Durch die arktische Wildnis

Manuel Meier aus Schinznach-Dorf und Lukas Mathis aus Unterendingen werden diesen Sommer die Brooks-Traverse in Alaska absolvieren.

Bereit für das grosse Abenteuer: Am 31. Mai fliegen Lukas Mathis (links) und Manuel Meier nach Fairbanks in Alaska
Bereit für das grosse Abenteuer: Am 31. Mai fliegen Lukas Mathis (links) und Manuel Meier nach Fairbanks in Alaska (Bilder: sha)

von
Stefan Haller

24. Mai 2018
09:00

Die 24-jährigen Männer lehnen das Angebot für einen Kaffee während des Interviews dankend ab. «Wir sind keine Kaffeetrinker.» Manuel Meier und Lukas Mathis, die sich bei der Jugendorganisation (JO) der SAC-Sektion Brugg kennenlernten, wirken ohnehin hellwach. Die beiden Bergtourleiter haben trotz ihres Alters bereits viel Alpinerfahrung gesammelt und auch schon einen Sechstausender in Südamerika bestiegen. 

Jetzt planen sie eine Herausforderung in wesentlich flacherem, aber nicht weniger anspruchsvollem Gelände: Sie versuchen das Gebirge im Norden Alaskas von der kanadischen Grenze bis zur Beringstrasse im Westen zu durchqueren und dabei 1100 Kilometer zu Fuss und 600 Kilometer mit dem Kanu zurückzulegen.

Am 7. Juni werden die beiden von einem speziell ausgerüsteten Kleinflugzeug in der Brooks-Kette nahe der kanadischen Grenze ausgesetzt. Nördlich des Polarkreises gelegen ist das Gebirge über acht Mal so gross wie die Schweiz, beheimatet aber weniger als 600 Menschen. Täglich werden die beiden dann 10 bis 12 Stunden Richtung Westen wandern, bis sie nach rund 45 Tagen den Noatak-Fluss erreichen. Auf diesem werden sie weitere drei Wochen mit dem Kanu bis an die Westküste Alaskas paddeln.

 

Knappes Nahrungs-Kontingent

Da es nicht möglich ist, Nahrung für über zwei Monate im Rucksack zu tragen, werden die beiden vier Mal mit Nachschub versorgt. Zwei Mal in Inuit-Dörfern und zwei Mal direkt von einem Flugzeug. Trotzdem ist das Nahrungs-Kontingent knapp: «Brauchen wir länger als geplant, müssen wir hungern», sagt Manuel Meier. Jagen ist im Naturpark verboten, Fischen wäre möglich. Meier hat tägliche Rationen von 4000 Kalorien budgetiert und der zwei Meter grosse Hüne rechnet mit einem erheblichen Gewichtsverlust von fünf bis sechs Kilogramm. Der mit 1,78 Metern wesentlich kleinere Lukas Mathis mit etwas weniger.

Damit die Kalorien-Dichte in der Nahrung möglichst hoch ist, ernähren sich die beiden möglichst fetthaltig. Dehydrierte Mahlzeiten mit unterschiedlichen Geschmacksrichtungen, die mit heissem Wasser aufbereitet werden, viele Nüsse und Schokolade stehen auf dem Speiseplan. Sowieso ist alles auf niedriges Gewicht getrimmt: Neben der Nahrung packen die beiden nur gerade 8 Kilogramm Ausrüstung in ihre Rucksäcke.

Das Wandern in der Brooks-Gebirgskette ist mühsam: Es gibt keine Wege, und die Tundra ist oft sumpfig, ausserdem gilt es unzählige Flüsse zu durchqueren. Die Schuhe trocken zu halten, sei beinahe unmöglich, sagt Manuel. Daher verfolgen die beiden einen anderen Ansatz: Sie wandern mit leichten, wasserdurchlässigen Trail-Laufschuhen – diese werden zwar oft nass, trocknen aber auch schnell wieder – und Socken aus Merinowolle. Um die Füsse zu schützen, fetten die beiden diese täglich ein.

 

Bären nur viertgrösstes Risiko

Geht alles gut, erreichen Meier und Mathis Ende Juli den Noatak-Fluss. Diesen werden sie dann mit einem Kanu bis zur Westküste Alaskas befahren. Der Fluss gilt unter normalen Umständen zwar als einfach zum Befahren, allerdings kann der Pegelstand extrem variieren, und es hat viele Grizzlybären, die entlang des Flusses leben. Zum Schutz vor den riesigen Braunpelzen werden alle Lebensmittel in geruchssicheren Boxen (sogenannten «Bear Vaults») ausserhalb des Zeltes gelagert. Beim Campieren am Fluss während der Kanutour wird ein elektrischer Zaun rund ums Zelt aufgebaut. Auch ist ein Pfefferspray zur Abwehr mit im Gepäck. Allerdings: «Wir werden oft gefragt, ob das Risiko von Bärenangriffen nicht zu gross ist», sagt Lukas Mathis, «dabei stellen sie für uns erst die viertgrösste Gefahr dar!» Als noch gefährlicher stufen die zwei Expeditionsteilnehmer die Durchquerung von Flüssen und Bergbächen, Erfrierungen oder Stürze im unwegsamen Gelände ein. 

 

Unter den ersten Europäern

Weshalb setzt man sich solchen Strapazen und Risiken aus? Manuel Meier dazu: «Für mich hat das Projekt drei Aspekte: einerseits die sportliche Challenge, dann aber auch das Naturerlebnis in der Wildnis und das Leben unter Tieren sowie auch einen gewissen Abenteuergeist.» Lukas Mathis pflichtet ihm bei: «Ich bin ebenfalls gern in der Natur. Zudem mag ich es, Risiken richtig einschätzen zu können. Der Adrenalinspiegel ist bei so einer Tour hoch, genauso wie auch in den Bergen.»

Hinzu kommt ein Pioniercharakter der Expedition. Anfang August sollten die beiden Aargauer die Ortschaft Kotzebue an der Westküste von Alaska erreichen. Sie wären dann die jüngsten und unter den ersten europäischen Athleten, welche die Brooks-Gebirgskette komplett traversiert haben. Weitere Informationen und der Live-Tracker der Tour sind zu finden auf northwards.ch.

Kommentare (1)

  1. Frau W. Schelling
    Frau W. Schelling am 25.05.2018
    Ich bin neugierig, wie es euch in Alaska geht. Was ihr in der Natur erlebt. Vielleicht gibt es Nachrichten später? Viel Spass und Freude wünsche ich euch. Nachts Füsse trocken halten. Sonst blättert die Haut nach einiger Zeit ab.
    Antworten

    Neue Antwort auf Kommentar schreiben

«Der schönste Tag des ganzen Jahres!»

Holz spalten, Papiergarn aufdrehen, Engel filzen: Bei der Stiftung Arwo laufen... Weiterlesen

«Ich liebe es, in Rollen zu schlüpfen»

Claudia Masika ist Musikerin mit Leib und Seele. Mithilfe des Perkussionisten... Weiterlesen

region

Ein Stern leuchtet über der Savanne

Vor grossem Publikum präsentierten Kinder der 1. bis 5. Klasse der Schule... Weiterlesen

region

Prominenz an Weihnachtsdegustation

Fernsehmoderator Kurt Aeschbacher unterschrieb Weinetiketten für einen guten... Weiterlesen

region

Soziale Herkunft bestimmt oft den Erfolg

Bildungsfachleute diskutierten an der Kanti Baden über die Herausforderungen der... Weiterlesen