Ein Leben für die Fledermäuse

Zeigt sein Detektor Signale über 83 Kilohertz an, freut sich Andres Beck. Dann hat der Fledermaus-Experte eine ­Grosse Hufeisennase gefunden.

Die Grosse Hufeisennase
Die Grosse Hufeisennase (Bild: zVg/D. Nill)

von
Annegret Ruoff

25. April 2018
10:00

Andres Beck, 57

ist Biologe und freischaffend als Projektleiter im Naturschutzbereich tätig. Sein Spezialgebiet sind  Fledermäuse, gebäudebrütende Vogelarten und Biber. Seit 1988 ist er als Fledermausschutz-Beauftragter des Kantons Aargau tätig. Er wohnt in Wettingen.

Fledermäuse in der Region

Vorwiegend drei Arten von Fledermäusen kommen in der Region vor. Dazu gehört die schweizweit äusserst selten gewordene Grosse Hufeisennase, die in der «Alten Trotte» von Wegenstetten wohnt. Das Graue Langohr, das sogar Loopings drehen kann, ist im Aargau nur noch im Jurapark-Gebiet heimisch, unter anderem in den Kirchen von Hellikon und Wegenstetten sowie im alten Schulhaus von Zeiningen. Das Grosse Mausohr lebt beispielsweise in Veltheim. Rund tausend Fledermausmütter zählt die dortige Wochenstube im Kirchturm. Eine 500-köpfige Kolonie ist zudem im Kirchturm von Sulz heimisch. 

Hinweise zu Populationen nimmt Andres Beck gerne entgegen unter andres.beck@gmx.ch.

www.jurapark-aargau.ch
www.fledermausschutz.ch 


Fledermaus-Abendspaziergang Hellikon: Freitag, 25. Mai, 20.00 bis 22.00 Uhr

Im Wegenstettertal leben seltene Fledermäuse. Spannende Infos zu den nächtlichen Jägern, ihrem Lebensraum und ihrer Lebensweise auf einem erhalten Interessierte auf einem gemütlichen Rundgang.

Leitung: Christine Meier, Kostenpflichtig, Anmeldung bis 12.5. an Jurapark Aargau

Andres Beck, Fledermäuse sind für viele Menschen unheimlich und hässlich. Sie hingegen sind fasziniert von diesen Tieren. Warum?

Ich finde ihre Lebensweise äusserst spannend, unter anderem deshalb, weil sie fliegen können und nachts unterwegs sind. Im Übrigen stelle ich fest, dass das Interesse an Fledermäusen trotz vieler Vorurteile seit Jahren zunimmt. Zur Auftaktveranstaltung des Flederhauses in Wegenstetten am vergangenen Freitag waren über hundert Personen anwesend. Auch die Nachfrage nach entsprechenden Exkursionen, gerade von Seiten der Schulklassen, hat unglaublich zugenommen.

Derzeit im Dauereinsatz: Fledermausschutz-Beauftragter Andres Beck
Derzeit im Dauereinsatz: Fledermausschutz-Beauftragter Andres Beck (Bild: zVg)

 

Hat Ihre Leidenschaft für Fledermäuse auch schon in der Schulzeit begonnen?

Nein. Der Anfang war, ehrlich gesagt, reiner Zufall! Während des 
Studiums wurden Mitarbeiter für ein Fledermausinventar im Kanton Zürich gesucht. Und da ich etwas Praktisches machen wollte, meldete ich mich. So kam es, dass ich mit diesen Tieren vertraut wurde und schlussendlich sogar meine Diplomarbeit über Fledermäuse schrieb.

 

Heutzutage sind Sie als Fledermausschutz-Beauftragter des Kantons Aargau im Einsatz, in einer Funktion also, die es vor Ihrer Zeit noch gar nicht gab.

Ich begann Ende der 80er-Jahre bei Null. Damals wusste man noch nicht, welche Fledermaus-Arten im Kanton überhaupt vorkommen. Also startete ich erst mal mit dem Inventar. Es brauchte rund sechs Jahre, bis alle Orte, wo Fledermäuse vorkommen, darunter zum Beispiel die Kirchdachstöcke, überhaupt erst erfasst waren.

 

Und bei dieser Inventarisierung sties-sen Sie auch auf die Grosse Hufeisennase, die in West- und Mitteleuropa zu den seltensten und gefährdetsten Fledermausarten zählt?

Nein, die Grosse Hufeisennase entdeckte ich total unerwartet! Ende April 1995 war ich in anderen Belangen in Wölflinswil tätig. Nach der Arbeit hatte ich noch ein wenig Zeit, und so ging ich in der Dämmerung vor Ort zu einer der wenigen natürlichen Höhlen, die es im Kanton noch gibt. Ich hatte einen Ultraschalldetektor dabei. Dieser übersetzt die für uns unhörbaren Laute der Fledermäuse in einen Ton, der unseren Ohren zugänglich ist. Als der Detektor die Frequenz von über 83 Kilohertz anzeigte, wusste ich: Das kann nur die Grosse Hufeisennase sein. 

Tatsächlich stiess ich gänzlich unvermutet auf vier Tiere dieser Art. Das war eine grosse Überraschung, zumal man damals davon ausging, dass diese Art im Aargau ausgestorben war. Zwei Tage später ging ich wieder hin. Es gelang mir, zwei Weibchen zu fangen und eines mit einem Sender auszustatten. Und so fand ich letzten Endes ihr Wochenstubenquartier in der «Alten Trotte» in Wegenstetten. 

