Die Tiefenlager-Frage im Fokus

Zum Thema «Auswirkungen eines möglichen Tiefenlagers im Bereich Bözberg auf Jurapark und Weinbau» fand in Remigen ein Anlass statt.

Sie informierten über das Endlager-Projekt: Thomas Vetter, Bruno Hartmann und Kurt Wyss. (Bild: mw)

24. November 2021
18:08

Zwei Dutzend Besucherinnen und Besucher aus dem Aargau und aus dem benachbarten deutschen Bundesland Baden-Württemberg interessierten sich für die Thematik, welche auch die nördliche Region Brugg betreffen könnte. Kurt Wyss, Präsident der Regionalgruppe Aargau/Solothurn des Forums Vera (Verantwortung für die Entsorgung radioaktiver Abfälle), wies zu Beginn darauf hin, dass im Sachplanverfahren Tiefenlager nächstes Jahr ein Schritt von zukunftsweisender Bedeutung erfolgen werde. Dann ist der Vorentscheid fällig, welche der drei ins Auge gefassten und als praktisch gleichwertig erachteten Regionen in der Nordschweiz für das Einreichen des Standortgesuchs als am besten erachtet wird. Bisher in der Evaluation verblieben sind von den anfänglich sechs Gebieten die Gegenden Jura-Ost, Nördlich Lägern und Zürich Nordost (Weinland).


Aus Sicht des Juraparks
Im ersten Referat stellte Thomas Vetter, Präsident des Juraparks Aargau, die momentan noch 28 und ab 2022 bis 2031 insgesamt 32 Gemeinden umfassende Organisation vor. Er führte aus, dass sich mit den Neuzugängen die Einwohnerzahl im Parkgebiet von 42'000 auf 55'000 erhöhe. Die Tätigkeitsbereiche erstrecken sich hauptsächlich auf die Themenkreise Aufwertung von Natur und Landschaft, Stärkung einer nachhaltigen Regionalwirtschaft, Sensibilisierung der Gesellschaft für Natur und Kultur sowie Förderung und Pflege von Forschung und Netzwerken. Sollte die Wahl des Endlagers mit seinen zum Teil oberirdischen Infrastrukturanlagen auf den Standort Jura-Ost fallen, wären im Herzen des Parks zehn Mitgliedsgemeinden mit ihren Bewohnern und speziell Herstellern verschiedenster Landwirtschaftsprodukte direkt betroffen. Vetter betonte, dass der Kanton Aargau mit den Kernkraftwerken Beznau und Leibstadt sowie mit dem Zwischenlager in Würenlingen schon seit längerer Zeit einen wichtigen Beitrag an die schweizerische Energieversorgung leiste. Obwohl man gemäss Bund keine absolute Unvereinbarkeit zwischen regionalen Naturpärken und geologischen Tiefenlagern für radioaktive Abfälle sehe, seien im Hinblick auf eine allfällige Inbetriebnahme eines kombinierten Endlagers für schwach-, mittel- und hochradioaktive Abfälle doch Fragen angebracht. Bedenken bestünden in Bezug auf Auswirkungen in den Bereichen Landwirtschaft (unter anderem Beachtung der Fruchtfolgen), Immoblienpreise und Tourismus. «Wir haben somit den ausdrücklichen Wunsch, dass das Tiefenlager nicht kommt, aber falls doch, müssten wir das Beste aus der Sache machen», so Vetter.


Mögliche Folgen für den Weinbau
Bruno und Ruth Hartmann bewirtschaften seit 1984 im Zeichen von Ökologie und Nachhaltigkeit ihr Weinbaugut mit einer Rebfläche von
16 Hektaren. In der ab 2022 dem Jurapark angeschlossenen Gemeinde keltern sie und ihre Mitarbeiter 22 Rot- und Weissweine, deren Trauben von zehn Betrieben stammen. Dank den auserlesenen Tropfen aus ihren Römerrebbergen zählen vier Weinbauern aus Remigen, Villigen, Schinznach-Dorf und Oberflachs zu den für den Legionärspfad aktiven Vindonissa-Winzern. Hartmann bezeichnete ein mögliches Tiefenlager als sensible Sache, befürchtet er doch nebst Mehrverkehr Auswirkungen auf den Tourismus sowie Wertverluste auf Immobilien und tiefere Weinpreise. Aber auch mehr Luftverschmutzung infolge des geplanten Verzichts auf Kernkraft im Zeichen der Energiestrategie 2050 wäre denkbar und nicht unbedingt von Vorteil für die Reben. Er blickt jedoch trotz allem positiv in die Zukunft: «Ein Restrisiko ist zwar gegeben, aber die in einigen Jahrzehnten in Betrieb kommenden Anlagen würden für unseren Betrieb wohl keine schwerwiegenden Existenzprobleme zur Folge haben. Wir sind somit zuversichtlich, dass die Auswirkungen im Rahmen gehalten werden könnten. Aber bei einer Projektrealisierung sollte die Schweiz dem Kanton Aargau die Übernahme der Entsorgungsinfrastruktur gebührend honorieren. Und auf jeden Fall dürften für die Standortwahl politische Erwägungen keine Rolle spielen, ganz im  Gegensatz zur Beachtung der höchstmöglichen Sicherheit.»


Ein jahrelanges Verfahren
Zum Abschluss orientierte Kurt Wyss aus Sicht des Forums Vera über das Endlager-Sachplanverfahren. Er betonte, dass das Tiefenlager-Problem in absehbarer  Zeit auf der gesetzlichen Grundlage im Inland zu lösen sei, aber ganz klar aufgrund von geologisch nachvollziehbaren Faktoren. Die Standortevaluation erfolge aufgrund von rund einem Dutzend Kriterien.

Voraussichtlich 2024 reicht die Nagra das Rahmenbewilligungsgesuch definitiv ein, und in den nachfolgenden Jahren müssen das Eidgenössische Institut für Nuklearsicherheit (Ensi), der Bundesrat, das Parlament und das Volk über die spätere Realisierung entscheiden.

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