Die steinigen Wege der Integration

Der ehemalige Flüchtling Yasser John Hosseini hat hier eine neue Heimat gefunden. Sein erster Film «Ende Herbst» feiert nun im Royal Baden Premiere.

Freut sich auf die Premiere seines ersten Films: Yasser John Hosseini im Hotel Blume in Baden
Freut sich auf die Premiere seines ersten Films: Yasser John Hosseini im Hotel Blume in Baden (Bild: ub)

von
Ursula Burgherr

24. Mai 2018
09:00

Stylish sieht Yasser John Hosseini aus mit seinem Hipster-Hut, dem säuberlich gestutzten Bart und der runden Hornbrille. Lässig lehnt er sich fürs Foto über die Balustrade im Atrium des Badener Hotels Blume. Anlass für das Treffen mit dem 27-jährigen Filmemacher ist sein Spielfilm «Ende Herbst», der am 28. Juni im Royal Premiere feiert. Yasser wurde 1991 in Herat, Afghanistan, geboren. 2009 floh der Kameramann aus seiner Heimat. Über die Gründe, warum er Eltern und sieben Geschwister zurückliess, will er nicht reden. Sie waren aber so gravierend, dass er sich 2009 ohne jegliches Hab und Gut mit einem Flüchtlingskonvoi auf den Weg in eine völlig ungewisse Zukunft machte. Über drei Jahre war er unterwegs, vom Iran in die Türkei, nach Griechenland und Italien, bis er schliesslich im Jahr 2012 die Schweiz erreichte. 

 

Die Kamera als Rettungsanker

In der ersten Asylunterkunft in Chiasso schrieb Yasser in sein Tagebuch: «Ich bin endlich angekommen.» Dort sah er auch seinen Landsmann wieder, dem er hoffnungsvoll gefolgt war. Immer wieder wurde er gefragt, warum es ihn ausgerechnet hierhergezogen habe. «Heute sage ich einfach: weil ich Käse liebe», meint er, und ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Yasser hat seinen Humor wiedergefunden. Nachdem er in Asylunterkünfte nach Rekingen und Buchs verfrachtet worden war, kam er nach Klingnau. Heute macht er eine Lehre in einem Fotofachgeschäft. Und sein 80-minütiger Spielfilm «Ende Herbst» ist fertig. Yasser schrieb dafür das Drehbuch und führte Regie. 

Die wahre Geschichte dreht sich um einen zusammengewürfelten Haufen junger Menschen mit unterschiedlichsten Schicksalen. Sie stammen aus aller Herren Ländern und sind wie der Filmemacher selber an der Kantonalen Schule für Berufsbildung in Baden, um so schnell wie möglich die deutsche Sprache zu erlernen und einen Ausbildungs- oder Berufsplatz zu finden. Ein Jahr begleitete der Cineast die Schülerinnen und Schüler mit der Kamera. «Endlich Herbst» ist eine Mischung aus Dokumentar- und Spielfilm über Menschen, die sich integrieren wollen und dafür steinige Wege gehen müssen. Es ist Yassers Geschichte. Doch der Künstler will sich nicht ins Zentrum stellen. «Es gibt Tausende von Yassers», sagt er. 

Als er 2013 den ersten Antrag stellte, um an die Kantonale Schule für Berufsbildung angenommen zu werden, wurde dieser abgelehnt. Der lähmende Alltag von Asylsuchenden und schlechte Aussichten, je arbeiten zu können, liessen ihn in eine Depression fallen. «Der Tag besteht aus Schlafen und Essen. Man hat keine Funktion, kann sich nirgendwo einsetzen oder nützlich machen. Das war für mich schlimm.» Eine geschenkte Kamera, die auch im Film vorkommt, rettete ihn. 2015 wurde er endlich an der Schule zugelassen und realisierte verschiedene Projekte. Das grösste ist «Ende Herbst». «In meinem Heimatland fängt nach der Herbstsaison der Frühling an. Die Dunkelheit ist dann vorbei», sagt Yasser zum Titel seines Werks. 

Im ersten Film von Yasser John Hosseini spielt ein Flüchtling einen Flüchtling. In die Rolle des 2009 aus Afghanistan geflohenen Kameramanns, dessen Geschichte der Film «Ende Herbst» zeigt, schlüpft der Iraner Saeed Ranjbar aus Wettingen
Im ersten Film von Yasser John Hosseini spielt ein Flüchtling einen Flüchtling. In die Rolle des 2009 aus Afghanistan geflohenen Kameramanns, dessen Geschichte der Film «Ende Herbst» zeigt, schlüpft der Iraner Saeed Ranjbar aus Wettingen (Bild: Filmstill/zVg)

 

Ein langer Weg bis zur Freiheit

Wer einen deprimierenden Streifen erwartet, liegt falsch. Vor allem handelt er von Personen, die stark sind und sich eigeninitiativ zeigen; die trotz zahlreicher Hindernisse und Hürden und ohne jegliche Sicherheit niemals aufgeben. Wie Yasser, der im Film von dem ebenfalls geflüchteten Iraner Saeed Ranjbar gespielt wird. Einer, der im Alltag mutig ist, den aber nachts Albträume plagen. Denn da ist immer die Ungewissheit: Wie lange geht der Weg in der Schweiz für mich noch weiter? Ein Monat, ein Jahr, oder mehr? Das Hängen im luftleeren Raum ist für Asylsuchende nüchterner Alltag. Gedreht wurde vor allem an Schauplätzen in Baden.

Andi Hofmann, der als «King of Trash» bekannte Filmemacher, war sowohl von Yasser als Person als auch von seinem Schaffen derart begeistert, dass er als Koproduzent mitwirkte. «Andi, der über 100 Filme gedreht und einen enormen Erfahrungsschatz hat, trägt enorm viel zur Qualität des Projekts bei», zeigt sich Yasser überzeugt. Wenn Menschen extrem negativ auf ihn als ehemaligen Flüchtling reagieren, zieht er sich zurück und lamentiert nicht lange. «Ich fühle mich heute im Aargau angekommen und zu Hause», bekundet der dunkle Lockenkopf jedoch, und seine Augen hinter den Brillengläsern leuchten. 

Finanzielle Unterstützung bekam er bisher von der Stadt Baden, den Gemeinden Klingnau und Wettingen, dem Verein Kulturdünger, der Kantonalen Schule für Berufsbildung und dem Fotofachgeschäft, in dem er arbeitet. Den restlichen Betrag, der vor allem für Tonaufnahmen und den in seiner Landessprache Dari gesungenen Filmsong anfallen, versucht man nun per Crowdfunding zu generieren. Auf Heimweh angesprochen, zieht sich Yasser in sein Schneckenhaus zurück. «Ich habe Gefühle wie jeder andere Mensch auch», hält er sich bedeckt. «Für mich ist es das Wichtigste, die Ausbildung an der Schule für Gestaltung in Zürich erfolgreich abzuschliessen. Danach sehe ich weiter.» Dass er in der Schweiz seine Heimat gefunden hat, wieder arbeiten und sich vor allem frei und ohne Repressalien bewegen kann, ist für den jungen Kreativen aus Afghanistan ein Wunder.

Filmpremiere: Donnerstag, 28. Juni, 20 Uhr, Royal Baden 
Crowdfunding: www.wemakeit.com/projects/ende-herbst 

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