«Du läufst gegen dich selbst»

In den kommenden Wochen legt Eisschnellläuferin Ramona Härdi in Nordamerika die Basis für eine Olympiateilnahme in Peking.

Ramona Härdi mag die Geschwindigkeit auf dem Eis. (Bild: zVg | Kevin Vogt)

24. November 2021
14:33

Es sind intensive Wochen für Ramona Härdi. Die 24-jährige Mörikerin, eine der besten Eisschnellläuferinnen der Schweiz, ist in Nordamerika. Dort stehen am 3. Dezember die Weltcup-Teilnahmen in Salt Lake City (USA) und am 10. Dezember im kanadischen Calgary auf dem Programm. «Ich lebe aus dem Koffer und habe immer alles dabei, was ich brauche», erzählt Ramona Härdi am Telefon. Vieles sei mit grossen Unsicherheiten behaftet, die Corona-technischen Formalitäten machen das Reisen auch für Spitzensportler derzeit nicht gerade einfacher. «Wir fahren vom Flughafen immer direkt in die Unterkunft und von dort in die Eisarenen. Wir sind total abgeschirmt, leben in einer Bubble. Leider sind wohl auch Ausflüge oder Kontakte zur Bevölkerung nicht möglich», fügt die 24-Jährige bedauernd an.


Mitglied des Schweizer Nationalteams
Die Trennung von Familie und Freunden ist sie gewohnt. Schon letztes Jahr hiess es etwa: entweder Spitzensport oder Weihnachten zu Hause feiern. Beides war nicht möglich. Zu gross wäre das Risiko gewesen, das Coronavirus einzufangen und andere Sportler anzustecken. Ramona Härdi entschied sich für den Sport und verzichtete auf die Heimreise nach Möriken.

Auch seit den kurzen Frühlingsferien war sie nur noch selten in der Schweiz. Ramona Härdi lebt und trainiert, wie auch das ganze Schweizer Eisschnelllauf-Nationalteam, bestehend aus vier Frauen und vier Männern, im Leistungszentrum in Geisingen (Baden-Württemberg). Laut Härdi ist dies «die schnellste Bahn Europas». Das aktuell erfolgreichste Schweizer Frauenteam im Eisschnelllauf besteht nebst Ramona Härdi aus Kaitlyn McGregor, Nadja Wenger und Vera Güntert. Zusammen sammeln die vier Freundinnen über die Plattform «I believe in you» Geld für ihre Olympiateilnahme.

Im bekannten Vogelnest-Stadion von Peking würde Ramona Härdi gerne am 4. Februar 2022 zur Eröffnungsfeier einmarschieren. Als einzige des Schweizer Frauenquartetts weiss Ramona Härdi, wie sich eine Olympiateilnahme anfühlt. Für die Winterspiele in Pyeongchang 2018 qualifizierte sie sich als damals 20-Jährige kurzfristig. «Es war wie in einem Traum – einfach riesig», so Härdi. Die Erinnerung an Südkorea sei für sie mit positiven und negativen Erinnerungen versehen. Sie konnte unbeschwert antreten, doch enttäuschend war der Sturz im Halbfinal allemal. So platzte der Medaillentraum der ambitionierten Sportlerin früh. «Heute ist die Ausgangslage komplett anders als damals. Ich habe sicher noch höhere Ansprüche an mich selbst», hält sie fest. Heute wäre alles andere als die Qualifikation für Peking eine Enttäuschung.


Freundinnen und Konkurrentinnen zugleich
So stehen die kommenden Wochen mit den Weltcups in Polen, Norwegen und Nordamerika im Zeichen des Leistungsdrucks. Die Selektion von Swiss Olympic wird erst im Januar erwartet. Dies macht auch das Zusammenleben im Schweizer Team nicht völlig unbeschwert. «Einerseits sind wir Freundinnen, und durch das lange gemeinsame Training entsteht ein hoher Teamspirit, andererseits sind wir aber auch Konkurrentinnen für einen Olympiastartplatz», beschreibt Härdi das Dilemma.

Denn es ist gut möglich, dass nicht alle vom Schweizer Quartett teilnehmen können. Ramona Härdi rechnet sich gute Chancen für eine Qualifikation aus, tritt sie doch in den drei Disziplinen 3000 Meter, Teamverfolgung und Massenstart an.

 

Ramona Härdi (zuvorderst) beim Eisschnelllauf. (Bild: zVg)

 

Teilzeitjob als Konstrukteurin
Ramona Härdi ist diszipliniert, zielorientiert und verfügt über einen grossen Kampfgeist. Anders wäre Sport auf diesem hohen Niveau gar nicht möglich. Trotz Unterstützung durch die Schweizer Sporthilfe in Höhe von 20 000 Franken im Jahr könnte sie vom Sport nicht leben. Nach einer Lehre als Konstrukteurin EFZ bei Ferrum in Schafisheim arbeitet Ramona Härdi heute in einem 20-Prozent-Pensum bei der Luginbühl Fahrzeugtechnik AG in Möriken. «Momentan arbeite ich online, auch von Geisingen und Inzell aus», erzählt sie. Sie sei ihrem Arbeitgeber sehr dankbar, dass er ihr flexible Arbeitszeiten gewährt und auch Rücksicht nimmt, wenn intensive Rennphasen anstehen. Weitere Sponsoren ermöglichen ihr den Lebensunterhalt. 


Faszination Geschwindigkeit
Ursprünglich ist Ramona Härdi Inlineskaterin. Sie war zwischen 2007 und 2014 mehrfache Schweizer Meisterin und wurde 2014 EM-Zwölfte in dieser Sportart. Da ihre Inline-Sportkollegen sich im Winter auf Kufen wagten, probierte sie es auch. «Plötzlich gefiel es mir mit Kufen besser als auf den Rollen. Es fasziniert mich einfach, wie man auf dem Eis aus eigener Kraft ein Tempo von 50 km/h erreichen kann. Ich habe meine Leidenschaft mit dem Eisschnelllauf gefunden, das Gefühl von Schnelligkeit, Kraft und der Kampf gegen sich selbst ist voll mein Ding.» Allerdings sei dies manchmal auch schwierig: «Du läufst eben immer gegen dich selbst.»

Dass Eisschnelllauf im Gegensatz zu Inlineskaten eine olympische Disziplin ist, habe sie schon immer motiviert. Und wer weiss, vielleicht erfüllt sich für sie in den nächsten Jahren gar der ganz grosse Traum von olympischem Edelmetall.

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