Ein Lebenstraum wird wahr

Badenerin Gabrielle Susan Rüetschi liest Gedichte aus eigener Feder. Inspirationen zu ihren Wortschöpfungen holt sie sich auf Streifzügen durch die Natur. 

Gabrielle Susan Rüetschi glaubt an die heilende Kraft von Steinen (Bild: zVg)

24. Juni 2020
09:00

«Meine Füsse schreiten im Wasser; weit in die Luft reckt sich mein Kopf; mein Körper bewahrt und gebiert die Erde; Feuer flammt in meinem Herzen.» Schon der Prolog zu Gabrielle Susan Rüetschis Lesung regt die Fantasie des Publikums an und setzt sich damit im Kopf fest. «Ich male Bilder mit Worten», sagt sie zu ihren Gedichten und Prosatexten voller Sinnlichkeit. Die meisten Inspirationen dazu schöpft sie aus der Natur. Die in Montreal (Kanada) geborene Badenerin lebt rund ein Drittel des Jahres im engadinischen Scuol, wo sie in einer winzigen Dachwohnung ihr ganz persönliches Paradies gefunden hat. Täglich unternimmt sie Wanderungen abseits der Massen, geniesst die Einsamkeit und schreibt ihre Entdeckungen nieder. Das Verfassen von Gedichten ist für die Mutter von drei erwachsenen Kindern inzwischen zum Lebensmittelpunkt geworden. Dafür hat sie im Alter von 59 Jahren ihre eigenen Praxisräumlichkeiten für Atem- und Bewegungstherapie im Merker-Areal aufgegeben. «Mal wirklich Zeit zu haben für das Schreiben, war ein Traum, den ich mir kurz vor der Pensionierung noch erfüllen wollte», sagt sie. 

 

Ausbruch aus der Komfortzone

«Ich war schon als Kind sehr nachdenklich und diskutierte mit meinen Primarschul-Gspänli, ob es ein Leben nach dem Tod gibt. Die meisten schauten mich nur verständnislos an», meint Rüetschi lachend und streicht sich durch ihre langen braunen Haare. Auch als junge Erwachsene beschäftigte sie die Frage nach der Essenz des Lebens ständig:. «Ich wusste deshalb lange nicht, wo mein Weg hinführen sollte und musste immer wieder aus meiner Komfortzone ausbrechen», gesteht sie. Nach der Ausbildung zur Sekundarlehrerin unterrichtete Rüetschi zehn Jahre lang in Hunzenschwil und Aarau. In dieser Zeit entschied sie sich für eine Weiterbildung in Atem- und  Bewegungstherapie und spezialisierte sich mit ihren Behandlungen auf verhaltensauffällige Kinder. Zwischendurch arbeitete sie unter anderem als Käseverkäuferin am Badener Markt, betreute eine SAC-Hütte und gab Deutschkurse für ausländische Kinder in Neuenhof. «Ich habe auch als dreifache Mutter viel geschuftet und am Anfang der Familienjahre für den finanziellen Unterhalt gesorgt», erzählt die grazile Frau. Denn ihr Mann Markus eröffnete nach seiner Ausbildung zum Psychotherapeuten eine Praxis und brauchte Zeit, um einen Kundenstamm aufzubauen. Heute ist es umgekehrt. Er ist der Alleinverdiener, während sie sich ihrer grossen Leidenschaft, dem Schreiben von Gedichten, widmet – einem bisher nahezu brotlosen Job. Bei Verlagen blitzte sie mehrmals ab. «Poesie ist zu wenig kommerziell. Mir wurde geraten, Krimis zu schreiben, damit ich mehr Erfolg habe. Aber wenn ich auf Erwartungsdruck etwas kreieren muss, ist bei mir sofort der Saft raus», bekundet Rüetschi. 

 

Heitere Melancholie

Ihren ersten Auftritt mit eigenen Gedichten hatte die Poetin an der Badenfahrt 2017. Sohn David führte die Bücherbar UsVers, welche später zur schönsten Beiz des Grossevents gekürt wurde. Mitten im Festtrubel setzte die Schreiberin mit ihren gefühlvollen Texten zum Thema «Oh, dass da Berge sind» einen Kontrapunkt. Schwester Barbara Dehm spielte dazu Oboe. Der Auftritt in der Galerie anixis am 28. Juni ist bereits ihr sechster, weitere Lesungen sind geplant. Die Verwebung von Mensch und Natur, die in der modernen Gesellschaft verloren gegangen ist, treibt die Poetin zu immer neuen Wortschöpfungen an. Während der Corona-Zeit komponierte die Appenzeller Violinistin Clarigna Küng massgeschneiderte Musik zu den bildhaften Gedichten, die sich von der Stimmung her durch ihre heitere Melancholie auszeichnen. Ihre Liebe zu Wasser und Bergen führt Rüetschi nicht nur regelmässig ins Engadin, sondern lenkte sie in früheren Jahren auch nach Norwegen, wo sie lange als Rucksacktouristin unterwegs war. «Ich verbringe mittlerweile so viel Zeit beim Schreiben, dass ich ein Ventil brauche. Die Texte müssen raus. Ich habe das Bedürfnis, meine Erfahrungen mit Menschen teilen zu können. Dabei muss niemand 1 : 1 nachvollziehen können, was ich erlebt habe. Jeder kann sich seine eigenen Bilder dazu machen», meint sie und spielt mit ihrer Kette, an der ein Orangenquarzit baumelt. Rüetschi glaubt fest an die heilende Kraft von Steinen und hortet eine ganze Sammlung von Eigenfunden bei sich zu Hause. 

 

«Kaleidoskop Wasser»

Die musikalische Lesung «Kaleidoskop Wasser» von Gabrielle Susan Rüetschi zu Geigenklängen von Clarigna Küng geht am 28. Juni, 17 Uhr, im Musiksaal der Galerie anixis, Oberstadtstrasse 10, in Baden über die Bühne. Um Reservation wird gebeten unter 076 454 81 53 oder auf kaleidoskop.wasser@gmx.ch

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