 

Das heisst, Fledermäuse wohnen an verschiedenen Orten?

Im Winter wohnen die Fledermäuse in der Regel in Höhlen oder Felsritzen. Wenn sie dann im Frühjahr die Jungen gebären und aufziehen, gehen die Weibchen in die so genannten Wochenstuben. Dabei sind sie sehr standorttreu. In der «Alten Trotte» waren sie, wie wir damals feststellten, bereits seit Jahrzehnten heimisch. Wir fanden da eine kleine Population von sechs bis acht Erwachsenen. Da die Tiere maximal ein Junges pro Jahr bekommen, gibt es einen jährlichen Zuwachs von insgesamt zwei bis fünf Jungen pro Jahr.

 

Das klingt nicht nach einer enormen Zunahme.

Nein, der Bestand bleibt leider auf tiefem Niveau und ist mit so wenig Tieren äusserst kritisch. Hoffnungsvoll stimmt mich allerdings, dass die Entwicklung in den vergangenen Jahren konstant blieb. Geholfen hat auch die Installation einer Wärmeglocke im Dachstock, nachdem das Haus nicht mehr beheizt wurde und der Kamin deshalb kalt blieb. Die Grosse Hufeisennase ist nämlich eine äusserst wärmeliebende Art. Seit wir die Glocke haben, sind die Weibchen fitter und brauchen weniger Energie, um die Jungen aufzuziehen. Inzwischen lieben die Tiere die Wärmeglocke. Und so beobachten wir tendenziell mehr Junge als am Anfang.

 

Glauben Sie wirklich, dass Sie so die Art retten können?

Keine Ahnung. Das hängt ja nicht nur vom Erhalt der Wochenstube ab, sondern von vielen Faktoren. 

 

Von welchen zum Beispiel?

Viele der ursprünglich 30 Fledermausarten, die in der Schweiz vorkamen, sind in den 50er- und 60er-Jahren ausgestorben oder haben massive Einbrüche in der Population erlitten, da damals sehr viel Chemie verwendet wurde in der Landwirschaft. Das war verheerend für die Zyklen von Insekten, welche die Hauptnahrung der Fledermäuse ausmachen. Damals wurden auch viele Dachstöcke mit giftigen Substanzen behandelt. Auch das kam den Fledermäusen nicht zugute und wirkt teilweise heute noch nach.

Generell spielt die Art der Landwirtschaft eine grosse Rolle. Fledermäuse brauchen Dauerwiesen und Dauerweiden, damit ihre Nahrung gewährleistet bleibt. Die Landwirtschaft hat sich aber in eine Richtung entwickelt, bei welcher der Boden in verschiedener Abfolge mehrfach genutzt wird. Zudem sind vielerorts wichtige Struktur­elemente wie Hecken verschwunden. 

 

Fledermäuse brauchen Hecken? 

Unbedingt. Einerseits orientieren sie sich an diesen Strukturen in der Landschaft. Andererseits, und das ist bei den Grossen Hufeisennasen speziell, fangen sie ihre Beute zwar im Flug, hängen sich dann aber oft an einen Ast, um sie zu verspeisen.

 

Was die «Alte Trotte» in Wegenstetten angeht, wird ein Teil des Hauses im Rahmen des Projekts «Ferien im Baudenkmal» bald als Ferienwohnung genutzt werden. Schadet dieser Betrieb den Fledermäusen nicht?

Ich gehe nicht davon aus. Das Haus war ja fast immer bewohnt, und die Gebäudeteile sind klar getrennt. Die Fledermäuse leben im Scheunenteil, haben also dort ihre Verstecke, wo die Feriengäste sich nicht aufhalten. 

 

Bei der «Alten Trotte» wurde mittlerweile der ganze Dachstock saniert. Wie gelang es, dass die Fledermaus-Population dabei unbeschadet blieb? 

Wir gehen bei solchen Veränderungen immer sehr sorgfältig vor und bringen die Umbauphasen in einer Jahreszeit unter, wo die Fledermäuse nicht da wohnen. Zudem muss ich sagen, dass die Sanierung des Dachstocks unbedingt nötig war, um die Population zu retten. Es hätte nicht viel gefehlt, und das Gebäude wäre zerfallen. Ein Glück, dass Pro Natura Aargau das 1803 erbaute Haus 2016 erwerben konnte.

 

Abgesehen von Umbauten: Wie gross ist die Gefahr von natürlichen Feinden für die Grosse Hufeisennase?

Die Chance, dass eine Fledermaus durch einen Greifvogel wie einen Sperber oder Habicht ums Leben kommt, ist sehr gering. Das weitaus grösste Problem für die Fledermäuse ist der Mensch. 

 

Und wie gelingt es, vom Feind zum Freund der Fledermäuse zu werden? 

Indem man Naturgärten anlegt, die Futter produzieren, und möglichst kein Gift anwendet. Wichtig ist auch, der Lichtverschmutzung entgegenzuwirken. Gerade bei Kirchtürmen, in denen Fledermäuse wohnen, ist es sinnvoll, auf die Art der Beleuchtung zu achten oder, noch besser, ganz darauf zu verzichten. Und nicht zuletzt kann man auch Fledermauskästen am Haus aufhängen. 

 

Haben Sie solche zuhause?

Ja. Mit den Fledermauskästen hatte ich allerdings kein Glück. Dafür sind nun Mehlschwalben und Mauersegler bei mir eingezogen.

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