Die Qual der Wahl für den Gemeinderat

Eine junge Anwältin, ein Technikfachmann und ein pensionierter Musik-Fan: Das sind die drei neuen Kandidierenden in Gebenstorf.

Milena Peter (31, FDP) ist Anwältin in einer Frauen-Kanzlei. (Bilder: zVg)

08. September 2021
16:52

Zwei Männer und eine Frau möchten am 26. September erstmals in den Gemeinderat von Gebenstorf gewählt werden. Die «Rundschau» stellt die drei neuen Kandidierenden vor.


Die junge Anwältin

Milena Peter wusste schon als kleines Mädchen, dass sie Anwältin werden möchte. Im Sommer bekam sie das Anwaltspatent, bereits seit drei Jahren arbeitet sie bei M&D in Rheinfelden, einer kleinen Kanzlei mit vier Frauen. «Es ist cool, für Frauen zu arbeiten», findet die 31-Jährige. Sie fühlt sich sehr wohl im kleinen Team: «So ist man viel näher am Klienten und deckt ein grosses Spektrum an juristischen Tätigkeiten und Fachgebieten ab.»

Milena Peter ist bewusst, dass Gemeinderäte viel Zeit fürs Aktenstudium aufbringen müssen, «das kenne ich vom Studium her bestens», sagt sie und lacht. Auch privat ist sie eine Bücherratte. Als Teilzeit-Angestellte hätte sie für ein politisches Amt genügend Zeit. 

Nach dem Studium arbeitete Peter beim Departement für Bau, Verkehr und Umwelt in der Abteilung Raumentwicklung. «Dort haben wir viele Stellungnahmen für BNO-Revisionen und kommunale Gestaltungspläne erstellt.» Die Aufgaben einer Gemeinde im Bereich der Raumplanung, aber auch im Allgemeinen würden immer komplexer, weiss die Anwältin.

Als sie vor vier Jahren mit ihrem Mann nach Gebenstorf zog, fühlte sie sich auf Anhieb sehr wohl im Dorf. «Wir sind beide viel in der Natur unterwegs, und es ist einfach herrlich im Wasserschloss», schwärmt die 31-Jährige. Für Milena Peter war schnell klar, dass sie sich auch im Dorf einbringen möchte: «Ich will nicht nur hier wohnen, sondern auch das Leben in der Gemeinde mitgestalten.» Politik war in ihrer Familie in Döttingen schon immer ein Thema. Am neuen Ort fehlte ihr allerdings zuerst das Netzwerk. An einer Informationsveranstaltung der FDP zum alten Schulhaus Dorf knüpfte sie letztes Jahr erste Kontakte zur Partei und trat danach den Freisinnigen bei. Als sie von der Ortspartei angefragt wurde, ob sie sich für den Gemeinderat zur Verfügung stellen wolle, zögerte Peter nicht lange. «Es heisst immer, die Jungen sollen sich engagieren. Dann muss man auch hinstehen und bereit sein, etwas zu investieren», findet sie.

Die FDP hat ihre Kandidierenden schon im Juni präsentiert, ungewöhnlich früh. Dazu sagt Milena Peter: «Wir wollten die Wählenden von Beginn an transparent informieren und ihnen eine echte Auswahl bieten. Es macht Sinn, nun neue Kräfte in den Gemeinderat aufzunehmen, um einen Umbruch in dieser Legislatur vorzubereiten. Würden mehrere Bisherige gleichzeitig abtreten, würde dies einen riesen Know-how-Verlust auf einen Schlag bedeuten.» Zu den Querelen im Gemeinderat möchte sie keine Stellung nehmen, sie sei daran ja nicht beteiligt gewesen, hält sie fest. «Aber ein neuer Wind würde dem Gremium guttun. Ich bin unabhängig und lösungsorientiert. Mir ist eine gute Zusammenarbeit im Gemeinderat und mit der Verwaltung wichtig. Das sind existenzielle Voraussetzungen, um sachgerechte Lösungen zu finden, die Gebenstorf weiter bringen», ist sie überzeugt.

Patrick Senn (44) ist Portfolio-Manager


Der Schulpflegepräsident aus Vogelsang 

«Gebenstorf liegt mir am Herzen», sagt Patrick Senn. Als Zweitklässler zog seine Familie wieder nach Vogelsang, wo er heute noch lebt. Immer wieder kehren auch ehemalige Klassenkameraden und Jugendfreunde nach Gebenstorf zurück: «Das zeigt, wie gross die Verbundenheit mit dem Dorf ist und wie attraktiv es ist», glaubt Senn. In seiner Familie wird schon seit Generationen politisiert. Bereits der Grossvater wirkte als Schulpflegepräsident in Vogelsang, als dieses noch eine eigene Schule hatte. Vater Rolf Senn war über zehn Jahre lang im Gemeinderat, davon acht Jahre Gemeindeammann. Mit dem 44-jährigen Patrick Senn soll der Ortsteil Vogelsang, der immerhin etwa zwanzig Prozent der Bevölkerung ausmacht, wieder im Gremium vertreten sein. «Wichtig ist mir aber auch, die jüngere Bevölkerung und Familien zu unterstützen, deren Anliegen in den letzten Jahren nicht vertreten waren im Gemeinderat», so der Kandidat der «Mitte».

