Ein richtungsweisendes Duell

Urs Bätschmann will neu auch Vize­ammann werden. Cécile Anner sieht es als Angriff auf ihre Person, der Herausforderer begründet es mit Strategie.

Urs Bätschmann (62) (Bilder: is)

08. September 2021
16:45

Fünf Bisherige und drei Neue

Alle fünf Bisherigen kandidieren am 26. September für eine weitere Legislatur im ­Gebenstorfer ­Gemeinderat: Fabian Keller (Die Mitte, auch als Ammann), Cécile Anner (SVP), Giovanna Miceli (SP), André Heim (SVP) und Urs Bätschmann (FDP). Neu für den Gemeinderat kandidieren Milena Peter (FDP), Patrick Senn (Die Mitte) und Hans Ruedi Schläpfer (parteilos).

Ungewohnt viele Wahlflyer flatterten in den vergangenen Tagen in die Briefkästen von Gebenstorf. Normalerweise posieren alle Kandidierenden für den Gemeinderat gemeinsam auf einem Wahlplakat. Doch dieses Jahr werben die Parteien separat mit ihren Kandidierenden – eine gemeinsame Aktion kam nicht zustande. Anders als sonst ist auch, dass die FDP-Ortspartei ihre Nominierungen bereits im Juni bekannt gegeben hat – ungewöhnlich früh: Sie geht mit dem bisherigen Gemeinderat Urs Bätschmann (62) und Anwältin Milena Peter (31) ins Rennen.

Brisant ist dabei, dass Bätschmann gleichzeitig als Vizeammann kandidiert. Dies wurde von der aktuellen Frau Vizeammann Cécile Anner (69) und ihrer Partei, der SVP Gebenstorf, als «klarer Angriff» auf die Amtsinhaberin interpretiert. Urs Bätschmann möchte seine Kandidatur jedoch nicht als Kampfansage an Cécile Anner verstanden haben. «Hinter den Kandidaturen der FDP stehen strategische Überlegungen», erklärt der Gebietsverkaufsleiter von «Witzig The Office Company AG». In vier Jahren dürften einige der aktuellen Gemeinderäte aus Altersgründen zurücktreten. «Dann haben wir ein Problem, wenn man jetzt keine jungen Kräfte aufbaut. Es braucht eine Legislaturperiode, um vertiefte Dossierkenntnisse zu haben.»

Cécile Anner (69)


Viel Energie gekostet

Dennoch verhehlt auch Bätschmann nicht, dass die vergangene Legislatur viel Energie gekostet habe, «weil sich der Gemeinderat ständig mit Interna beschäftigen musste.» Der Gemeinderat sei eine Kollegial­behörde, er brauche Vertrauen. Das Verhältnis zwischen dem Gemeinderat und Cécile Anner ist jedoch seit langem angespannt. Eskaliert war der Konflikt, als ihr Ehemann Martin Anner im Februar 2020 Anzeige gegen Gemeinderätin Giovanna Miceli und gegen den Gesamtgemeinderat wegen Amtsmissbrauchs, ungetreuer Amtsführung und Vorteilsnahme im Zusammenhang mit der Sanierung der Stalden- und Sandstrasse einreichte. «Dadurch entstanden bei einigen Amtsgeschäften Interessenskonflikte zwischen verschiedenen Mitgliedern im Gemeinderat», sagt Urs Bätschmann. «Eine offene Gesprächskultur ist so nicht mehr möglich.»

Cécile Anner findet jedoch, dies dürfe nicht ihr angelastet werden, «und das sieht der Regierungsrat genauso.» Ihr Mann sei Bürger und Steuerzahler von Gebenstorf, er habe die Freiheit, sein Recht einzufordern. Die Anzeige ist noch nicht vom Tisch. Laut Anner liegt sie seit anderthalb Jahren bei der Oberstaatsanwaltschaft in Aarau zur Bearbeitung.

Der Konflikt gipfelte darin, dass Anner im Herbst 2020 von den Ratskollegen sämtlicher Ressortaufgaben enthoben wurde. Diesen Entscheid hat sie beim Regierungsrat erfolgreich angefochten und ist seit 1. Februar wieder mit allen Rechten und Pflichten in ihrem Ressort im Einsatz.


Körperlich und geistig fit

Dass Anner nun erneut als Gemeinderätin und Vizeammann kandidiert, ist für sie selbstverständlich: «Es gibt keinen Grund, als Amtsinhaberin nicht mehr anzutreten», findet sie. «Ich habe keine Fehler begangen.» Körperlich und geistig sei sie fit für eine weitere Amtsperiode, erklärt die ehemalige Bankfachfrau, die zwölf Jahre lang im Verwaltungsrat der Raiffeisen Wasserschloss sass und immer noch als Bewegungspädagogin arbeitet. Sie sei am längsten im Gemeinderat und habe die grösste Erfahrung. «Dank meinem Leistungsausweis und der langjährigen politischen Erfahrung bin ich im Gremium eine wichtige Stimme», ist Anner überzeugt. 

