Ein Dorf feiert sich selbst

Am vergangenen Samstag wurde die neue Dorfchronik von Freienwil eingeweiht. Die Aufmachung und die Geschichte dahinter sind aussergewöhnlich.

Im Anschluss an den offiziellen Teil signierte die Fotografin Ruth Erdt die Dorfchronik
Im Anschluss an den offiziellen Teil signierte die Fotografin Ruth Erdt die Dorfchronik (Bild: af)

von
Anna Käthi Fitze

20. Juni 2018
09:00

Eine Dorfchronik, ein Zeitzeugnis, dabei würde man irgendwelche sagenumwobenen Schriften erwarten, nicht so in Freienwil, dort macht man einen Fotoband. Und nicht irgendein Fotoband, sondern einer mit den Einwohnern. So wurden rund 400 Einwohner Freienwils abgelichtet und verewigt.

Am Wochenende vom 16. und 17. Juni wurde die Chronik feierlich eingeweiht. Neben einer Hüpfburg und einer Kletterwand, beides eher für die kleineren Gäste, gab es auch einen offiziellen Teil für die Erwachsenen. Dabei hielt Lucius Mathys die erste Rede in seiner neuen Funktion als Gemeinderat. Er entschuldigte sich zu Beginn für seine allfällige Nervosität, meisterte die Rede dann aber bravourös. Er fing beim Wort Chronik an, das vom griechischen Chronos, die Zeit, abstammt. Und welches Medium wäre besser geeignet, um die Zeit abzubilden als Fotografie, fragte Mathys rhetorisch in die Runde. Sie zeigt einen Sekundenbruchteil, eine Momentaufnahme.

Da die Fotografin Ruth Erdt für das Projekt rund ein halbes Jahr in Freienwil gelebt hatte, wurde sie auch einen Teil des Dorfes. Dadurch entstand auf den Bildern Nähe und eine unvergleichliche Authentizität. «Zeigen Fotos auch die Wahrheit?», fragte Mathys weiter, gerade in der heutigen Zeit eine berechtigte Fragestellung. Im Falle der Freienwiler Einwohner ist die Frage etwas übertrieben. Aber auch hier, die Bilder sind alle individuell und doch haben sie alle etwas gemeinsam, ihr Dorf. Und mit den Worten «Die Umgebung Freienwil prägt uns und wir prägen Freienwil» und einigen Dankesworten schloss er seine Rede und übergab das Wort an Dorothea Strauss von der Mobiliar. Denn das ganze Projekt entstand in Zusammenarbeit mit der Versicherung. Zuerst war da nur ein Hochwasserschutzprojekt, dann wurde aus einem Fonds für Kunst- und Kulturprojekte ein Kulturprojekt in Freienwil realisiert. Wie Hochwasserschutz und Kunst und Kultur zusammengeht, versuchte Strauss zu erklären: «Alles hat miteinander zu tun.» Kultur soll Brücken bauen und Menschen verbinden. Man rast von Punkt und Punkt, Kultur soll dazu führen, innezuhalten und achtsam zu sein. Achtsam und aufmerksam sein, ist auch beim Hochwasserschutz wichtig. Rund 600 Personen waren involviert in den ganzen Entstehungsprozess, 400 Personen wurden für den Band fotografiert. Als Strauss im Dorf ankam, war es erst ungewohnt, weil sie die Dorfchronik bereits kannte, die Fotos schon mehrfach gesehen hatte, aber hier vor Ort die Personen zum ersten Mal in Echt zu Gesicht bekam. Sie sei gefragt worden, ob sie traurig sei, dass nicht mehr Freienwiler mitgemacht hätten. Denn Freienwil hat aller Klischees des kleinen Dorfes zum Trotz bereits über tausend Einwohner, also weit mehr als die 400, die sich am Projekt beteiligt hatten. Strauss antwortete: «Nein, ich freue mich über die 400 Personen, die an diesem Projekt mitgemacht haben.» Zum Schluss durften die Einwohner, die sich am Projekt beteiligt haben, ihre Dorfchronik abholen, und wer wollte, durfte sie auch direkt von der Fotografin Ruth Erdt signieren lassen.

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