Drei Bereiche erachtet Senn als zentrale Merkmale für eine gute Gemeinde: Wohnqualität, Infrastruktur und Schule. Als Präsident der Schulpflege Gebenstorf hat er in den vergangenen Jahren auch vertieften Einblick in Bildungsthemen und Verwaltung erhalten. Ende Jahr wird die Schulpflege nun aufgelöst, «aber sie ist immer noch im Wandel und wird es auch in den nächsten Jahren bleiben», ist der zweifache Vater überzeugt.

Die freigewordene Zeit möchte er nun der Gemeinde zur Verfügung stellen und dort auch seine Behördenerfahrung aus der Schule einbringen. «Mein Arbeitgeber unterstützt dieses Engagement sehr», sagt der Betriebswirtschaftsingenieur, der heute als Global Portfolio Manager bei Kardex Remstar in Zürich tätig ist. Gelernt hat er einst Elektrotechniker, danach absolvierte er ein Elektrotechnik-Studium und machte Karriere bei der ABB. Durch seine berufliche Erfahrung deckt er sowohl das Technische als auch das Betriebswirtschaftliche ab, «ich kann mich daher in jedes Ressort sehr gut einarbeiten und führen», ist Patrick Senn überzeugt. 

Senn möchte einen frischen Wind in den Gemeinderat bringen. Wichtig findet er, dass man in einem Gremium wie dem Gemeinderat einen Konsens findet – und diesen nach aussen geschlossen vertritt: «Wir hatten dies in der Schulpflege auch immer so gehandhabt, und das werde ich im Gemeinderat auch so leben und einfordern.» Er sagt über sich selbst, er höre zu, sage aber auch seine Meinung und scheue sich nicht, in die Diskussion zu gehen. Auch beruflich gelinge es ihm, in Konfliktsituationen zu schlichten und auf der sachlichen Ebene zu bleiben.

Hans Ruedi Schläpfer (65) ist frisch pensioniert.


Der musikalische Pensionär

Ein Parteiloser im Gemeinderat? «Das ist hier ein Novum», sagt Hans Ruedi Schläpfer und schmunzelt. Bis 2015 war er zwar Präsident der Ortspartei der SP, doch dann beschloss er, seine Entscheidungen unabhängig von Partei-Ideologien zu fällen. Nun tritt er bewusst ohne Partei im
Rücken an – und macht «die totale One-man-Show!» Flyer drucken und verteilen, Mediencomuniqués verfassen, Inserate schalten – Schläpfer erledigt alles allein. Und am Samstag, 11. September, will er sich vor dem Einkaufszentrum Geelig von 10 bis 12 sowie von 14 bis 16 Uhr der Bevölkerung vorstellen: «Ich freue mich schon auf die Fragen der interessierten Gebenstorferinnen und Gebenstorfer.»

Der ehemalige Kaufmann ist seit kurzem pensioniert und möchte seine neue Freizeit vermehrt für das Dorf einsetzen. Besonders gern engagiert er sich für kulturelle Events. So war Schläpfer am Samstag für das Rahmenprogramm der Einweihung des Restaurants Cherne zuständig. 

Beruflich war er als Key Account Manager beim Elektronikkonzern Sony für die Schweiz und Österreich viel unterwegs. Als Neu-Rentner geniesst es Schläpfer nun, jeden Morgen im Dorf joggen oder spazieren zu gehen und freut sich über «einen kleinen Schwatz mit Jung und Alt». Gebenstorf erinnere ihn an seine Kindheit im Thurgau, so der 65-Jährige, der in Märstetten aufgewachsen ist. Seinen Thurgauer Dialekt hat er bis heute nicht ganz abgelegt, obwohl er seit über 30 Jahren im Aargau lebt – davon insgesamt zehn Jahre (mit Unterbruch) in Gebenstorf. Als Schulkind war Schläpfer mit seinen Eltern nach Schlieren gezogen. Dort sang er im Chor der «Schlieremer Chind» unter Werner Von Aesch, Mitglied des legendären Cabaret Rotstift. Musik ist bis heute Schläpfers grosses Hobby. «Swing und Seventies sind meine Welt», sagt der Sänger und Gitarrist, der unter dem Pseudonym «Rudy Willborn» mehrere Studioalben in Ostdeutschland produzierte, wo er der Liebe wegen vier Jahre bis Ende 2020 gelebt hat und dort auch die deutsche Politik kennenlernte: «Das war enorm spannend!» Seit Anfang 2021 ist er zurück in Gebenstorf und freut sich, näher bei seinen drei erwachsenen Töchtern und den sechs Enkelkindern zu sein, die alle in der Umgebung leben. 

Als Gemeinderat würde sich Hans Ruedi Schläpfer dafür einsetzen, dass die verschiedenen Kulturen in der Gemeinde, aber auch die einzelnen Ortsteile noch mehr zusammenfinden. Auch im Gemeinderat ist ihm ein Miteinander wichtig: «Diese Polemik der letzten Jahre kann es nicht sein. Es muss wieder Ruhe einkehren und ein konstruktiver Dialog gepflegt werden», fordert er. Als ehemaliges Mitglied der Finanzkommission hat Schläpfer schon Behörden-Erfahrung gesammelt. Seine Wahlchancen als Parteiloser schätzt er auf 50:50 ein: «Es ist alles offen, und das letzte Wort haben die Wählerinnen und Wähler.»

Einsetzen will sich Schläpfer auch für faire Mietpreise und den Bau eines Altersheims, «denn die Gemeinde wächst in grossen Schritten und verfügt meines Wissens über schöne Landreserven für ein solches Projekt». Damit könnte auch seine Vision Realität werden: «Ich möchte in Gebenstorf alt werden und bis ans Ende meiner Tage hier wohnen dürfen.»

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