«Ein Gemeinderat lebt vom Vertrauen»

Die Gemeinde Gebenstorf hat turbulente Zeiten hinter sich – und will den Fokus auf die Zukunft richten. An der «Gmeind» kommen zwei wichtige Traktanden zur Abstimmung.

Fabian Keller in seinem Büro im Gemeindehaus Gebenstorf. (Bild: is)

von
Ilona Scherer | Annegret Ruoff

25. November 2020
16:51

Fabian Keller, es gibt Gemeinden, die ihre Gemeindeversammlungen aufgrund der Covid-19-Situation verschieben. Warum Gebenstorf nicht?

Nur 2 von 26 Gemeinden im Bezirk Baden haben ihre «Gmeind» abgesagt. Wir haben in Gebenstorf mit der Dreifachturnhalle gute Möglichkeiten und können die Distanzen problemlos einhalten. Wir möchten das unbedingt durchziehen, denn die zwei zentralen Themen kann man nicht schriftlich erklären. Man muss spüren, was die Idee dahinter ist.  


Konkret geht es um die Traktanden drei und vier, den Kreditantrag von 900 000 Franken für die Sanierung und technische Erneuerung des Restaurants Cherne sowie die Leistungsvereinbarung zwischen der Einwohnergemeinde und der Trinamo AG.

Genau. Die beiden Traktanden hängen eng zusammen. Das Restaurant Cherne prägt das gesellschaftliche und kulturelle Leben im Dorfzentrum. Der Wirt wurde pensioniert, und der Pachtvertrag mit der Brauerei Müller AG aus Baden lief aus. Die Suche nach einem Nachfolger gestaltete sich ganz schwierig, auch wegen Corona. Nach monatelanger Suche sind wir dann eher zufällig über die Trinamo AG gestolpert, die in Baden unter anderem das Restaurant Roter Turm führt.  Geschäftsführer Reto Schaffer war sofort interessiert, aber es kristallisierte sich heraus, dass das Restaurant eher zu klein für ihre Bedürfnisse ist. Doch mit dem Cherneplatz, den wir im Sommer mit kulturellen Anlässen wieder mehr beleben wollen, konnten wir sie vom Potenzial in Gebenstorf überzeugen. Sie können das Restaurant allerdings nicht einfach übernehmen, sondern brauchen für die Zusammenarbeit eine Leistungsvereinbarung mit der Gemeinde.


Was beinhaltet diese genau?

Die Leistungsvereinbarung mit der Firma Trinamo ermöglicht erwerbslosen oder psychisch beeinträchtigten Menschen eine langfristige Integration und Reintegration in den Arbeitsmarkt und in die Gesellschaft. Durch sie bieten wir zwölf Betroffenen, die an dem Programm teilnehmen, ein breites Spektrum an interessanten Arbeitsmöglichkeiten – und damit den Wiedereinstieg in den ersten Arbeitsmarkt. Durch die Partnerschaft mit Trinamo reduzieren sich unsere Kosten für die Platzierung der zwölf Personen aus Gebenstorf um rund fünfzig Prozent. Dieses System gefällt mir extrem gut.   


Quasi als Bedingung dafür muss aber das Restaurant saniert werden – Traktandum 3.

Richtig. Wenn nur eines der beiden Traktanden angenommen wird, hätten wir entweder eine frisch renovierte Beiz ohne Wirt und Mobiliar oder zwölf Personen, die wir ins System zurückbringen wollen, aber nicht können. Die Sanierung ist aber mindestens teilweise unumgänglich. Der «Cherne» ist in die Jahre gekommen und entspricht nicht mehr den heutigen Ansprüchen und Vorschriften. Es fehlt zum Beispiel barrierefreies WC, die Küche ist vierzig Jahre alt, einige Geräte sind defekt. Die Fenster hätten aus energetischen Gründen ebenfalls längst ersetzt werden müssen. Das «Säli» wird aufgehoben, aber mittels flexibler Wände können einzelne Bereiche für Gesellschaften oder Vereine abgetrennt werden. Anstelle des «Säli» gibt es ein Bistro-Take-away, wo lokale Produkte von verschiedenen Lieferanten aus dem Dorf verkauft werden sollen. Denkbar ist auch, das «Säli» saisonal als Fondue- oder Gourmetstübli zu nutzen. Auch die Aussenumgebung soll etwas attraktiver und zeitgemässer daherkommen. Der Cherneplatz soll zum Zentrums- und Begegnungsplatz der Generationen werden. Das ist unser Wunsch.


Ist die sonst eher konservative Gebenstorfer Bevölkerung offen für so ein Sozialprojekt?

Vor ein paar Jahren hätte ich mir so etwas hier gar nicht vorstellen können. Ich glaube, die Leute sind verständnisvoller geworden. Die Solidarität im Dorf empfinde ich als positiv und vorbildlich. Zudem braucht das Zentrum nach Corona dringend wieder ein zweites Restaurant. Wir haben fast siebzig Vereine, und diese benötigen für ihr Sozialleben dringend wieder etwas Platz. Es wäre toll, wenn das Traktandum angenommen würde. 


