Ein ständiger Balanceakt

Reicht das Pensum? Welche Eigenschaften braucht das «Oberhaupt» einer Gemeinde? Und was ist das Schwierigste am Amt? Eine Umfrage.

Von links: Marianne Stutz (Birmenstorf), Reto Merkli (Tegerfelden) und René Probst (Villigen)

25. Juni 2020
09:00

Kaum ein Anforderungsprofil ist so vielfältig wie das des Gemeinde­ammanns. In einem internen Dokument beschreibt die Gemeinde­ammänner-Vereinigung des Kantons Aargau (GAV), welche Eigenschaften gefordet sind: Sie reichen von fachlicher, politischer und sozialer Kompetenz über visionäres und strategisches Denken, Führungseigenschaften, Kommunikationsfähigkeit, lösungsorientiertem Handeln bis zum wohl wichtigsten Kriterium: zeitliche Verfügbarkeit. Schliesslich bringe die Funktion gegenüber Gemeinderäten «einen zusätzlichen Zeiteinsatz» mit sich, heisst es im Papier.

Diesem Wunschprofil gegenüber steht die Tatsache, dass Gemeinde­ammänner häufig auch noch im zivilen Leben einen Beruf mit Führungsfunktion haben. Dazwischen die Ansprüche der Amtsinhaber – und der Bevölkerung. Ein schwieriger Spagat. Fabian Keller hat nun seinen Job bei einer Grossbank gekündigt, um seiner Aufgabe im Dienst der Gebenstorfer Bevölkerung gerecht werden zu können (siehe Interview Seite 15). «Es muss jedoch jeder Gemeindepolitikerin und jedem -politiker klar sein, dass ein Teil der eingesetzten Zeit als Freizeit einzustufen ist. Man muss das Amt gerne machen», weiss Marianne Stänz, Frau Gemeindeammann in Birmenstorf. Sie hat ein 30-Prozent-Pensum bei der Gemeinde, arbeitet aber effektiv schwankend 30 bis 50 Prozent.

 

Birmenstorf: Umgekehrter Weg

Die Betriebswirtschafterin war nach ihrer Wahl «Vollzeit»-Ammann. Doch sie hat kürzlich wieder einen Halbtags-Job als Kanzleimanagerin bei Voser Rechtsanwälte in Baden angenommen. Vom Einkommen in einer Gemeinde mit 3000 Einwohnern könne man schlicht nicht leben, sagt Stänz. Die Gehälter sind von der GAV festgelegt und orientieren sich am Pensum. Dieses wiederum basiert auf der Einwohnerzahl.

Gelingt es ihr, beide Berufe gleichermassen befriedigend auszuüben? Sie habe das Glück, dass sie in beiden Beschäftigungen die Zeit sehr frei und flexibel einteilen könne, so Stänz. Beide Stellen hätten zudem viel gemeinsam: «Ich muss dafür sorgen, dass es allen gutgeht, und versuchen, Schwachstellen zu verbessern.» Das Wichtigste sei deshalb, dass man Menschen gern habe. 

Doch ist es umgekehrt auch so? Wissen die Einwohnerinnen und Einwohner den oft kräftezehrenden Einsatz der Politiker in ihrem anspruchsvollen Amt zu schätzen? «Man muss einen sehr breiten Rücken haben», sagt Reto Merkli aus Tegerfelden und erzählt eine Anekdote: Als ihn an einer Gemeindeversammlung ein Votant einst mehrere Minuten lang mit Vorwürfen zugedeckt habe, habe er sich irgendwann umgedreht und den Votanten erst wieder angeschaut, als dieser fertig war – und gefragt: «Haben Sie nun gesehen, wie breit mein Rücken ist?» Dieses Ereignis geht jedoch auf Merklis erste Amtszeit von 1988 bis 1998 zurück. Damals war er noch Verkaufsleiter der Emil Frey AG in Zürich und Maître de Cabine bei der Flug­gesellschaft Balair, «und das war zu viel, deshalb trat ich zurück.» 

 

«Mehr und mehr Kritik» 

Seit Mitte April ist Merkli nun wieder im Amt, auch mangels Kandidaten. «Ich hätte es nicht gemacht, wenn ich noch angestellt wäre», betont Merkli, der seit 2017 pensioniert ist. Als Rentner sei er nun flexibler. «Im Vergleich zu früher ist die Informationsflut riesig», hat der Tegerfelder festgestellt. Dank elektronischer Hilfsmittel sei man aber unabhängig und müsse am Wochenende nicht mehr zwecks Aktenstudium ins Gemeindehaus. 

Der Villiger Ammann René Probst bezeichnet sein Amt als «Balanceakt». Die Belastung sei unterschiedlich, so habe etwa bei der Erteilung der Baubewilligung des ParkInnovAare die Arbeit für die Gemeinde stark über­wogen. Auch BNOs seien «Mammutprojekte», weil sie zu vielen Einsprachen führten und die Verhandlungen vis-à-vis geführt würden. Nur dank seiner Selbständigkeit im Bereich IT bringe er beides unter einen Hut.

Wie Fabian Keller hat auch René Probst Mühe mit gewissen Tendenzen. «Der Gemeinderat ist heute mehr und mehr der Kritik einzelner Bürger ausgesetzt. Die Art und Weise entbehrt des Öfteren jeden Respekts!» Auch das schwindende Interesse an Geschäften der Gemeinde bedauert er. «Die Jungen fehlen an den Gemeindeversammlungen, oder sie kommen nur dann, wenn sie für ein Anliegen mobilisiert werden. Geht es um eine Schulhauserweiterung, dann sind sofort ganz viele Eltern im Saal.»

Warum also tut man sich dieses Amt an? Geld kann nicht die wichtigste Motivation sein. Denn im Vergleich zu Kantonen wie Luzern oder St. Gallen sind die «Löhne» für Exekutivbehörden im Aargau tief, wie eine Studie des Zentrums für Demokratie vor einigen Jahren zeigte. Höhere Gehälter seien jedoch nicht unbedingt die Lösung, warnt Probst: «Die Entschädigung sollte einfach angemessen sein. Ist sie zu hoch, dann werden vielleicht Leute dieses Amt des Geldes wegen anstreben, und die Qualität könnte leiden.» Eins steht fest: Gemeindeammann ist eben immer noch mehr Berufung als Beruf.

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