Ein Netzwerk für die Nachbarschaftshilfe

Das Projekt «MitMenschen helfen» in Brugg geht mit neuem Namen und frischer Kraft in die nächste Runde. Als Erstes ist eine Bedarfsabklärung dran.

Das Projekt «MitMenschen helfen» soll in Brugg dafür sorgen, dass die gegenseitige Unterstützung zunimmt (Bild: Archiv)

05. Dezember 2019
09:00

Im Januar dieses Jahres ging Stadtrat Jürg Baur an die Öffentlichkeit. Mit grosser Begeisterung präsentierte er, unter anderem in einem Interview mit dem General-Anzeiger (Ausgabe vom 17. Januar 2019), das Projekt «Palliative Care in der Stadt Brugg». Es hatte zum Ziel, die Grundlagen für ein Netzwerk von Freiwilligen innerhalb der Stadt zu schaffen und damit die Nachbarschaftshilfe zu stärken. Das Projekt geht einher mit den Legislaturzielen des Stadtrats, welche die Koordination der Dienstleistungen im Bereich der Palliative Care vorsieht. Nach einer Kick-off-Veranstaltung im September 2018 war die öffentliche Informationsveranstaltung vom 22. Januar sehr gut besucht. Das war ein klares Signal, das besagte: Das Thema stösst in der Bevölkerung auf grosses Interesse. In der Folge tat sich ein fester Kern von Interessierten zusammen. Er nahm in drei Arbeitsgruppen die Schaffung von Grundlagen in den Bereichen Koordination, Öffentlichkeitsarbeit und Fachliche Themen in Angriff.

 

Kostendach ist gesprochen

Dann wurde es – zumindest aus Sicht der Öffentlichkeit – still ums Projekt. Die Arbeit in den Gruppen kam zwar voran, bezüglich Tempo gingen die Vorstellungen innerhalb des Kernteams auseinander. Während Stadtrat Jürg Baur mit dem langen Atem der politischen Prozesse vertraut war, ging es anderen Mitgliedern zu langsam vorwärts. «Mir war bewusst, dass es Ausdauer brauchte, um dieses Projekt in die Umsetzung zu begleiten», erklärt Jürg Baur. «Aber ohne jegliche finanzielle Zusicherung im Hintergrund kann ich kein ‹Go!› geben.» 

Die Zusicherung kam Mitte November anlässlich der Herbstsitzung des Einwohnerrats Brugg. Diese sprach im Rahmen des Budgets 2020 ein Kostendach von 15'000 Franken für das Projekt. Eingesetzt wird das Geld, so Baur, in erster Linie für die öffentliche Bedarfsabklärung sowie für die geplante Aufstockung der Koordinationsstelle für Altersfragen, welche – so das Projekt zustande kommt – Aufgaben im Bereich der Vermittlung übernehmen soll. 

Dieter Herrmann, Leiter des Hospiz Aargau in Brugg und Teil des Kernteams, sieht in den Anlaufschwierigkeiten des Projekts auch einen Nutzen. «Wir haben uns in den vergangenen Monaten intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt, wichtige Basisarbeit geleistet und einen Konsens gefunden», sagt er. So ein Prozess brauche seine Zeit. «Wir mussten zuerst definieren, wohin wir in den gegebenen regionalen Strukturen überhaupt kommen können», erklärt er. Dieser gemeinsame Nenner aller Involvierten sei wichtig, um nun erneut an die Öffentlichkeit zu gehen.  «Jetzt geht es darum, zu informieren und für das Thema zu sensibilisieren», ist er sich bewusst. «In einem nächsten Schritt setzen wir dann alles daran, die Menschen auch zu mobilisieren.» 

 

Leitlinien sind erstellt

Die Basisarbeit, die nun geleistet wurde, beinhaltet die Erstellung sowohl der «Leitlinie Wertehaltung» als auch der «Leitlinie Leistungsdefinition». Die Grundlagen definieren unter anderem, was mit «freiwilliger Nachbarschaftshilfe» gemeint ist. Zugleich benennen sie die Grenzen des Projekts, das professionelle Organisationen wie die Spitex unter keinen Umständen konkurrenzieren will. 

