«Ein Gedicht ist eine Irritation»

Carolin Callies zählt zu den wichtigsten lyrischen Stimmen der Gegenwart. Kommende Woche «rhymt» sie an den Brugger Literaturtagen.

«Verloren für das Gedicht»: Lyrikerin Carolin Callies. (Bild: zVg | Tommy Mardo)

09. September 2020
11:54

Brugger Literaturtage

Vom 18. bis 20. September finden im und rund um das Salzhaus Lesungen und Podiumsgespräche statt. Zeitgleich bespielt die Kunstausstellung «Kupper, Salz und Zimmermann» diverse Räume in der Altstadt mit Verwebungen von Kunst und Literatur. Am Freitag, 18. September, 20 Uhr, gibts zum Auftakt Kurzlesungen aller beteiligten Autoren mit musikalischen Intermezzi von Samuel Freiburghaus. Am Samstag, 19. September, finden ganztags Lesungen statt von Melinda Nadj Abonji, Martin R. Dean, Robert Prosser, Matthias Nawrat, Natascha Wodin, Usama Al Shahmani, Julia von Lucadou, Carolin Callies, Anne-Marie Kenessey und Ivna Žic. Am Sonntag, 20. September, 10 Uhr, gibts im Salzhaus ein Podiumsgespräch zum Thema «Hat Literatur ein Verfallsdatum?».

brugger-literaturtage.ch

Lyrik ist passé. Denkste! An den Brugger Literaturtagen, die vom 18. bis 20. September im Salzhaus über die Bühne gehen, kommen gleich zwei junge lyrische Stimmen der Gegenwart zu Wort: Anne-Marie Kenessey und Carolin Callies. Letztere ist erfrischend direkt. Callies nennt die Dinge unverblümt beim Namen und öffnet ihnen gleichzeitig neue Räume. «Mit Worten kann man alles erschaffen – da ist diese Urkraft», schwärmt die bekannte deutsche Autorin. Und nennt den Akt der literarischen Schöpfung «beinahe gottgleich».

In ihren Gedichten schafft Carolin Callies neue Welten, die sie – ganz Frau – wohnlich ausstattet. Mit Wörtern, versteht sich. Und mit Klang. «Meine Texte waren immer stark rhythmisch», erzählt die Autorin, deren musikalisch inszenierte Gedichte auch auf Spotify zu hören sind. Callies zelebriert eine Mischung aus Spoken Word und Sprechgesang. Und erinnert in ihren Performances daran, dass Gedichte durchs laute Vortragen nur gewinnen können.

 

 

Lustvolle Lyrik
Dass sie als Lyrikerin nicht dem Mainstream folgt, ist sich Carolin Callies bewusst. «Man kann heute kaum etwas Seltstameres tun als Gedichte schreiben», sagt sie. «Aber mir macht es unglaubliche Freude, mich in dieser Sprache zu tummeln, wie in einem Raum, wie in einem Zimmer, in dem die Sprache frei fliessen kann», erklärt die Autorin. «Ein Gedicht ist erstmal eine Irritation, wie ein kleines Rätsel.»

Zur Lyrikerin wurde Callies dank Else Lasker-Schüler. Als Jugendliche sass sie einst auf ihrem Schreibtisch und las Gedichte der namhaften deutsch-jüdischen Expressionistin. «Es war wie ein Blitz», erinnert sie sich. «Ich dachte, wow, so kann jemand mit Sprache über Liebe schreiben!» Danach war Carolin Callies «verloren für das Gedicht». Mit dreizehn Jahren schrieb sie erste lyrische Texte, später war die 1980 geborere Autorin bei ihrer Tätigkeit im Suhrkamp Verlag und während ihres Studiums der Germanistik und Medienwissenschaften stets «umgeben von Literatur».
Ihr Debüt war der Lyrikband «Fünf Sinne und nur ein Besteckkasten», der 2015 im Verlag Schöffling und Co. erschien. Im selben Jahr wurde sie mit dem Thaddäus-Troll-Preis ausgezeichnet. 2019 erschien ihr zweiter Gedichtband «Schatullen und Bredouillen». Es folgte 2020 der Gerlinger Lyrikpreis.


Charmanter Tiefgang
Viele von Callies Gedichten kreisen um die Physis. «Der Körper ist ein Geschichtenband», sagt sie. Erfrischend und ernst zugleich erzählen ihre Texte von Sinn und Sinnlichkeit, von Versehrungen und Wunden. Doch auch den dunklen Tiefen nähert sich die Autorin stets stilvoll, charmant und witzig. «In den Wunden munter bleiben», lautet ihre Devise. Und die zieht sie sprachgewaltig durch.

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