Ein Wanderer zwischen Welten

Am 6. Februar wäre der vor 20 Jahren verstorbene Publizist Heinrich Buchbinder aus Schinznach-Dorf hundertjährig geworden.

Heiri Buchbinder an seinem 80. Geburtstag – am 6. Februar 1999 – zusammen mit seiner Gattin Chantale (Bild: h.p.w.)

von
Hans-Peter Widmer

11. Februar 2019
14:05

Im Aargauer Grossen Rat gehörte Heinrich «Heiri» Buchbinder zu den wortgewaltigsten und scharfzüngigsten Debattern. Aber er trat noch an viel berühmteren Schaltstellen der Macht wie im Kreml und im Weissen Haus auf. 

Als Publizist, SP-Politiker, Sachverständiger im Gesundheitswesen und internationaler Sicherheitsexperte war er eine illustre Gestalt – eine Art «Postillon d’affaires» der Weltmächte während des Kalten Krieges, bei Krisenfällen und Vorbereitungen zu Abrüstungsgesprächen.  

 

Weitgespanntes Beziehungsnetz

Buchbinder pflegte als Wanderer zwischen den Welten ein weitgespanntes Beziehungsnetz und kannte die mannigfachen Gegensätze auf dieser Erde. In seinem Haus in Schinznach-Dorf gingen zeitweise russische Generäle, amerikanische Abrüstungsexperten, Staatsminister und Botschafter aus West und Ost diskret ein und aus. In einem Kontaktkreis der Sozialistischen Internationalen spielte er eine inoffizielle Übermittlerrolle für mehr oder weniger verschlüsselte Botschaften, zu denen sich die offizielle Politik nicht verbindlich bekennen wollte.  

 

Auf internationalem Parkett

Mit seinem Bekanntenkreis brüstete sich Heiri Buchbinder nie, doch seine Erlebnisse und Anekdoten aus der Weltpolitik machten ihn zu einem exzellenten Gesprächspartner. Wenn er von Begegnungen erzählte, fielen Namen wie die Ex-Präsidenten Michail Gorbatschow (UdSSR) und George Bush senior (USA). Ihnen schüttelte er wiederholt die Hand. Enge Kontakte pflegte er auch zu den sozialdemokratischen Regierungschefs Bruno Kreisky, Österreich, Willy Brandt, Deutschland und Olof Palme, Schweden. 

Besonders von Kreisky – der wie er jüdischer Herkunft war – hielt er viel. Mit ihm fädelte er israelisch-palästinensische Kontakte ein, was zu einem Zusammentreffen mit Palästinenserführer Yassir Arafat führte. Als Rüstungssachverständiger wusste Buchbinder über die riesigen Waffenarsenale der Grossmächte Bescheid. Seine «Missionen» entfielen nach dem Fall der Berliner Mauer, 1989, nicht ganz, aber sie verschoben sich etwas und nahmen, auch altersbedingt, in der Intensität ab. 

 

Quereinstieg bei der SP

Auch in der schweizerischen Sicherheitspolitik begann man sein Wissen zu nutzen. Doch das brauchte Zeit. Denn Buchbinder galt als einstiger Trotzkist und wegen Kontroversen in bürgerlichen Kreisen lange als rotes Tuch. Weil er gegen den Algerienkrieg auftrat, wurde er 1954 von der Bundespolizei verhaftet. Er kämpfte in den fünfziger Jahren auch gegen die atomare Bewaffnung der Schweizer Armee. Hingegen widersetzte er sich nie der friedlichen Nutzung der Kernenergie. Auf Druck von Ausstellern der chemischen Industrie, deren Preise er kritisiert hatte, wurde er an der Landesausstellung im Jahr 1964 von der Mitarbeit an der Gestaltung des Pavillons Gesundheit wieder ausgeladen.

In den siebziger Jahren holte ihn die SP Schweiz als Quereinsteiger in ihren Militärausschuss – ohne dass er sich von der Basis aus in der Partei hochgedient hatte. Aber das unverkrampfte Verhältnis, das er dann mit der obersten Armeeführung aufbaute, weckte in den eigenen Reihen Argwohn. Er, der im Zweiten Weltkrieg mehr als tausend Aktivdiensttage leistete, liess sich nie als Armeegegner vereinnahmen, sondern blieb ein Verfechter der militärischen Landesverteidigung – denn die Bedrohungsszenarien waren ihm sehr wohl bewusst. 

 

Geschliffener Dialektiker

Die politische «Ochsentour» holte er noch nach. Von 1977 bis 1989 und von 1990 bis 1993 gehörte er als SP-Vertreter dem Grossen Rat an. Zudem präsidierte er die SP des Bezirks Brugg, und von 1983 bis 1989 stand er an der Spitze des Aargauischen Gewerkschaftsbundes. Beruflich bezeichnete er sich als Publizist. Er veröffentlichte viele Fachbeiträge über Fragen des Gesundheitswesens und des Militärs, lieh andern seine Feder als Ghostwriter und redigierte jahrelang die Schweizerische Krankenkassen-Zeitung. Den Chiropraktoren verhalf er 1939 zur nationalen Anerkennung.  

Heiri Buchbinder hatte sein Medizinstudium nach dem Tod des Vaters aus finanziellen Gründen abbrechen müssen. Stattdessen wurde er ein geschliffener Dialektiker, der auch mit eigenen Widersprüchen souverän umging. Der Sozialist offenbarte sich als Bonvivant und Connaisseur; Insider rühmten seinen Weinkeller. Dreimal war Buchbinder verheiratet.

Er starb zehn Monate nach dem 80. Geburtstag, geschwächt von den Folgen eines fürchterlichen Sturzes, den er zwei Jahre vorher auf der vereisten Treppe des Hotels Victoria Jungfrau in Interlaken erlitten hatte.

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