Ein Gegenargument sind die hohen Investitionskosten von 900 000 Franken.

Ich bin folgender Meinung: Wer, wenn nicht die Behörden, soll jetzt investieren, um dadurch auch Arbeitsplätze zu erhalten. Die nötigen Kredite waren noch nie so günstig. Genau jetzt ist es wichtig, dass derartige Sanierungsarbeiten, die nach vierzig Betriebsjahren ohnehin fällig sind, nachhaltig umgesetzt werden. Ansonsten könnte das Lokal nicht mehr eröffnet und vermietet werden. Es wäre unverantwortlich gegenüber dem Steuerzahler, nichts zu unternehmen und das kulturelle Leben mitten im Dorfzentrum absterben zu lassen.


Neben den Traktanden 3 und 4 geht es am 26. November auch noch ums Budget 2021. 

Die Steuerausfälle sind für uns noch nicht zu beziffern. Der Kanton rechnet mit etwa 2,5 Prozent. Ob dies auch für unsere Gemeinde zutrifft, können wir aus heutiger Sicht nicht beurteilen. Gebenstorf hat glücklicherweise keine Steuerzahler, die ein Klumpenrisiko darstellen und auch nicht besonders viele juristische Gesellschaften, die auf das Steuersubstrat einen massgeblichen Einfluss haben. Wir haben mit 108 Prozent eher einen höheren Steuersatz. Vor einigen Jahren schlug uns der Kanton vor, ihn zu senken, aber wir blieben bei 108 Prozent. Ohne Corona hätten wir über eine Senkung diskutieren können. Alle Gemeinden rundherum, die damals den Steuerfuss gesenkt haben, müssen nun reagieren, und wir, soweit wir sehen, können konstant weiterfahren. Das sehe ich als Vorteil.


Gebenstorf stand in den letzten Monaten eher mit negativen Themen in den Schlagzeilen – etwa mit der katholischen Kirchgemeinde oder der Klage des Ehepaars Martin und Cécile Anner …

Das sind unschöne Themen. Ich möchte mich dazu nicht äussern. Nur so viel: Wenn ich in meiner Funktion als Gemeindeammann nicht reagiere, wird es mir als Schwäche vorgeworfen. Wenn ich reagiere, heisst es, ihr übertreibt doch. Wichtig für mich ist, dass die Bevölkerung Vertrauen in ihre Behörden haben kann.  


Zwischen Vizeammann Cécile Anner und dem Gemeinderat schwelt ein Konflikt. Nimmt sie momentan an den Gemeinderatssitzungen im Gemeindehaus teil?

Wir machen diese Sitzungen zu viert mit dem Gemeindeschreiber. Aus gesundheitlichen Gründen ist sie im Moment von Sitzungen und Anlässen der Gemeinde befreit.


Hat diese Konstellation grosse Auswirkungen auf die Geschäfte?

Wir haben ihre Aufgaben unter uns Übrigen verteilt: Andy Heim übernahm zusätzlich die Schule, Urs Bätschmann den Sport, ich die kulturellen Themen.  


Wie nehmen Sie den Konflikt in der Kirchgemeinde wahr?

Als Mitglied der katholischen Kirchgemeinde tut es mir weh. Ich finde es bedenklich, dass es den Verantwortlichen in dieser langen Zeit nicht gelungen ist, eine für alle Betroffenen akzeptable Lösung zu finden. Die ganze Geschichte schadet gegen aussen auch dem Ruf der Gemeinde. Doch wir mischen uns nicht ein und trennen Politik und Religion strikt. 


Werden Sie ausserhalb von Gebenstorf oft auf diese Themen angesprochen?

Ich bin ja viel im Kanton unterwegs, auch für die Musik. Eine Zeitlang wurde ich ausserhalb von Gebenstorf dauernd auf diese Themen angesprochen. Inzwischen ist es wieder etwas ruhiger geworden. Ich bin mir aber bewusst, solange beide Themen – Gemeinderat und Kirchgemeinde – nicht endgültig abgeschlossen sind, wird auch keine endgültige Ruhe einkehren.  


2021 stehen die Gesamterneuerungswahlen im Gemeinderat an. 

Sie meinen, vielleicht ist meine Karriere dann schon beendet? Man weiss ja nie! (lacht) Jede Wahl muss zuerst ausgezählt sein. Im Ernst: Es geht ja bei all diesen Themen nie gegen mich, sondern um Probleme und deren Lösungen. Als Exekutive kann man es dabei nie allen recht machen, und es gibt bei jedem Gemeinderatsentscheid Gewinner und Verlierer. Ich bin aber trotzdem ganz zuversichtlich, dass ich nochmals gewählt werde.

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