«Diese Frage lasse ich mir nicht gefallen!»

Bis Sonntag läuft die Ausstellung Salzwerk im Salzhaus. Den Schlusspunkt setzt Wortkünstler Jürg Halter – mit einer Freestyle-Performance.

Improvisiert fürs Leben gern: Jürg Halter
Improvisiert fürs Leben gern: Jürg Halter (Bild: zVg | Rob Lewis)

von
Annegret Ruoff

23. Mai 2019
09:00

Jürg Halter, 38

wurde in Bern geboren, wo er meistens lebt. Halter ist Schriftsteller, Musiker und Performancekünstler. Er gehört zu den bekanntesten Schweizer Autoren seiner Generation und zu den Pionieren der neuen deutschen Spoken-Word-Bewegung. Halter hat an der Hochschule der Künste Bern Bildende Künste studiert. Im Herbst 2018 erschien sein Romandebüt «Erwachen im  21. Jahrhundert» (Zytglogge Verlag).

Jürg Halter, diese Interviewanfrage kommt kurzfristig. Da Sie ein Meister der Improvisation sind, wird Sie das geradezu inspirieren. Nicht?

Ich habe jahrelang auf diese Frage gewartet. Nun bin völlig perplex. Perplex spontan. Also legen Sie los.

 

In Brugg werden Sie am kommenden Sonntag ohne Pause 45 Minuten lang freestylen. Geht Ihnen da nicht die Spucke aus – oder der Atem?

Einen Blackout hatte ich während des Improvisierens bislang noch nie. Aber mal gelingt es mir besser, mal weniger gut. Denn es gibt keine Sicherheit. Ich bin nicht für den Ernstfall eines Blackouts vorbereitet. Ich habe nichts vorgesehen für den Fall der Fälle, das würde mich nur blockieren. Und wenn ich nicht mehr weiter komme und also scheitere, erzähle ich einfach darüber. Scheitern als Chance! 

 

Öhm. Das klingt jetzt ziemlich abgedroschen.

Ist aber einfach menschlich. Wenn man nichts zu verlieren hat, wächst der Mut. Wenigstens ists bei mir so auf der Bühne. Im Leben schauts hingegen schon etwas komplizierter aus.

 

Das würde uns mit Sicherheit in die Weite führen. Sparen wir dieses Thema für den Sonntag auf. Sagen Sie mal, was ist eigentlich der Unterschied zwischen einer Freistil-Performance und einer Predigt?

Ich bereite nichts vor, ich reagiere auch ganz direkt auf das Publikum, nehme gar Worte und Ideen aus dem Publikum auf und baue diese in meine Improvisation ein. Sie können auch mit einem Gegenstand zu meinem Auftritt kommen, und ich werde darüber spontan eine Geschichte erzählen.

 

Echt jetzt? Dann hoffe ich, das Brugger Publikum bringt ausgefallene Objekte mit. Was gefällt Ihnen eigentlich daran, 45 Minuten zu reden, ohne dass man Ihnen widerspricht?

Diese Frage lasse ich mir nicht gefallen!

 

Also lassen wir das. Am Sonntag werden Sie als Literat an einer Kunstausstellung zu Gast sein. Wann wird Ihre Rede zur Kunst?

Wenn ich sprachlich überraschen kann. Wenn ich neue Perspektiven auf vermeintlich bekannte Dinge aufzeige, wenn ich aufs Publikum reagieren kann, ohne mich anzubiedern. Wenn ich verschiedene Themen auf eine unkonventionelle Weise verknüpfen kann. Wenn ich von der Magie des Gewöhnlichen erzähle.

 

Das wäre ein wundervolles Schlusswort. Mir brennt aber noch eine Frage auf der Zunge: Bereiten Sie sich auf die Finissage in Brugg mit einem rhetorischen Konzept vor, oder plaudern Sie einfach mal drauf los?

Ich lege einfach los. Wie ein Zirkuspony. Nur anders.

 

Was lässt Sie darauf vertrauen, dass Ihnen die Sprache nicht ausgeht?

Meine Spucke ist magisch, die spricht einfach von selbst.

 

Ihre Performance heisst «Freistil». Finden Sie diesen Titel wirklich derart inspirierend, dass er 45 Minuten Inhalt garantiert?

Der Titel ist unverschämt langweilig. Aber wann beginnen wir zu fantasieren? Wenn wir uns langweilen! Und falls Sie mir nicht glauben: Besuchen Sie mich am Sonntag!
 

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