«Ein ‹Nein› soll auch Platz haben»

Zwei Lengnauer Familien ­haben ihre Vision eines ­gemeinschaftlichen Mit­einanders umgesetzt. Bald wird der das Mehrgenerationenhaus Laubenhof bezogen.

Tag der offenen Tür im Laubenhof: (v.l.) Christoph und Luzia Wieder, Silvia und Roman Müller, Dagmar Müller (Bild: is)

von
Ilona Scherer

06. November 2019
09:00

Vor zwölf Jahren erwarben Silvia und Roman Müller einen 170 Jahre alten Bauernhof an der Chratzstrasse 8. Ein halbes Jahr später zogen sie mit ihren drei Kindern ein. Im Lauf der Zeit entstand die Idee eines Mehrgenerationenhauses, und 2013 erstellten sie ein Vorprojekt. Im selben Jahr stieg Roman Müllers Schwester Dagmar mit der Idee eines Bed& Breakfast ein, 2015 stiessen Christoph und Luzia Wieder dazu. Doch es sollte noch drei Jahre dauern bis zum Spatenstich am 3. August 2018. Doch nun steht das Grossprojekt kurz vor der Vollendung 

Der Laubenhof bietet Menschen in jeder Lebensphase ein Zuhause, in dem man sich gegenseitig unterstützt. Der jüngste Bewohner wird zwei Jahre alt, der älteste über 70 sein. Die Bauherren selbst werden in den kommenden Wochen im EG einziehen – mit einem Hintergedanken: «Dort bekommen wir mehr mit und können so den Groove im Haus besser mitgestalten», so Silvia Müller. Denn hier soll gute Nachbarschaft gelebt und von allen Bewohnern mitgetragen werden: «Wir freuen uns, wenn unsere Mieter etwas für die Gemeinschaft machen. Das Engagement ist aber kein Muss», präzisiert Luzia Wieder. Und Silvia Müller ergänzt: «Es gibt immer auch Zeiten, in denen man vielleicht nicht mag. Ein ‹Nein› soll deshalb auch Platz haben.»

Eine Mieterin hat sich schon bereit erklärt, die Abfallsammelstelle zu bewirtschaften. Eine andere giesst die Blumen, einer hat eine Werkstatt im Hobbykeller eingerichtet, die von allen genutzt werden darf. Silvia Müller wird einmal pro Woche einen Mittagstisch im Gemeinschaftsraum anbieten, der über eine vollausgestattete Küche und Mobiliar für 40 Personen verfügt. Der Raum wird auch extern für Anlässe vermietet.

Die gemeinschaftlichen Räume sind eine tragende Säule des Konzepts. Dazu gehört auch, dass es in den Wohnungen keine Anschlüsse für Waschmaschinen gibt: «Die Wasch­küche ist eine Begegnungszone», erklären die Frauen. Die Gebühren sind in der Miete inbegriffen. Jede Partei zahlt nur noch die in der Wohnung verbrauchte Energie zusätzlich.

Tempi passati: Das Baugerüst wurde mittlerweile abmontiert
Tempi passati: Das Baugerüst wurde mittlerweile abmontiert (Bild: zVg)

 

Balance zwischen Nähe und Distanz finden

Die wohl grösste Herausforderung wird aber sein, eine gute Balance zwischen Nähe und Distanz zu schaffen. Diesem Anliegen wird auch in der Architektur des Gebäudes Rechnung getragen: Der U-förmige Innenhof mit Spielplatz und Sitzbänken ist das Zentrum, in dem man sich begegnen und Gespräche führen soll. Die Wohnungen sind so konzipiert, dass man von der Küche aus stets den Spielplatz im Blickfeld hat. Auf dem Dach befindet sich zudem eine Dachterrasse für alle.

Auch die Lauben zum Hof hin, die dem Gebäude ihren Namen geben, gehören zum gemeinschaftlichen Bereich: «Sie sind absichtlich grosszügig mit über drei Metern Breite gestaltet. Selbst ein Tisch hat dort gut Platz», erklärt Silvia Müller. Dagegen soll in den Wohnungen selbst sowie auf den Sitzplätzen und Loggien auf der Aus­senseite des Gebäudes die Privatsphäre respektiert werden.

Wie das Zusammenleben in der Praxis funktioniert, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Ein gutes Mass an Offenheit und Toleranz sei Voraussetzung, damit das Klima stimmt, sagen die Bauherrinnen, «und wir haben schon früh am Telefon mit Interessenten abgecheckt, ob es passt», erklärt Silvia Müller. Luzia Wieder ergänzt: «Wir geben Mietern mit dem Vertrag jeweils auch eine Broschüre mit ‹Tipps und Tricks für eine gute Nachbarschaft› ab.» 

Zur Hausgemeinschaft im Laubenhof gehört auch das «Courtyard Bed&Breakfast» im Obergeschoss, das von Dagmar Müller geführt wird. Zwei Schlafzimmer mit Teeküche und separatem Bad sollen Gäste der Mietparteien, aber auch Geschäftsleute, Touristen und Kurgäste aus dem In- und Ausland anlocken. «So holen wir die grosse weite Welt in den Laubenhof», hofft Luzia Wieder.

 

Fünf Alterswohnungen gingen als Erstes weg

Das Konzept scheint einem breiteren Bedürfnis zu entsprechen. Am Tag der offenen Tür am vergangenen Wochenende war das Interesse gross. Nur noch zwei Attikawohnungen sind frei. In die Hauswartwohnung zieht eine auswärtige Familie ein, alle anderen wurden an Lengnauer und Freien­wiler vermietet. «Die fünf Alterswohnungen gingen sofort ohne Werbung weg», freut sich Luzia Wieder. 

Gut 15 Monate nach dem Spatenstich steht das Grossprojekt nun kurz vor der Vollendung. Ein grosser Moment für die beiden beteiligten Parteien: Viereinhalb Jahre lang haben sie miteinander geplant, viele Diskussionen geführt und auch schwierige Entscheidungen gefällt. «Wir sind sehr stolz, dass wir es so gut hingekriegt haben», erklärt Luzia Wieder. Und Silvia Müller ergänzt, dass alle Beteiligten bei dem Projekt sehr viel gelernt hätten. Nun sind beide Familien gespannt, wie sich ihre Vision entwickeln wirdt: «Jede Person bringt ihre eigene Geschichte in den Laubenhof mit. Die Hauptaufgabe wird sein, eine tolle Nachbarschaft zu pflegen, die von gegenseitigem Respekt und Toleranz geprägt ist.» 

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