«Dr Everest isch gäng e Bärg gsi»

Er stand 1956 als einer der Ersten auf dem Gipfel des Mount Everest: Hans Rudolf von Gunten. Im Dezember ist er 93-jährig verstorben.

Der Jubel war gross, als am 8. Juli 1956 die Helden der Schweizer Everest-Lhotse-Expedition in Zürich-Kloten dem Flugzeug entstiegen. (Bild: zVg)

12. Januar 2022
18:55

Wer der erste Mann auf dem Mond war, weiss jedes Schulkind. Aber wer war der Dritte? Den meisten ist bekannt, dass der Neuseeländer Edmund Hillary und Sherpa Tenzing Norgay 1953 als Erste auf dem Gipfel des Mount Everest standen. Wer aber weiss, dass die nächsten vier Alpinisten, die 1956 das Dach der Welt und damit 8848 Meter Höhe erreichten, Schweizer waren? Den Bergsteigern Ernst Schmied und Jürg Marmet gelang am 23. Mai sowie einen Tag später Dölf Reist und Hans Rudolf von Gunten die zweite respektive dritte Besteigung. Zuvor bezwangen Fritz Luchsinger und Ernst Reiss im Rahmen dieser Expedition als Erste den benachbarten Lhotse. Laut von Gunten dachten die Teilnehmer bei der Rückreise, auf den Everest wolle nach ihnen «niemand mehr hinauf».


Fels- und Eis­kletterer
Schon als Kind entdeckte der gebürtige Stadtberner von Gunten dank seinem Vater die Bergwelt. Als Chemiestudent holte er sich im Akademischen Alpenclub das nötige Know-how für schwierige Touren und galt als erstklassiger Fels- und Eiskletterer – als ihn die Anfrage erreichte, ob er an einer Schweizer Himalaja-Expedition teilnehmen wolle. «Es war eine einmalige Chance, die ich nicht verpassen wollte.» Von Gunten und seinen Kollegen ging es im Himalaya nicht um Rekorde. «Wir suchten die sportliche Herausforderung und den wissenschaftlichen Fortschritt in unberührter Natur», sagte er einmal.

Bereits 1952 gelangen am Mount Everest Schweizer Expeditionen Pioniertaten: Sie erschlossen unter grössten Strapazen die heutige Normalroute (was Hillary den Weg zu seiner Erstbesteigung öffnete) – und am 28. Mai 1952 erreichten Tenzing Norgay und der Schweizer Raymond Lambert 8600 Meter. Weil sie nicht wussten, ob der mitgeführte Sauerstoff reichen würde, mussten sie 150 Höhenmeter unter dem Gipfel des Mount Everest umdrehen.

Von Gunten erklomm nach der Expedition von 1956 keinen weiteren 8000er. Er blieb zwar engagierter Alpinist, widmete sich aber primär seiner wissenschaftlichen Karriere, wurde Professor für Radiochemie an der Universität Bern und forschte am damaligen Institut für Reaktor­forschung (EIR) in Würenlingen – heute Teil des Paul-Scherrer-Instituts (PSI).

 

Hans Rudolf von Gunten (Bild: zVg)

 

Wissenschaftliche Karriere
Auf den Everest wurde er immer wieder angesprochen, auch an wissenschaftlichen Tagungen: «Professor von Gunten, sagen Sie: Wie war es auf dem Everest?» Einige Anekdoten habe er dann immer erzählt, aber auch klargemacht, dass das Dach der Erde nie der Fixpunkt seines Lebens gewesen sei. Er träume auch schon lange nicht mehr von ihm: «Dr Everest isch haut gäng e Bärg gsi.» Womit der bescheidene von Gunten vermutlich meinte, «der Everest war halt immer nur ein Berg».

Zurück zur Expedition von 1956. Die Erfolge der Schweizer am Berg waren nicht nur ein Medienspekta-
kel – «Swiss Climb Everst and Lhotse» titelte die New Yorker «Herald Tribune». Sie wurden auch bereits nach allen Regeln der Kunst vermarktet. Die Schuhfabrik Bally pries etwa in ganzseitigen Inseraten den neu für das Dach der Welt entwickelten ­Rentierfellstiefel – eine Art felliger Vorläufer der Moonboots. Oder die Firma Wander: Sie lieferte mit einem eigenen Bilderdienst Fotos der Expedition und hob hervor, dass Ovo zum «Bestandteil des Proviants» der Gipfelstürmer gehöre.

Mit Hans Rudolf von Gunten ist der letzte der elf Teilnehmer der historischen Everest-Expedition gestorben. Er hinterlässt einen Sohn und drei Töchter.

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