Drei Frauen und ein Mann wollen es wissen

Madlon Lindenmann, Pascale Marder, Lucia ­Vettori und Emanuel Ritzmann kandidieren für den Gemeinderat Turgi. Wer sind diese Neuen? Und was wollen Sie verändern?

Pascale Marder, 43, BVT. (Bilder: zVg | Philipp Bodinger)

15. September 2021
15:43

Die junge Vielseitige
Pascal Marder studierte Geschichte, Englisch und Kunstgeschichte. Als junge Werkstudentin arbeitete sie vier Jahre lang bis zum Grounding 2001 in der Marketingabteilung der damaligen Swissair. Eine Pionierin weckte dabei ihr Interesse: Nelly Diener aus Dietikon war die erste Stewardess Europas und so etwas wie ein «It-Girl» in den frühen 1930er-Jahren. Während ihres Mutterschaftsurlaubs vor fünf Jahren begann Marder, über das Leben Dieners zu recherchieren. 2018 wurde die Biographie «Engel der Lüfte» veröffentlicht. Die Protagonistin kam 1935 mit 22 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben.

Bei ihrer früheren Tätigkeit als Stadtarchivarin von Schlieren stiess Marder immer wieder auf spannende Geschichten, die Stoff für Bücher liefern würden. Mittlerweile ist die zweifache Mutter bei der Dättwiler Firma Docuteam als Fachberaterin im Informationsmanagement angestellt: «Wir unterstützen Gemeinden dabei, Struktur und Effizienz in ihre Ablage zu bringen.» An ihrem Job gefällt ihr vor allem der Einblick in die unterschiedlichsten Gemeindegeschäfte: «Der Gemeinderat ist nah am Menschen. Themen wie Kanalisation oder Kehricht mögen banal klingen, aber sie beschäftigen die Bevölkerung. Funktioniert etwas nicht, dann nimmt man das auf und versucht, gute Lösungen zu finden.»

Als Gemeinderätin möchte sie mithelfen, aktiv an guten Lösungen mitzuarbeiten. «Zudem bin ich ein grosser Fan der Demokratie. Wir haben in der Schweiz viele Möglichkeiten, uns direkt einzubringen», schätzt die 43-Jährige. Ein grosses Anliegen ist ihr die Erhaltung des Gewerbes in der Turgemer Bahnhofstrasse: «Dort hat es auf wenigen Metern alles, was man braucht. Diese Struktur ist ausserordentlich wertvoll, und es ist wichtig, sie zu stärken und auszubauen, etwa indem man die richtigen Leute zusammenbringt und Bewilligungen erteilt», ist Marder überzeugt.

Mit Adrian Schoop habe Turgi einen sehr engagierten Gemeindeammann, der die Anliegen der Bevölkerung ernst nehme und einen positiven Spirit in den Gemeinderat trage, sagt Marder, die die Bürgerliche Vereinigung (BVT) im ‹Team für Turgi› vertritt. Die Mutter eines Kindergarten- und Schulkindes ist auch froh, dass in der Primarschule nach vielen Kündigungen nun Ruhe eingekehrt ist. Das sei das Verdienst von Vizeammann Astrid Barben: «Sie hat das Problem erkannt und sich stark eingesetzt. Sie hat einen fantastischen Job gemacht!»

Als Historikerin hat sich Pascale Marder auch mit der Geschichte ihres Wohnorts beschäftigt. «Turgi hat sich vor 140 Jahren unter grossem Getöse von Gebenstorf abgelöst und hat nun mit Baden einen neuen attraktiven ‹Prinzen›gefunden», so die 43-Jährige. Sie ist überzeugt, dass ein Alleingang von Turgi längerfristig keinen Sinn macht.

In ihrer Freizeit ist Pascale Marder begeisterte Imkerin. Letztes Jahr haben ihre beiden Bienenvölker in Nussbaumen über 300 Kilogramm Honig produziert. 2021 ist ein schlechteres Bienenjahr, der Ertrag betrug nur vierzig Kilo. Ihr kleines Bienenhäuschen in Nussbaumen verfügt über fliessend Wasser und Strom – das kommt der engagierten Turgemerin sehr recht: «Ich versuche, mir alle Lebensbereiche so einzurichten, dass ich möglichst effizient bin.»

 

Emanuel Ritzmann, 45, parteilos.

 

Der Finanzfachmann
Emanuel Ritzmann ist in Kirchleerau (Bezirk Zofingen) aufgewachsen und wohnt seit 1999 in Turgi. «Eigentlich wollten wir nur kurz hierbleiben, aber daraus wurden jetzt schon 22 Jahre», erzählt der 45-Jährige. Mit seiner Frau und drei Kindern im Alter von 12 bis 16 Jahren wohnt Ritzmann nahe der Limmat. «Turgi ist einfach eine tolle Gemeinde mit Charakter», findet er.

