Die rasende Reporterlegende «hf»

Über mehrere Jahrzehnte fotografierte Heinz Fröhlich die wichtigen Ereignisse im Aargau. Jetzt ist die Reporterlegende tot.

Im analogen Zeitalter verblieben: Heinz Fröhlich mit Schreibmaschine, die Computereinführung liess er aus. (Bilder: at)

19. Januar 2022
14:36

Er war in den 1950er-Jahren der erste Fotoreporter beim «Aargauer Tagblatt» (AT) und in der aargauischen Zeitungslandschaft, denn diese Spezies gab es in den hiesigen Redaktionen noch kaum, weil die regionale Berichterstattung erst spärlich bebildert wurde. Heinz Fröhlich war also sozusagen ein Unikat. Oder ein Unikum? Unnachahmlich war er schon, aber kein Spassvogel.

Amüsant war höchstens seine Technik des Fotografierens. Er besass eine Hasselblad 6x6 Analogkamera mit hoher Bildauflösung und speziellem Lichtschachtsucher, etwas vom Teureren, das es damals gab. Meistens streckte Fröhlich den Apparat über den Kopf hoch und schaute von unten in den Sucher, um eine Szene besser einzufangen. Diese Stellung hob ihn aus jeder Fotografenmeute heraus.


Den Aargau abgebildet
«hf» hielt über vierzig Jahre lang fest, was sich im Aargau ereignete und wie der Kanton durch einen gewaltigen Bauboom sein Gesicht veränderte. Er fotografierte Unglücksfälle und Verbrechen, kleine und grosse Veranstaltungen, neue Zentren, Verkehrsträger, Schulen und Spitäler, Landschaften, Brauchtum und Kulturobjekte, grosse Militärmanöver, solang es sie gab, Naturkatastrophen – und natürlich alles, was im Kanton Rang und Namen hatte. Viele seiner Aufnahmen gelten heute als zeitgeschichtliche Dokumente.

Zum Glück nahm das Aargauer Staatsarchiv einen Grossteil von Fröhlichs Bildmaterial ins Depot, als der inzwischen verwitwete Besitzer die Wohnung in Schinznach-Bad aufzuräumen begann. Die Sammlung umfasste unter anderem die Swissair-Flugzeugabstürze bei Dürren­äsch und Würenlingen, die Explosion in der Sprengstoff-Fabrik Dottikon, das Eisenbahnunglück Stein, die Eröffnung des ersten Autobahnteilstücks im Aargau bis Kölliken und des letzten N3-Abschnitts Frick–Birrfeld, den Bau der Kernkraftwerke Beznau und Leibstadt, aber ebenso den Widerstand gegen das KKW Kaiseraugst.

Ohne «hf» gingen auch keine Feste über die Bühne, seien es die jähr­lichen Jugendfeste, die 175- und 200-Jahrfeiern des Kantons, die Aargauer Auftritte an Landes- und andern Ausstellungen, die Helvetik-Gedenkfeier in Aarau oder die eidgenössischen Turn-, Jodler-, Schwing- und Schützenfeste im Aargau.

 

Sturmerprobt: Fotoreporter Heinz Fröhlich in jüngeren Jahren.


Einmal verspätet
Heinz Fröhlich war Tag und Nacht einsatzbereit. Eigentliche Ferien machte er kaum. Bei der Pensionierung fuhr er sein 33. Auto. Jährlich legte er etwa 100 000 Kilometer zurück. Er vollbrachte eine Gewaltsleistung. Als er in einem früheren Fernsehbeitrag gefragt wurde, wie er seine eigenen Memoiren betiteln würde, sagte er zutreffend: «Ein Leben für eine Zeitung.» Wegen seiner vielen Kontakte verfügte er über ein sagenhaftes Informationsnetz. Im Büro, daheim und unterwegs hörte er verbotenerweise auch den damals noch nicht verschlüsselten Polizeifunk der Kapo Aargau ab. Es kam immer wieder vor, dass er früher als die Feuerwehr und Ambulanz, ja sogar vor der Polizei am Ort des Geschehens auftauchte.

Ein einziges Mal, ausgerechnet bei der grössten Katastrophe, dem Flugzeugunglück in Würenlingen, kam er nach seinem Empfinden zu spät. Ein Augenzeuge aus Villigen rief mich an jenem unvergessenen Samstagmittag an, ich fuhr sofort zur Absturzstelle, ohne «hf» zu kontaktieren, weil ich annahm, dass er vom Ereignis sowieso schon wusste. Eine Viertelstunde später tauchte Fröhlich auf und schnauzte mich an: «Was willst du hier?» Ich machte ihm auf der Stelle die Arbeitsteilung klar: «Du lieferst die Fotos, ich den Text».

Die «NZZ am Sonntag» schrieb, «hf» sei schwer zu führen gewesen. Die Computerbenützung und den Einstieg in die digitale Fotografie lehnte er ab. Er schätzte es aber, dass wir ihn auf der «Aargauer Tagblatt»-Redaktion seine eigenen Kreise ziehen liessen, soweit es ging. Sonst wäre er wohl abgesprungen. An Angeboten fehlte es nicht.


Prag, Karibik, Golan
Auf internationalem Parkett gelang Heinz Fröhlich im sogenannten Prager Frühling 1968 ein Coup. Er fuhr beim Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen durch den Eisernen Vorhang in die tschechoslowakische Hauptstadt und fotografierte als einer der ersten westlichen Reporter das Geschehen auf dem Wenzelsplatz. Dabei stellte er sein Auto vor einen sowjetischen Panzer, und zwar so, dass das aargauische Kontrollschild aufs Bild kam, quasi als Beweis für seine tatsächliche Präsenz.

Von anderen Reisen ins Ausland schrieb er Reportagen für die AT-Wochenendbeilage «kolorit» und den «Aargauer Kurier». Familienferien in der Türkei mündeten unerwartet in eine aktuelle Erdbeben-Reportage. Eine Leserreise in die Karibik, unter anderem zur Gewürzinsel Grenada, die wenig später von US-Truppen vor einer kommunistischen Machtübernahme beschützt wurde, gab mehrere Folgen her. Er nahm auch einen Augenschein auf den besetzten Golanhöhen, wobei ihm die Israelis für die veröffentlichten Bilder einen Spionageprozess androhten.


Flucht vor der Roten Armee
«hf» erschrak nicht so schnell. Wieso ihm der Anblick von Leichen, Verletzungen und Verstümmelungen wenig ausmachte, erklärte er damit, dass er im Krieg viele Tote gesehen habe. Er wurde 1933 im heutigen polnischen Oberschlesien geboren. Seine Vorfahren waren Grossgrundbesitzer. 1945 floh der Zwölfjährige mit den
Eltern vor der anrückenden Roten Armee ins bayerische Cham.

Drei Jahre lebte die Familie in einem Flüchtlingslager. Danach machte Heinz eine Schriftsetzerlehre. Später kam er als Setzer in den Effingerhof nach Brugg, fotografierte nebenbei und empfahl sich dadurch 1958 beim «Aargauer Tagblatt» für die neue Reporterstelle. Seine Frau Edith, die er in Österreich kennengelernt hatte, unterstützte ihn zeitlebens mit unendlich viel Geduld und Verständnis. Das Paar bekam zwei Söhne. Die letzten sechs Wochen verbrachte «hf», der Realität entrückt, im Alters- und Pflegeheim Schenkenbergertal. Am 1. Januar 2022 ist er verstorben.

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