Anner ist die dienstälteste Gemeinderätin in Gebenstorf. «Dass in den vergangenen vier Jahren so viele Einsprachen gegen gemeinderätliche Geschäfte eingegangen sind, ist für mich ein absolutes Novum in meinen zwanzig Jahren im politischen Geschehen», sagt sie. Es zeige, dass sich das Gremium nie vertieft mit rechtlichen Grundlagen befasst habe. Wichtig sei vor allem, dass die einzelnen Ressortleiter wieder nahe zu ihren Ressorts kämen und dort die volle Verantwortung tragen dürften: «Alle fünf Gemeinderäte sind gleichgestellt. Ammann und Vizeammann haben keine übergeordnete Verantwortung gegenüber dem Kollegium», betont Cécile Anner. Dies sei in den letzten vier Jahren nicht mehr so gelebt worden.

Für Urs Bätschmann ist eine enge Zusammenarbeit des Vizeammanns mit dem Gemeindeammann wichtige Voraussetzung für das Funktionieren eines Gemeinderats. Der Thurgau aufgewachsene St. Galler, der seit 1987 in der Region Baden lebt, will im Gemeinderat vor allem die Projekte weiterführen, die er in den letzten fünf Jahren vorbereitet und aufgegleist hat. Er war Mitglied der Baukommission für das Schulhaus Brühl 3, hat Entsorgungsstellen geplant und ausgeführt.

Als Ressortleiter ist Bätschmann eng in die geplante Fusion der Feuerwehr Gebenstorf/Turgi mit Baden und Birmenstorf/Mülligen involviert. Als Mitglied des Lenkungsausschusses Regionales Führungsorgan (RFO) hat er Einsitz in wichtigen Institutionen. «Das RFO und der Zivilschutz stehen normalerweise nicht so im Fokus und werden in der Öffentlichkeit wenig wahrgenommen. Aber Corona und das Hochwasser haben gezeigt, wie wichtig sie sind», erklärt Bätschmann.


Wichtige Immobilienstrategie

Sehr hohe Priorität habe jedoch, eine Immobilienstrategie zu erarbeiten für die gemeindeeigenen Liegenschaften: «Wir müssen eine Bestan­des­analyse durchführen und eine sinnvolle Strategie entwickeln, damit wir die nötigen Arbeiten und Finanzen dafür besser planen können.» Bätschmann freut sich, in zwei Jahren nach seiner Pensionierung noch mehr Zeit für den Gemeinderat zu haben.

Auch in den bisherigen Ressorts von Cécile Anner wird der Aufwand steigen. In der Schule stehen mit der Auflösung der Schulpflege grosse Veränderungen an. «Dies bedeutet einen sehr grossen Zeitaufwand, der neben einer Vollzeitstelle nicht zu bewältigen ist», ist sie überzeugt. Das Ressort Hoch- und Tiefbau sei ebenfalls zeitaufwendig und komplex: «Die Fragen der Raum- und Gestaltungs­planungen, Verkehrs- und Erschliessungsprojekte in den Entwicklungs­gebieten Geelig und Limmatspitz erfordern zielgerichtetes und strategisches Vorgehen.»

Der Wahlsonntag wird in Gebenstorf mit Spannung erwartet. Kommt ein Umbruch, geht es weiter wie bisher – oder muss ein zweiter Wahlgang entscheiden? Wer auch immer gewählt wird: Einig sind sich beide Kandidierenden, dass Sachpolitik im Vordergrund stehen soll. Urs Bätschmann wünscht sich, «dass die Zusammenarbeit im Gemeinderat projektorientiert und effizient erfolgt, ­damit die anstehenden Herausforderungen zum Wohl der Bevölkerung gemeistert werden können. Ich würde mich freuen, wenn mir die Gebenstorferinnen und Gebenstorfer das Vertrauen aussprechen und ich zusätzliche Verantwortung als Vize­ammann übernehmen dürfte.» Auch Cécile Anner sagt: «Wichtig ist, dass wir ein sachbezogenes Einvernehmen finden.» Aber sie ergänzt: «Wir sind kein Wohlfühl­gremium. Zu viel Harmonie bringt selten gute Lösungen.» Und was, wenn sie nicht mehr gewählt wird? «Dann geht die Welt auch nicht unter», antwortet Cécile Anner.

War dieser Artikel lesenswert?

Wir setzen uns mit Herzblut und Know-how für gute Geschichten aus Ihrer Region ein. Wenn auch Sie hochwertigen Journalismus schätzen, können Sie uns spontan unterstützen. Wir danken Ihnen – und bleiben gerne für Sie am Ball.

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Kult-Pärchen geht auf Pilgerreise

Vor fünf Monaten musste Levi Bo seine Pilgerreise in der Türkei abbrechen. Nun… Weiterlesen

Farbtupfer im Prophetenstädtli

Chefin einer Malerfirma, Künstlerin, Sängerin, zweifache Mutter und Grossmutter.… Weiterlesen

region

Wohnen, wo einst die Postkutsche hielt

Hinter der markanten Fassade des unter Ortsbildschutz stehenden… Weiterlesen

region

«Ich passe in dieses Multikulti-Dorf»

Als Schweizer mit Wurzeln in Italien und Ungarn will Mohaya Devay (25) im… Weiterlesen

region

Aktiv durch die Schulferien

Ballsport, Klettern oder doch lieber Leichtathletik? Die Kindersportwochen… Weiterlesen