 

Fokus auf Nachbarschaftshilfe

Bei der Erarbeitung der Grundlagen kam man in den Arbeitsgruppen zur Einsicht, dass das Projekt zu stark in Richtung Palliative Care zielt, welche die Betreuung und die Behandlung von Menschen mit unheilbaren, lebensbedrohlichen oder chronisch fortschreitenden Krankheiten im Blick hat. Um den Fokus auf die Nachbarschaftshilfe und damit die Sorge füreinander zu lenken und zugleich die Niederschwelligkeit des Angebots zu unterstreichen, passte man den Namen inzwischen an. Aus «Palliative Care in der Stadt Brugg» wurde «MitMenschen helfen». Ein entsprechendes Logo wird derzeit kreiert. «Wir wollen ganz bewusst alle ansprechen», sagt Jürg Baur. Das Projekt drehe sich im Kern um den Grundsatz «Nachbarn helfen Nachbarn». 

Bevor das Projekt «MitMenschen helfen» nun aber konkret wird, gehen die Verantwortlichen nochmals zurück auf Platz eins. Mit der breit gestreuten Bedarfsabklärung (liegt dieser Ausgabe des General-Anzeigers bei) stellen sie die Grundsatzfrage: «Gibt es einen Bedarf? Will die Bevölkerung von Brugg dieses Projekt überhaupt?»

 

Abklärung erfolgt anonym 

Dieter Herrmann ist überzeugt, dass die Umfrage die existierenden Bedürfnisse aufzeigt. Und er weiss zugleich, dass sie wohl kaum die Realität abbilden wird. «Die Erfahrung zeigt, dass man einen guten Wert erreicht, was den Pool von Menschen angeht, die ihre Unterstützung anbieten wollen», so der Leiter von Hospiz Aargau. Er hoffe und wünsche aber auch, dass sich diejenigen melden, welche Unterstützung nötig haben. «Dieses Bedürfnis öffentlich kundzutun, ist oft ein Tabu», weiss Dieter Herrmann. Um die Hemmschwelle für die Betroffenen zu senken, erfolge die Bedarfsabklärung aber auf anonymer Basis. 

Für Jürg Baur ist nun eine wichtige Etappe erreicht. «Wenn wir wissen, was die Brugger Bevölkerung braucht, können wir ganz konkret die nächsten Schritte eruieren», sagt er. Starten soll das Projekt in den «Kleinzellen der Stadt», in den Quartieren. Die Vorgespräche mit den fünf Brugger Quartiervereinen sind bereits erfolgt.

 

Koordination wird angestrebt

Wichtig ist Jürg Baur, im Vorfeld der Bedarfsabklärung die Niederschwelligkeit des Angebots hervorzuheben. «Man muss nicht schwer krank sein, um diese Art von Nachbarschaftshilfe anzunehmen», sagt der Stadtrat. Vielmehr gehe es darum, zum Beispiel nach einem Unfall, einer Geburt oder im Alter Hilfe im Alltag in Anspruch zu nehmen. Das könne eine kleine Gefälligkeit sein wie eine Handreichung oder ein Botendienst. «Ich bin überzeugt, dass diese Art von Unterstützung schon an ganz vielen Orten innerhalb der Stadt läuft», sagt Baur.Nun gehe es einfach darum, das Ganze zu koordinieren und für alle zugänglich zu machen. 

Zeigt die Bedarfsabklärung ein positives Resultat, soll die Koordinationsstelle Alter Region Brugg ausgebaut werden. Sie wird von der Pro Senectute Aargau Bezirksberatungsstelle Brugg in deren Räumlichkeiten geführt. Die Rede ist von einer Aufstockung um rund zehn Stellenprozente. 

 

Auswertung erfolgt im Januar

Während Dieter Hermann zurzeit für die Gesamtkoordination verantwortlich zeichnet, begleitet Jürg Baur das Projekt vonseiten der Stadt. Einsendeschluss für die Bedarfsabklärung ist Ende Dezember. Danach wird Herrmann die Auswertung der Rückmeldungen vornehmen. Er rechnet damit, dass man die Öffentlichkeit Anfang Februar darüber informieren kann, ob und wie es mit dem Projekt «MitMenschen helfen» weitergeht.  Vielleicht hat die längere Zeitspanne dem Projekt letzten Endes sogar gut getan. «Vieles konnte reifen», so Dieter Herrmann. «Das Fundament steht, und da lässt sich nun ein stabiles Haus draufbauen.»

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