«Die Schlagfertigkeit hilft mir heute noch»

Black Sea Dahu haben sich mit stimmungsvollen Folksongs einen Namen gemacht. Das Konzert im Salzhaus ist seit Wochen ausverkauft.

Sängerin von Black Sea Dahu: Janine Cathrein. (Bild: zVg)

09. September 2020
12:31

Black Sea Dahu

Die Zürcher Oberländer Indie-Folk-Band Black Sea Dahu ist 2018 aus der Gruppe Josh hervorgegangen. Sie besteht aus Sängerin und Songschreiberin Janine Cathrein (28), ihren Geschwistern Vera und Simon, Paul Märki, Ramon Ziegler, Pascal Eugster und Nick Furrer. Mit dem hervorragenden Debütalbum «White Creatures», dem magischen Song «In case I fall for you» und eindrücklichen Konzerten in halb Europa wuchsen sie über den Geheimtipp hinaus. 2019 erhielten sie bereits einen Swiss Music Award. Mit der aktuellen EP «No fire in the sand» kommen Back Sea Dahu am 13. September ins Salzhaus.

blackseadahu.com

Black Sea Dahu ist eine Band, die sehr viele Konzerte gibt. Was bedeutet es Ihnen, dass Sie nach fünf Monaten Corona-Zwangspause wieder auftreten können?

Janine Cathrein: Es ist seltsam, wieder unterwegs zu sein, weil man es so lange nicht mehr gemacht hat. Wir fragten uns zuerst, ob wir das überhaupt noch können. Ausserdem hatten wir zwischendrin an neuem Zeug gearbeitet, aber nicht genug Zeit, um das Set umzubauen.


Machen Sie auch mal Ferien?

Das ist schwierig. Wir müssten die Zeit dafür schon Monate im Voraus blockieren. Wenn wir auf Tour sind, entspanne ich mich beim Lesen. Da kann ich in eine andere Welt eintauchen. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, gehen wir gerne in ein Thermalbad. Oder du bist einfach froh, wenn du schlafen kannst.


In welche Art von Büchern tauchen Sie besonders gerne ein?

Hm, schwedische Krimis! (Lacht) Ich brauche etwas Spannendes. Oder Lesestoff, den mir mein Mami gibt. Geschichtliches oder auch Romane.


Sie sind schon in den entlegensten Ecken von Europa aufgetreten. Macht Ihnen das Reisen auch Spass?

Es gehört für mich einfach zu unserem Beruf. Als ich mit der Band Musik zu machen begann, suchte ich sofort nach Gigs - mit einer Selbstverständlichkeit, von der ich nicht weiss, woher sie kam. Andere wagen sich jahrelang nicht aus ihrem Proberaum. Nachdem wir in der Schweiz schon ziemlich viele Ecken bespielt hatten, suchte ich neue Herausforderungen. Schon in Deutschland unterscheiden sich Sprache und Mentalität. Daran kann man wachsen. Flexibler werden, mehr Bühnenpräsenz entwickeln und sein Profil schärfen.


Ihre stimmungsvollen Folksongs wirken eher melancholisch und introvertiert. Leben Sie Ihre extrovertierte Seite aus, wenn Sie Konzerte geben?

Das habe ich mir noch nie überlegt. Wenn ich auf der Bühne stehe, gilt mein Hauptfokus der Musik, aber ich bin auch viel am Herumblödeln. Ich habe mir «e riese Schnurre» antrainiert, weil ich mich in meiner Jugend oft gegen Mobbing verteidigen musste. Nun hilft mir meine Schlagfertigkeit bei den Ansagen, ein Gegengewicht zur Melancholie in den Songs zu schaffen.


Weshalb wurden Sie gemobbt?

Ich hatte schon damals eine tiefe Stimme, weshalb ich zu hören bekam, ich wäre ein «Bueb». Ich wurde deswegen auch gehänselt und geschnitten. Da ich lieber Fussball gespielt habe als herumzutuscheln oder Zettel zu schreiben, hatte ich viel mehr Buben als Freunde als «Meitli».

