«Die Sprache lebt!»

Seit zehn Jahren lebt Carla Lozza-Valär in Untersiggenthal. Sie arbeitet als Übersetzerin vom Deutschen ins Räto­­romanische und umgekehrt.

Carla Lozza-Valär arbeitet seit 2013 als Übersetzerin (Bild: as)

von
Andrina Sarott

12. Juni 2019
09:00

Um kurz vor halb vier Uhr nachmittags komme ich bei der Familie Lozza-Valär in Untersiggenthal an. Auf dem Vordach des Hauses thront stolz ein Steinbock, der auf die Herkunft der Bewohner hindeutet. Carla Lozza wohnt hier gemeinsam mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern. Ursprünglich kommt sie aus Zuoz im Oberengadin. Die Liebe hat sie in den Aargau gebracht, denn ihr Mann ist in der Region aufgewachsen. Auch die Inneneinrichtung des Hauses lässt auf Carla Lozza-Valärs Bündner Wurzeln schliessen. An verschiedenen Wänden hängen Geweihe von Gämsen und Steinböcken – teilweise bunt bemalt. Es wird gerade über die Zvieri-Wünsche gesprochen. Carla Lozza und ihre Kinder sprechen Puter miteinander. Das ist eins der insgesamt fünf rätoromanischen Idiome, die im Kanton Graubünden gesprochen werden. Dazu gehören nebst Puter (Oberengadin) Vallader (Unterengadin und Münstertal), Sursilvan (Vorderrheintal), Sutsilvan (Hinterrhein und Schamsertal) und Surmiran (Oberhalbstein und Teile des Albulatals). Diese Idiome sind sehr unterschiedlich. Des Weiteren gibt es noch die künstliche Schrift- und Amtssprache, Rumantsch Grischun. «Das ist ein Mix der verschiedenen Idiome und ist bei den Rätoromanen umstritten», meint Carla Lozza.

 

Eine Alltagssprache

Carla Lozza ist ihre Sprache wichtig. Das merkt man sofort. Das Rätoromanische werde auch hier im Unterland oft erkannt, was sie sehr freue. «Viele sagen mir: ‹ Wow, das ist toll, dass Sie mit Ihren Kindern Romanisch sprechen.› Wenn ich zum Beispiel Italienisch sprechen würde, wäre das ganz normal. Mir stellt sich dabei die Frage: Wie soll ich sonst mit meinen Kindern sprechen? Es ist meine Muttersprache und die Sprache, in der ich mich zu Hause fühle und am besten ausdrücken kann», erzählt Carla Lozza. «Viele denken, dass das Romanische am Aussterben sei. Das sehe ich anders. Romanisch ist zwar eine Minderheitensprache, aber es gibt einen romanischen Alltag. Man kann sich in den romanischsprachigen Teilen Graubündens von morgens bis abends durch die Gesellschaft bewegen und nur Romanisch sprechen. Die Sprache lebt nach wie vor, auch wenn sie sich stetig verändert.»

Rätoromanisch wird in der Schweiz von rund 60'000 Menschen aktiv gesprochen, von rund 40'000 als Hauptsprache (Volkszählung 2000). «Da Romanisch eine Minderheitensprache ist, hat eine Verwässerung der Dialekte oder Einflüsse anderer Sprachen extremere Auswirkungen», erklärt Lozza. 

 

Ein feines Sprachgefühl

Nach ihren Studien der Medienwissenschaften in Bern und der rätoromanischen Sprache in Freiburg war Carla Lozza über sieben Jahre als Radiojournalistin bei Radiotelevisiun Svizra Rumantscha RTR tätig. Dort musste sie jeden Tag deutsche Nachrichten ins Romanische übersetzen. Seit 2013 arbeitet die Oberengadinerin unter dem Namen «Lozzatext» als freischaffende Texterin und Übersetzerin vom Deutschen ins Romanische und umgekehrt. Genauer übersetzt sie deutsche Texte ins Puter und Rumantsch Grischun oder in die andere Richtung. Texte in den anderen Idiomen übersetzt sie ins Puter, Rumantsch Grischun oder ins Deutsche. «Das Übersetzen ist viel mehr, als Wort für Wort in die andere Sprache zu übertragen. Es geht darum den Inhalt zu erfassen und in der anderen Sprache wiederzugeben. Dafür braucht es nicht nur ausgezeichnete Sprachkenntnisse, sondern auch ein feines Sprachgefühl», meint die 42-Jährige. «Das ist eine Herausforderung, macht die Arbeit aber spannend und vielfältig.»

 

Spielerischer Umgang mit der Sprache

Carla Lozza arbeitet unter anderem für Agenturen im In- und Ausland und die Lia Rumantscha, den Dachverband aller romanischen Sprachvereine. Sie übersetzt eine grosse Bandbreite an Textarten: von persönlichen Texten, über Anleitungen und Lebensmittelverpackungen, Apps bis hin zu offiziellen Dokumenten von Gemeinden ist alles dabei. «Die spannendsten Aufträge sind meist diejenigen, die ich direkt erhalte», schmunzelt Lozza. «Ein Unterländer hat sich in eine Romanin verliebt und ihr einen Liebesbrief geschrieben. Diesen durfte ich für ihn übersetzen. Das war wunderschön. Mir gefällt es, dass ich bei meiner Tätigkeit spielerisch mit der Sprache umgehen kann.» Das Romanische sei zwar eine blumige Sprache, aber auch sehr direkt. Habe im Gegensatz zum Deutschen wenige Floskeln. Das wirke sich auch auf die Menschen aus. «Die Kultur ist anders. Die Sprache ist anders. Und dementsprechend sind auch die Menschen anders», sagt Carla Lozza.

 

Ein Satz in Rumantsch Grischun und in den verschiedenen romanischen Idiomen

Liebe Leserschaft

Vielen Dank für Ihre Treue und viel Spass bei der weiteren Lektüre!

 

Rumantsch Grischun: 

Chars lecturs

Grazia fitg per Vossa fidaivladad e bun divertiment tar la lectura!

 

Puter: 

Chers lectuors

Grazcha fich per Vossa fiduzcha e bun divertimaint tar la lectüra!

 

Vallader: 

Chars lectuors

Grazcha fich per Vossa fiduzcha e bun divertimaint tar la lectüra!

 

Sursilvan:

Preziai lecturs

Grazia fitg per Vossa fideivladad e bien divertiment tar la lectura.

 

Sutsilvan:

Tgears lecturs 

Graztga fetg par Vossa fidevladad a bùn divertimaint tar la lectura. 

 

Surmiran:

Tgers lectours

Angraztg fitg per la Vossa fidanza e bler divertimaint tar la lectura!

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