Ein Laden als «strahlungsfreie Zone»

Ronald und Ruth Widmer haben an der Wettinger Bahnhofstrasse das weltweit erste Verkaufsgeschäft für Strahlen-Schutzkleidung eröffnet.

Für einen guten Schlaf: Ruth und Ronald Widmer haben auch Bett-Baldachine für Elektrosensible im Angebot (Bild: wag)

von
Hans Christof Wagner

10. Juli 2019
10:45

Wenn Ronald Widmer mit seinem Strahlen-Messgerät durch die Ladenräume geht, leuchten die LED-Lämpchen mitunter sämtlich rot. Hält er den Apparat indes unter den Stoff der Spezialtextilien, gehen nur noch wenige Punkte an und sämtliche in grüner Farbe – Entwarnung also, weitgehend strahlungsfreie Zone. Das Geheimnis: In den verwendeten Stoffen sind Silber-, Kupfer- oder Edelstahlgarne verwoben, welche die Wellen abschirmen. Aus ihnen sind Unterhosen, Unterhemden, T-Shirts, Baldachine fürs Bett, Mützen, Babywäsche, Textilien für werdende Mütter, Duvet- und Matratzenüberzüge entstanden – Produkte, welche die Widmers in ihrem Laden anbieten. 

  

Kunden noch Mangelware

Sie räumen es offen ein: Seit der Eröffnung am 29. Juni konnten sie die Zahl der Kunden an zwei Händen ablesen. Doch heute ist einer gekommen, der namentlich nicht genannt werden möchte. Er schaue vorbei, weil er schon seit Langem «einfach nicht mehr zur Ruhe kommt», immer angespannt und nervös sei. Simples Magnesium habe ihm zwar schon geholfen, aber irgendwie vermutet er hinter seinen Problemen noch mehr – dass sie mit dem Elektrosmog zu tun haben. «Ich wohne in einem Mehrfamilienhaus mit vielen WLAN und schnurlosen Telefonen», berichtet er. «Strahlung ist doch heute überall, sogar am Strand müssen die Leute noch ihre Smartphones und Tablets benutzen. Und jetzt auch noch 5G.»

 

Boxer-Shorts für 115 Franken

Zwar ist auch er nach Ruth Widmers Beratung noch nicht restlos überzeugt, dennoch probiert er es einmal und kauft zwei Spezial-Unterhemden zu je 77 Franken. «Jetzt hoffen wir mal, dass es hilft. Wenn nicht, trage ich sie eben als normale Unterhemden», meint er lachend. Wobei das eher noch die günstige Variante darstellt. Hätte er eine Boxer-Shorts aus dem am besten abschirmenden Stoff «Swiss Shield Ultima» gekauft, hätte er dafür allein schon 115 Franken hinlegen müssen. Dafür schütze die aber auch zu 99,9 Prozent vor Funkstrahlen von Sendetürmen, WLAN, Schnurlos-Telefonen, Baby-Überwachungen und Bluetooth-Verbindungen. Weil für sie ganz viel Stoff gebraucht wird, sind die Baldachine fürs Bett die teuersten Produkte im Wettinger Laden. Für diese müssen bis zu 1850 Franken berappt werden. 

 

Waschen nur bis 30 Grad 

«Unsere Produkte müssen auf jeden Fall noch günstiger werden», sagt der Kaufmann Ronald Widmer. Schon jetzt lässt er die Ware, die er unter der Eigenmarke «Wavesave» verkauft, in Billiglohnländern wie Bulgarien und der Türkei schneidern. Und auch die hätten erst ihre eigenen Erfahrungen mit dieser Art Kleidung machen müssen. Alles sei eben auch ein Mengenproblem. Weil es ein Nischenmarkt ist, seien die Stoffe teuer, lohne es sich nicht, diese zu färben, und gebe es nur wenige Hersteller. Auch beim Waschen müsse man viel beachten: nur mit Waschpulver ohne Bleichmittel und mit Höchsttemperatur 30 Grad –nicht unbedingt hygienisch, gerade bei Unterwäsche. 

 

Sie ist elektrosensibel, er nicht

Einen Baldachin haben die Widmers auch in ihrem hinter dem Laden befindlichen Büro aufgespannt. Dieser soll dabei helfen, dass es Ruth Widmer dort überhaupt aushalten kann. Denn sie hält sich selbst für höchst elektrosensibel. «Nach jahrelangen Leiden, für welche die Ärzte keine Erklärung hatten, haben wir das herausgefunden», berichtet ihr Mann. So sind die beiden überhaupt erst mit dem Thema in Berührung gekommen. So haben sie sich selbst über viele Jahre mit Schutzstoffen aus dem Internet eingedeckt. Und dann kamen sie zu dem Schluss: Lass uns doch selbst mit derlei Waren handeln. Aber nicht online, sondern mit einem echten und leibhaftigen Ladengeschäft, in dem die Kunden die Ware anfassen und berühren, sich beraten und Messungen zeigen lassen können. Ronald Widmer, nach eigenen Angaben selbst nicht elektrosensibel, trägt gerne auch mal ein Oberhemd aus dem Sortiment und fühlt sich, wie er meint, «unglaublich leicht» darin. 

  

Ladenmiete kostet 

«Weltweit erstes Verkaufsgeschäft für Strahlen-Schutzkleidung» – damit werben sie. Aber Ronald Widmer weiss auch, warum das so sein dürfte. Weil es im Moment noch kein boomender Markt ist und weil Miete und Nebenkosten für einen Laden auch bezahlt sein wollen. Und die dürften im Falle der Widmers beträchtlich sein für ihr Domizil an der Bahnhofstras­se, in dem früher eine evangelikale Freikirche residierte. Aber noch verdient das Ehepaar auch Geld mit dem traditionellen Online-Shop namens Aktuell Markt. Darüber verkaufen sie Restposten aller Art, auch Textilien.

  

Präventiv ansetzen

«Aber das hat keine Zukunft mehr», berichtet Widmer. An die Zukunft seines neuen Standbeins indes glaubt er. Für ihn müssten nicht nur die Elektrosensiblen kommen, angeblich etwa zehn Prozent der Bevölkerung, sondern auch, die, welche sich gar nicht für betroffen halten. Doch in den Augen der Widmers sind sie es. «Viele sind sich der Beeinträchtigung durch Funkstrahlen gar nicht bewusst, doch die Gefahr ist real. Wir würden gerne die breite Masse der Bevölkerung schützen, präventiv ansetzen», sagt Widmer. «Um das grosse Ausmass an Schäden, das sich erst in 20 bis 30 Jahren zeigt, schon heute gering zu halten.»

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