 

 

Hat sich Ihr Verhältnis zu Ihrer tiefen Stimme durchs Musikmachen verändert?

Als ich Songs zu schreiben begann, habe ich mich einfach gefreut, dass sie meiner Familie gefielen. Seit ich 2012 Josh gegründet habe und wir auftreten, kommen aber plötzlich wildfremde Leute auf mich zu und meinen, ich hätte Talent. Ich würde nicht nur einfach singen, sondern hätte eine spezielle Stimme. Besonders freut mich, dass mir Frauen geschrieben haben: «Endlich mal jemand mit einer Alt-Stimme, mit dem ich mich identifizieren kann!»


Weshalb haben Sie vor zweieinhalb Jahren den Bandnamen gewechselt?

Als wir Josh hiessen, haben uns weder die Fans im Internet gefunden noch konnte die Suisa uns identifizieren, da es verschiedene Bands mit diesem Namen gibt. Nach dem Abgang des Schlagzeugers und des Pianisten fanden wir, nun sei die Zeit reif für eine Veränderung. Die Wahl war schwierig, doch wir haben uns dann in einer Hauruckübung für Black Sea Dahu entschieden.


Wie sind auf das Dahu gekommen?

Wir haben nach Fabelwesen gegoogelt, mochten die Buchstabenkombination und dass es aus der Schweiz stammt. Es ist eine Art Gemse, die links oder rechts kürzere Beine hat, um besser am Hang stehen zu können. Lustig


Ihre Band besteht aus drei Geschwistern und drei Nicht-Verwandten. Was für eine Dynamik entsteht daraus?

Wir Cathreins liefern den Grund-Vibe «Zusammen sind wir stark». Wir sind sehr zielstrebig, weil wir gar nichts anderes haben. Wir gehen nach dem Motto «Gring abe u seckle» voraus. Vom Härtesten. Das andere Leben steht zurück. Es gibt die Band und sonst fast nichts mehr. Das bringt uns weiter.


Hat der familiäre Kern auch Nachteile?

Wir sind inzwischen zwar eine GmbH, aber es gibt auch Konflikte, die damit zusammenhängen, dass ich Vera und Simon in die Band reingezogen habe. Wir verhalten uns untereinander so, wie wir das schon seit 28 Jahren tun, nehmen manches persönlich oder nerven absichtlich. Was ich mit Simon mache, würde ich mir sonst nie erlauben. Es ist total kindisch! (Lacht)


Sie sind zwar eine gefragte Band, füllen aber noch keine Fussballstadien. Wie können sechs Musiker von ihren Gagen essen, schlafen und Pensionskassenbeiträge bezahlen?

Das ist nur dank vielen Unterstützungsgeldern möglich. Alle zwei Monate schreibe ich ein Gesuch an Pro Helvetia, Kanton Zürich, Stadt Zürich, Suisa oder die Interpretenstiftung. Wir investieren viel Arbeit ins Merchandising und sind nonstop auf Tournee. Weil die Gagen im Ausland viel bescheidener sind, machen wir eine Querfinanzierung.


Was nutzt es, dass der Videoclip zu Ihrem bekanntesten Song «In case I fall for you» über 300 000 Klicks hat?

Man merkt es an den Auftrittszeiten und der Grösse der Bühnen an den Festivals und schon auch an der Höhe der Gagen, aber finanziell steht uns das Wasser trotzdem bis zum Hals. Viele verstehen nicht, dass – gerade im Musikbusiness – Bekanntheit nicht gleich Reichtum ist.


Nun spielen Sie im ausverkauften Brugger Salzhaus. Welche Erinnerungen haben Sie an den Auftritt vor einem Jahr beim «8x15» von Radio Virus?

Das Salzhaus ist eine sehr schöne Location mit einer besonderen Atmosphäre. In den vordersten zwei Reihen stehen Leute aus der Musikszene, die voll mitgehen. Da bekommst du als Künstler ein tolles Feedback.

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