«Die Schatten bringen das Licht hervor»

Eigentlich wollte Martha Känzig nie eine Ausstellung machen. Jetzt zeigt die Bözbergerin ihre Bilder in Effingen. Und freut sich drauf.

«Ich liebe es, in die Farben einzutauchen»: Martha Känzig in ihrem Atelier vor einem Bild, das den Crestasee zeigt. (Bild: aru)

01. September 2021
16:24

Die Entdeckung ihrer «malerischen» Seite hat Martha Känzig einem schwierigen Umstand zu verdanken. Mit sechs Jahren hatte die Bözbergerin, die in Auenstein aufgewachsen ist, einen Verkehrsunfall. Er bewirkte, dass sie während eines Sommers nicht mit den anderen Kindern draussen spielen und rumrennen durfte, sondern ihr Bein «stillhalten» musste. «Meine Eltern wollten mir eine Freude machen und schenkten mir eine Schachtel Neocolor und einen für damalige Verhältnisse exklusiven, grossen Zeichenblock», erinnert sie sich. «So begann ich, intensiv zu zeichnen.» Während ihrer ganzen Schulzeit ging sie weiter ihrer Begabung nach – die niemand so richtig erkannte. «Damals förderte man solche Fähigkeiten nicht wie heute», schmunzelt Känzig. «Schliesslich gab es wichtigere Fächer.» Das Zeichnen sei ein wesentlicher Teil von ihr gewesen, den sie damals aber nie so richtig ausleben konnte. Erst zum Abschluss der Lehrerinnenausbildung riet ihr einer ihrer Dozenten, später die Kunstgewerbeschule zu besuchen.


Vom Aquarell zur Acrylfarbe

Dazu kam es aber nicht. Zu vielseitig waren Känzigs Interessen und Talente. Sie gab gerne Schule, sie liebte die Musik, und als ihr späterer Mann Jörg in ihr Leben trat, hatte Anderes Vorrang: Die beiden lebten und arbeiteten auf dem Bözberg, gründeten eine Familie, bauten ein Haus. Dann – die Kinder waren noch klein – begann Martha Känzig mit Abendkursen an der Kunstgewerbeschule in Zürich. Und stellte sich neuen Herausforderungen wie dem Aktzeichnen. «Den menschlichen Körper zu zeichnen, faszinierte mich», erzählt sie. «Zugleich war es etwas vom Schwierigsten.» Die Leidenschaft fürs Malen war wieder erwacht. «Ich merkte, ich muss dem Sorg geben», sagt sie. Doch erneut sorgte das Schicksal für einen Unterbruch. Die junge Famlie zog eine Zeit lang ins Turbachtal, ihr Mann wurde schwer krank. Als er schliesslich starb, war Martha Känzig alleine für die Erziehung der drei Kinder zuständig. «Die Aufgaben als Mutter füllten meinen Alltag aus», erinnert sie sich. Später kam der Wiedereinstieg als Lehrerin dazu.

Doch irgendwann waren die Kinder erwachsen, und Martha Känzig entdeckte ihre Freude am Malen wieder. Sie fuhr nach Griechenland in die Malferien, wo sie sich dem Aquarellieren verschrieb. «Draussen in der Natur zu sitzen und zu malen, alleine mit mir zu sein – das berührte mich tief in meinem Innern», erzählt sie. Als Künstlerin hat sie sich aber nie gesehen. «Ich kann gut zeichnen und bin gewiss keine schlechte Handwerkerin», erklärt sie bescheiden. «Aber dieses Feuer für die Malerei, das von innen heraus kommt und das ganze Leben bestimmt, das hatte ich nie.»

Trotzdem ging sie intensiv ihrem Interesse nach, besuchte Kurse in freiem Malen und weitere Malferien – wiederholt bei der in Rüfenach aufgewachsenen Nora Dreissigacker, die heute in Genua lebt. «Die Kurse bei ihr waren intensiv und zugleich bereichernd und nährend», sagt Känzig. Sie weckten in ihr die Freude an der Acrylmalerei. Bei dieser Technik kann sie grössere Formate malen und intensiv in die Welt der Farben eintauchen. «Früher ging ich von der Vorstellung aus, dass da ein See ist, den ich malen will – und griff zur Farbe Blau», erzählt sie. «Nun waren es auf einmal Farben und Formen, die ich sah – und malte, ohne über Begrifflichkeiten nachzudenken.»

Dieser andere Ansatz, die Möglichkeit, eine Leinwand zu grundieren und mehrere Farbschichten aufzutragen, prägte fortan ihre Malerei. Diese Art der Acryltechnik hilft ihr, «nicht zu pingelig zu sein», sondern grosszügig mit Pinsel und Farbe umzugehen. «Wenn ich dann zurückstehe und merke, dass es mir gelungen ist, genau die Stimmung zu erfassen, die ich wollte, ist das ein sehr schönes Gefühl», sagt Martha Känzig. Das Malen habe ihr insgesamt viel Freiheit gegeben und die Möglichkeit, sich von Glaubenssätzen und den eigenen Ansprüchen zu lösen. «Man muss ein Werk auch einmal sein lassen – auch wenn da noch viele Dinge sind, die man exakter hätte wiedergeben können», weiss sie.


Der Schritt an die Öffentlicheit

Ihr Atelier hat Martha Känzig in einem hellen Dachzimmer zwischen Sauna und Schlafgemach eingerichtet. Hier hat sie unter anderem eine Malwand geschaffen, an der sie mit den Grosskindern zusammen auch grossflächige Bilder in Angriff nimmt. Sie male am liebsten Landschaften, sagt sie. Himmel, Wasser und die Dramatik von Gewitterstimmungen gehören zu ihren liebsten Sujets. «Liebliche Bilder kann man von mir keine erwarten», lacht sie. Sie möge die dunklen Farben einfach gerne. «Die Schatten, die dunklen Stellen sind es doch, welche das Licht hervorbringen», sagt die pensionierte Lehrerin.

Als sie angefragt wurde, ihre Werke in der Trotte in Effingen zu zeigen, musste sich Martha Känzig «einen Schupf» geben. Schliesslich hatte sie bis anhin einfach für sich selbst gemalt. Die Vorstellung, die Werke, die in diesem intimen Rahmen entstanden sind, nun der Öffentlichkeit zu zeigen, war ihr zuerst unangenehm. Doch dann sagte sie sich: «Es ist wohl an der Zeit, auch diese Vorstellungen zu kippen» – und wagte sich mutig in ein neues Abenteuer. Die Einladungskarte ziert eine Landschaft in Cornwall. Meer und Himmel sind, ganz à la Känzig, in dramatischem Dunkelviolett gehalten – und bringen so die weisse Gischt zum Leuchten.

 

Vernissage mit Musik von Roman Brügger und Dieter Schäfer
Freitag, 3. September, 19 Uhr

Alte Trotte, Effingen

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