möglicherweise so leise, dass man das Gefühl bekommen könnte, da gebe es keine Töne.

 

Kommen wir wieder zurück auf die Erde – beziehungsweise zu Ihrer Innenarchitektur, dem Körper. Wie würden Sie dessen Räume beschreiben?

Man vergisst beim Singen häufig, dass die Stimmlippen selber, die ja den Klang erzeugen, nur ein kleiner Teil des Instruments sind. Es gibt unglaublich viele Finessen in unserem eigenen Resonanzkörper, den wir beeinflussen und verstärken können. Das Gefühl, in diesem Instrument zu wohnen und es bewegen, bespielen und verändern zu können, ist wunderschön. 

 

Singen Sie eigentlich lieber mit oder ohne Text?

Siebzig bis achtzig Prozent singe ich ohne Worte, den Rest mit Text. Es ist, wie wenn man Schlagzeug spielt und sagt: Ich liebe den Vierviertelgroove. Bumm-tsägg, bummbubumm-tsägg – das ist mein Rhythmus. Daneben aber spielt man gern Improvisationen, die nur mit Klang arbeiten. Ich mag also das eine wie das andere.

 

Gibt es für Sie denn überhaupt etwas, das Sie mittels Stimme nicht ausdrücken können?

Das, was sich ausdrückt, ist für mich die Seele. Meine Stimme ist die Übersetzerin. Ob Freude, Trauer oder Aggression: Sie übersetzt die Schwingungen meines Gemütszustandes in hörbare Töne. Manchmal habe ich Tage, da will ich mich öffnen, und manchmal solche, da schütze ich mich – emotional und als Mensch. Auch ich habe blinde Flecken, die mag ich nicht ausdrücken. Oder kann es noch nicht. Zum Glück! Diese gesunden, natürlichen Beschränkungen sind wertvoll. Es muss nicht immer alles sofort accessable und auf Knopfdruck ausdrückbar sein. Die Muse ist noch immer ein scheues Wesen.

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