Emanuel Ritzmann hat seit gut 15 Jahren Erfahrung in der finanziellen Führung von Firmen. Auch wenn nicht alles 1:1 auf eine Gemeinde anwendbar sei, so gebe er diese Erfahrung gerne auch ausserhalb seines beruflichen Umfelds weiter, sagt Ritzmann, der schon mehrmals für die Finanzkommission angefragt worden war. Vor vier Jahren, als zwei Posten neu zu besetzen waren, sagte er schliesslich zu. Er übernahm direkt als Fiko-Präsident. Finanzen sind in Turgi bekanntlich immer ein grosses Thema: «Es geht aber nicht darum, sich zu Tode zu sparen, sondern um einen sorgfältigen, effektiven Umgang mit den Mitteln», erklärt Ritzmann. Auch gelte es, neue Steuerzahler anzuziehen. «Bildung und Kultur sind aber ebenfalls wichtig», betont er.

Als Leiter Controlling der Unternehmensgruppe Delica AG, die zum Migros-Konzern gehört, kennt sich Emanuel Ritzmann auch mit Zusammenschlüssen gut aus: Die Delica ging in diesem Jahr aus fünf Unternehmen (u. a. Chocolat Frey und Midor) hervor. «Ich habe die Fusion der fünf Firmen mitgestaltet und gesehen, wie man gemeinsam gestärkt aus diesem Prozess hervorgehen kann. Mit einer Fusion ist nicht einfach alles besser, aber insgesamt überwiegen die Vorteile», ist Ritzmann überzeugt. Es ist ihm jedoch bewusst, dass die Fusion am Ende ein Volksentscheid sei. «Bei einem Nein müssen wir 2023 einen Schritt zurück machen und einen Plan B haben, um alleine weiterzugehen.»

Generell begleitet der 45-Jährige gerne Veränderungsprozesse – beruflich wie nun auch in Turgi. Sein Wunsch wäre natürlich das Finanzressort, das derzeit in den Händen von Gemeindeammann Adrian Schoop liegt. «Bei den Finanzen könnte ich am meisten beitragen und meine Kompetenzen am besten einbringen», so Ritzmann. Einen gewissen Interessenskonflikt hätte er dagegen beim Ressort Schule, da seine Frau ein Teilzeitpensum an der Primarschule Turgi hat.

Emanuel Ritzmann ist überzeugt, dass er mit den anderen Gemeinderatsmitgliedern gut zusammenarbeiten könnte. Als Fiko-Präsident war es zwar seine Aufgabe, kritisch zu sein, «und ich habe mit dem jetzigen Gemeinderat einige Diskussionen ausgetragen. Schlussendlich haben wir aber immer konstruktive Lösungen und Kompromisse im Sinne des Dorfes gefunden.» Die nächsten Jahre seien wegweisend für Turgi, ist Emanuel Ritzmann überzeugt: «Ich würde mich freuen, diesen Prozess als Gemeinderat mitgestalten zu dürfen.»

 

Madlon Lindenmann, 67, parteilos. (Bild: zVg)

 

Die polarisierende Soziale
Sie ist tätowiert, fährt mit 67 einen schweren Töff (eine Royal Enfield Interceptor) und setzt sich für die Schwächsten und die Rechte der Frauen ein: «Ich habe schon immer polarisiert», ist sich Madlon Lindenmann bewusst. Seit 35 Jahren arbeitet sie im sozialen Bereich. Ihre ersten beruflichen Erfahrungen hat Lindenmann am Zürcher Platzspitz mit drogenabhängigen Menschen gemacht: «Ich habe mit ihnen im Jugendkulturhaus ‹Dynamo› gekocht.» Vor 28 Jahren zog Lindenmann von Zürich in den Kanton Aargau und arbeitete in verschiedenen Positionen beim Verein Lernwerk, lange als Geschäftsleitungsmitglied. Bis Dezember 2020 war sie Stellenleiterin in der Jugend-, Familien- und Seniorenberatung in Baden. Durch ihren Beruf habe sie eine gesamtheitlichere Sicht auf die Menschen, «nicht nur darauf, was sie leisten und können, sondern ein differenziertes Bild», sagt Lindenmann. Bis heute begleitet sie auch freiwillig Menschen mit persönlichen Problemen. Ihren Sohn, der mit seiner Partnerin ebenfalls in Turgi lebt, hat sie grösstenteils allein erzogen: «Ich bin stolz auf ihn, aber auch auf meinen Lebensweg», hält die 67-Jährige fest.

Seit Juni ist sie nun pensioniert und möchte sich im Gemeinderat einsetzen. Lindenmann hatte sich als erste Kandidatin offiziell für die Wahlen angemeldet. Dass kurz darauf ein «Fünfer-Team für Turgi» mit Ammann Adrian Schoop und Vize Astrid Barben auftauchte, empfand sie als Kampagne: «Wo ist da das demokratische Verhalten?», fragt sie und merkt an: «Die Wahlberechtigten werden sich ihre Meinung bilden und wählen.»

