Eine Einstellung, die ansteckt

Das Altern kann mit Beeinträchtigungen einhergehen. Resignation und Rückzug sind oft die Folge. Dabei könnten Hilfsmittel den Alltag erleichtern.

Eliane Walter und Sandra Eglin in ihrer «Hilfsmittelwelt» in Wettingen. (Bild: cf)

von
Carmen Frei

13. Oktober 2021
12:54

Ob Gehstock Zoe, Rollator Topro Olympos, Einkaufswagen Lolly-Pop, Notrufuhr Peter, my7-Seitenschläferkissen, Lesebrille Bunny Pink oder Duschhocker Laguna: Die Hilfsmittelwelt an der Winkelriedstrasse 2 in Wettingen ist eine Wunderkammer. Doch der Gang über die Geschäftsschwelle heisst auch, sich einzugestehen, dass es ohne Unterstützung im Alltag nicht mehr geht.

Selbständigkeit wagen
Eliane Walter und Sandra Eglin waren beide um die vierzig, als sie sich intensiv mit einer beruflichen Veränderung auseinandersetzten. Über einen Bekannten kamen die Floristin beziehungsweise die kaufmännische Angestellte aufs Thema Alltagshilfen. Sie gingen auf Erkundungstour. Bald war klar, dass ihnen die Materie entspricht, sie den Schritt in die Selbständigkeit wagen wollen. «Jedoch hätten wir uns nicht vorstellen können, im sterilen, weissen Berufskittel die Kundschaft zu bedienen», so Sandra Eglin. Unter dem Namen «Praktischschön» startete das Geschäft 2010 im Wettinger Altenburg-Quartier. Die Ausrichtung des Sortiments akzentuierte sich in den Folgejahren. Entsprechend ergab sich der Namenswechsel hin zu «Hilfsmittelwelt» – vor sechs Jahren mit dem Umzug an die Winkelriedstrasse.


Schwieriges leichter machen
Sandra Eglin blickt auf eine Pinnwand mit Fotos, die sie und Eliane Walter unterschiedlich kostümiert zeigen. «Es kommt vor, dass wir uns verkleiden und so im Laden bedienen.» An ausgefallenen Ideen mangelt es den beiden nicht. Kommt ihnen eine Geschichte zu einem neuen Rollatormodell in den Sinn, drehen sie ruckzuck ein Kurzvideo und publizieren es auf Instagram. «Darauf werden wir oft angesprochen», bestätigt Eliane Walter lachend. «Wir wollen die Hilfsbedürftigkeit keineswegs ins lächerliche ziehen. Es ist eine ernste Sache.» Vielmehr soll die humorvolle Herangehensweise Hemmungen abbauen.

Neben Sandra Eglin und Eliane Walter gibt es darum eine weitere Dame im Hause. «Wir nennen sie ‹Happy Lady›». Keck am Gehstock posierend, ziert Happy Lady die Werbemittel der Hilfsmittelwelt. Ihr Motto: «Ich fühle mich gut!». Eine Einstellung, die ansteckt. Sandra Eglin erzählt: «Eine Kundin liess das Sujet sogar rahmen und findet, dass dessen Anblick ihr täglich ein Lächeln ins Gesicht zaubere.» Eliane Walter ergänzt: «Eines Tages fragte diese Kundin nach einer weiteren Happy-Lady-Tasche. Sie wollte sie ebenfalls rahmen lassen und das Bild einer Freundin als Aufsteller schenken.»


Erfüllende Arbeit
Es sind solch kleine Alltagsgeschichten, die Eliane Walter und Sandra Eglin motivieren. «Wir haben grosse Freude am Kundenkontakt und spüren wiederum viel Dankbarkeit und Wertschätzung von Kundenseite. Unsere Art wird geschätzt.» Sandra Eglin: «Das Altern hat nicht nur schöne Seiten. Mit dem Verlust geistiger wie körperlicher Fähigkeiten umgehen zu können, kostet Kraft und braucht Mut.» Eliane Walter: «Der persönliche Ausblick aufs Altern ist gar nicht so einfach, jetzt wo ich weiss, was alles kommen kann. Betroffenheit löst bei mir auch die jüngere Klientel aus. Zum Beispiel Menschen, die an Multipler Sklerose erkrankt sind.» Überdies werden die beiden Geschäftsfrauen regelmässig mit dem Tod konfrontiert. Dies vor allem wegen der Vermietung von Pflegebetten. «Dadurch bekommen wir Einblick in anspruchsvolle Familiensituationen. Gleichwohl schätzen wir es, Menschen in der letzten Lebensphase und ihre Angehörigen zu entlasten, ihnen etwas Gutes zu tun.»


Rollator passend zur Haarsträhne
Das Angebot der Hilfsmittelwelt ist breit gefächert. Froh sind Sandra Eglin und Eliane Walter, dass mehr und mehr Buntes in die Produktepalette einfliesst. «Eine Kundin, die sich ausschliesslich in Weiss oder Rosa kleidet oder eine violette Haarsträhne trägt, wünscht sich verständlicherweise einen passenden Rollator.» Nicht nur die Farbigkeit, sondern vor allem die Funktionalität muss die Fachfrauen letztlich überzeugen: «Bei Produktevertretern sind wir bekannt für unser strenges Urteil. Doch genau das sind wir unserer Kundschaft schuldig.»

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