Die Schule kommt nicht zur Ruhe

Nach nur zwei Monaten hat die Primarschule Turgi wieder eine neue Schulleiterin. Der Gemeinderat hofft nun auf mehr Kontinuität.

Die Primarschule Turgi befindet sich direkt beim Gemeindehaus. (Bild: Archiv)

19. Januar 2022
18:22

Kurz vor den Weihnachtsferien erhielten die Eltern der Primarschulkinder von Turgi eine Mail. Darin wurde ihnen mitgeteilt, dass sich die Schule Turgi und Schulleiterin Julia Embacher «in gegenseitigem Einvernehmen» getrennt haben. Gemäss Vizeammann Astrid Barben sei das Arbeitsverhältnis mit Embacher innerhalb der Probezeit per Ende Dezember «aufgrund unterschiedlicher Vorstellungen bezüglich der Zusammenarbeit» aufgelöst worden. Embacher hatte ihren Job erst am 1. November angetreten. Sie stellt gegenüber der «Rundschau» jedoch klar: «Mir ist wichtig, dass man weiss, dass ich nicht davongelaufen bin. Die Trennung geschah in gegenseitigem Einvernehmen – mit sofortiger Freistellung. Ich hatte nicht einmal die Möglichkeit, mich zu verabschieden.»

Embacher macht keinen Hehl daraus, dass sie sich ihre Arbeit in Turgi anders vorgestellt hatte. «Bei meiner Anstellung hiess es, man müsse in Turgi Führung etablieren, und dafür bekäme ich jeden Rückhalt. Sogar die Lehrer würden sich eine Führung wünschen», erzählt Embacher. Habe sie jedoch versucht, die Vor­gaben des Kantons umzusetzen, sei sie auf grosse Widerstände bei der Lehrerschaft gestossen. Sie nennt ein Beispiel: «Konkret habe ich darauf bestanden, dass Schule immer stattfindet und Kinder nicht einfach nach Gutdünken nach Hause geschickt werden, wenn die Lehrperson krank ist.» Diese Regelung habe sie mit Lisa Lehner, Mitglied des Fachausschusses, abgesprochen. «Sie fand das auch gut und richtig.»


Kritik an neuem Reglement
Dennoch sei sie durch ihr Handeln zum Sündenbock des Kollegiums geworden, so Embacher. Eine Lehrperson habe ihr sogar Droh-Mails geschrieben mit Aussagen wie: «Gehe in Frieden». Die Eltern dieser Klasse hätten fast täglich um Hilfe gebeten, weil die Lehrperson Kinder willkürlich bestrafe und blossstelle. Bei einem Personalgespräch mit Zielvereinbarung habe die Lehrperson mit der Faust auf den Tisch geschlagen und das Gespräch ohne Unterschrift der Zielvereinbarung abge­brochen. Embachers Plan, eine schrift­liche Mahnung gemäss Personalhandbuch zu schreiben mit Vorgaben – unter anderem, die Kinder ernst zu nehmen und Klassenstunden abzuhalten –, sei vom Fachausschuss als «Holzhammermethode» bezeichnet worden.

Auch ein neues Kompetenzreglement, welches vom Fachausschuss erarbeitet und per 1. Januar 2022 vom Gemeinderat in Kraft gesetzt wurde, habe ihr die Arbeit erschwert. «Ich musste für fast alle Alltagshandlungen an den Fachausschuss gelangen.»  Dieses Reglement sei ein Arbeitspapier, entgegnet Astrid Barben: «Wie weit es sich in der Praxis bewährt, wird aufgrund einer Evaluation im Sommer 2022 durch den Fachausschuss und die Schulleitungen geprüft. Dabei kann es zu Anpassungen kommen.»


Vorgänger ging nach einem Jahr
Doch Julia Embacher fühlte sich in ihrer Führungsarbeit blockiert und wollte deshalb selber kündigen – allerdings mit mehr Zeit für eine Übergabe. «Ich sah einfach einen unüberwindbaren Berg namens Fachausschuss und das Problem mit den Lehrpersonen, die das Sagen haben. An diesem Punkt ist mir langsam die Energie ausgegangen, wie auch schon meinem Vorgänger.» Erst im Sommer 2020 hatte Emil Enzler die Schulleitung übernommen. Nach einem Jahr verliess er nach längerer Krankschreibung die Schule Turgi im Sommer 2021 wieder. Per 1. November fing Julia Embacher an.

Am Montagmorgen nahm nun bereits eine neue Schulleiterin ihre Arbeit auf: Monika Müller wurde mit einem Pensum von siebzig Prozent angestellt. Sie ist ausgebildete Schulleiterin und hat als ehemalige Schulpflegerin und Schulpflege-Präsidentin «reichlich Schulerfahrung, speziell auch in schwierigen Zeiten», wie Ast­rid Barben erklärt: «Sie hat sich in den Bereichen Mediation und Konfliktmanagement weitergebildet.» Da es dennoch Müllers erste Anstellung als Schulleiterin ist, habe der Fachausschuss entschieden, ihr die erfahrene Schulleiterin Lisa Lehner zur Seite zu stellen, so Barben: «Lisa Lehner wird zugunsten der Co-Schulleitung auf diesen Zeitpunkt hin aus dem Fachausschuss austreten.» Somit gehören nur noch Alex Grauwiler und sie selbst dem Ausschuss an.

Bereits im Sommer hatten 18 von 34 Lehrpersonen gekündigt, darunter waren allerdings viele mit kleinen Pensen. Die fehlende Konstanz gibt auch der Gemeinde zu denken. Astrid Barben: «Mir ist vollkommen bewusst, dass die vielen Wechsel in den Schulleitungen zu Verunsicherungen bei den Lehrpersonen wie auch bei den Einwohnerinnen und Einwohnern führen. Der Gemeinderat und der Fachausschuss bedauern sehr, dass es bisher nicht besser funktioniert hat.» Alle Beteiligten müssten sorgfältig evaluieren, was zum Scheitern beigetragen habe, fordert Barben.

Die Schule Turgi wird im Schuljahr 2022/23 zudem turnusgemäss im Rahmen der kantonalen Qualitätskontrolle überprüft. Der Gemeinderat und der Fachausschuss hoffen auf eine Beruhigung der Situation an der Primarschule und am Kindergarten, so Barben: «Wir sind zuversichtlich, dass es uns mit der neuen Schulleitung und mit Unterstützung von Lisa Lehner und dem Fachausschuss gelingen wird, diese gewünschte Beruhigung herbeizuführen.»

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