Dass sie als Parteilose antritt, ist Madlon Lindenmann wichtig: «Ich bin aus der SP ausgetreten, weil ich bewusst nicht mehr in eine Ecke gedrängt werden wollte.» Sie wird von der IG Turgi, den Grünen und der SP unterstützt – und bildet damit ein politisches Gegengewicht zur Bürgerlichen Vereinigung Turgi (BVT), die ihre Wahl verhindern möchte (siehe Artikel links). Zwölf Jahre lang war sie Mitglied der Schulpflege, davon elf Jahre als Präsidentin. Aus gewissen Kreisen wurde ihr vorgeworfen, die Schule im Stich gelassen zu haben. Dazu sagt Lindenmann, der Zeitpunkt ihres Rücktritts sei ein halbes Jahr vorher bekannt gewesen, «und ich wurde vom Gemeinderat sehr würdig verabschiedet, meine Arbeit wurde verdankt. Ich hatte auch genug Zeit, um meine Nachfolgerin Eva Eliassen einzuarbeiten, und es war damals keine schwierige Zeit.» Natürlich habe es auch mal Probleme gegeben, aber «niemals so massive wie ein Jahr nach meiner Demission».

Nun ist sie froh, dass sich die Lage an der Primarschule beruhigt hat. «Die interimistische Schulleiterin hat sich sehr engagiert. Aber jetzt braucht es erneut eine erfahrene Person für die Schulleitung», fordert sie. Dringend müsse zum Beispiel der Kindergarten Dorf saniert werden, unter anderem sollte der Keller entfeuchtet werden. «Wir müssen auch zu unserem Schulpersonal Sorge tragen, damit es wieder zufrieden ist.» Bei einer möglichen Fusion sind ihr besonders die Schulstandorte wichtig: «Wir haben die Bez und das angegliederte RIK, den regionalen Integrationskurs. Darauf können wir stolz sein. Den Schulvertrag muss man im Zug der Fusion deshalb genau prüfen, um eine gewisse Eigenständigkeit bewahren zu können.»

Eine weitere Priorität ist für Lindenmann die Gastronomie: «Wir haben kein Restaurant mehr, das auch abends geöffnet hat. Den Vereinen fehlt ein Ort, wo sie nach dem Training etwas trinken können. Auch die Bahnhofstrasse wird immer leerer», bedauert sie. Obwohl sie ihre Stärken eindeutig im sozialen Bereich sieht, wäre sie als gewählte Gemeinderätin für jedes Ressort offen: «Ich wäre auch mit dem Bau- und Planungswesen zufrieden, sofern ich seriös eingearbeitet werde und eine geordnete Übergabe statt­findet.»

 

Lucia Vettori, 64, parteilos.

 

Die erfahrene Architektin
Lucia Vettori ist in Muri im Freiamt aufgewachsen. Seit vierzig Jahren lebt sie in Turgi und arbeitet in Brugg. Turgi sei für sie immer ein schöner, interessanter und attraktiver Wohnort gewesen sei, so die 64-Jährige, die in einem Monat pensioniert wird. Von Berufes wegen interessiert sich die Architektin ganz besonders für die gebaute Umwelt und die räumliche Entwicklung. «Darum habe ich mich in der Planungskommission Revision Nutzungsplanung und in der ersten Phase des Fusionsprozesses in der Arbeitsgruppe ‹Die neue Stadt› engagiert.» Diese Erfahrungen waren für sie bereichernd und motivierten sie, für den Gemeinderat zu kandidieren, als Adrian Schoop auf sie zukam und fragte, ob sie sich das vorstellen könne.

Besonders gefreut habe sie die Anfrage von dieser Seite, weil sie und Adrian Schoop bei ihrer Arbeit in der Planungskommission nicht immer einer Meinung gewesen waren: «Dies ist für mich ein schönes Zeichen, dass das Interesse am Dialog im Zentrum steht und nicht die Parteizugehörigkeit.» Lucia Vettori kandidiert als Parteilose. Ihre Gemeinderatskandidatur sieht sie auch als kleinen Beitrag an die Gesellschaft. «Schliesslich hat meine Generation der Babyboomer, wie vielleicht keine andere Generation vor und nach ihr, von grosser Sicherheit und viel Gestaltungsfreiheit profitiert», so Vettori. Vor allem aber würde sie sich freuen, sich im Prozess der Gemeindefusion weiterhin für die Interessen ihres Dorfes einzusetzen.

Sie sei überzeugt, dass ein Zusammenschluss mit Baden für Turgi sinnvoll ist. Im laufenden Prozess würden Aspekte und Fragen kritisch betrachtet sowie nachhaltige und angemessene Lösungen gesucht. Dies kann, unabhängig ob die Fusion
zustande kommt, zu wichtigen Erkenntnissen führen. Lucia Vettori ist sicher: «Transformationsprozesse sind spannend und bergen viele neue Chancen, sie wirken erfrischend und erneuernd.» Davon können alle Beteiligten profitieren.

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