Eine Grossgemeinde im Surbtal?

Endingen, Lengnau, Schneisingen und Tegerfelden planen eine Fusion. Fünf ehe­malige Ammänner regen die ­Überprüfung des Vorhabens an.

Markus Spuhler, Schneisingen, Kurt Schmid, Lengnau, Erwin Baumgartner, Tegerfelden, und Kurt Hauenstein, Unterendingen, liefern in einem Arbeitspapier den Impuls zu einer Fusionsprüfung. Nicht auf dem Foto ist Lukas Keller, Endingen. Er nahm per Telefon an der Medienorientierung in Lengnau teil. (Bild: bkr)

12. Januar 2022
19:03

Mit einem Paukenschlag haben fünf ehemalige Gemeindeammänner das neue Politjahr eröffnet. Sie regen die Prüfung einer Fusion der Gemeinden Endingen, Lengnau, Schneisingen und Tegerfelden zur Grossgemeinde Surbtal mit deutlich über 8000 Einwohnerinnen und Einwohnern an. Fünf ehemalige Gemeindeammänner, weil auch der Unterendinger Kurt Hauenstein mit am Tisch sitzt, dessen ehemalige Gemeinde sich 2014 mit Endingen zusammengeschlossen hat.

Weshalb sich in Richtung Fusion bewegen? Kurt Schmid war während seiner 28 Jahre als Gemeindeammann von Lengnau alles andere als ein «Fusionsturbo». Beruflich hat er sich mit dem Thema Gemeindestrukturen und -führung intensiv auseinandergesetzt und Bücher publiziert. Darin hat er auch Situationen analysiert, welche Fusionen sinnvoll machen. Gemeindezusammenschlüsse, stellt Schmid fest, seien immer getrieben durch knappe Ressourcen. «Diese dürfen in den Bereichen Finanzen und Infrastrukturen für die vier Gemeinden als ausgesprochen stabil bezeichnet werden», hält Schmid fest.

Kurt Hauenstein ergänzt, dass Unterendingen im Zeitpunkt der Fusion finanziell gut dagestanden habe und keinen Finanzausgleich bezog. Es sei die sehr enge Zusammenarbeit mit Endingen gewesen, die den Zusammenschluss habe reifen lassen.

Sichtbare Schwächen seien – so Schmid – hingegen bei der Rekrutierung von Behörden- und Kommissionsmitgliedern auszumachen. Lengnau habe aktuell auf der Suche nach einem Kommissionsmitglied sogar ein Inserat schalten müssen.


Exekutive ohne Unternehmer
Und was Schmid auch feststellt: Derzeit gehört keinem der vier Gemeinderäte eine Unternehmerin oder ein Unternehmer an – ein Novum. Angesichts der immer komplexeren Aufgaben, die in der Kommunalpolitik zu lösen sind, ein spürbarer Aderlass. Eine junge Politgeneration fehle weitgehend, was zu einer Überalterung in den Gremien führe. Die Ursache dafür sehen die fünf Gemeindepolitiker in der gesellschaftlichen Entwicklung. Das Surbtal erlebe im Sog der Agglomeration Zürich ein massives Bevölkerungswachstum und werde immer urbaner. Zudem würden die Leute nicht mehr sesshaft – in den vier Gemeinden ziehen rund zehn Prozent der Bevölkerung pro Jahr zu und weg. Der Kitt zwischen Bevölkerung und Gemeinde wird schwächer.

Was an der Presseorientierung am Dienstag nicht gesagt wurde: Eine Gemeinde mit 8000 Einwohnern könnte sich ein vollamtliches Gemeindepräsidium leisten. So weit wollen die fünf Elder Statesmen ihre Ideen gar nicht vorantreiben. Erwin Baumgartner, Tegerfelden, betont, dass in einem Brief an die aktiven Gemeinderäte keine Fusion, sondern deren Prüfung angeregt wird. Gespräche in und mit der Bevölkerung hätten gezeigt, dass diese eine Antwort auf die Frage möchte, wie es mit ihrer Gemeinde weitergeht. «Wir sind keine Motzer, sondern wollen die Gemeinderäte in ehrbarer Absicht motivieren, an
den Sommergemeindeversammlungen Kredite für Vorabklärungen zu beantragen», so Baumgartner. Lukas Keller, Endingen, aus seinen Ferien im Wallis per Telefon zugeschaltet, ist ein konkreter Zeitplan wichtig. Zum einen müssen die Gemeinderäte zum Mehraufwand, den Fusionsabklärungen für sie bringt, Ja sagen. Zum anderen den Ablauf so takten, dass – wenn die Bevölkerung zu den verschiedenen Schritten Ja sagt – in vier Jahren tatsächlich fusioniert werden könnte.


Weitere Gemeinden
Was ist mit Ehrendingen? Mit Freienwil, mit Siglistorf? Schneisingen hat mit Ehrendingen eine gemeinsame Bauverwaltung. Siglistorf und Schneisingen wollten 2006 fusionieren. Die Siglistorfer sagten Ja, die Schneisinger Nein. Markus Spuhler, Schneisingen, ist der Meinung, dass man im Rahmen eines Fusionsprojekts das Gespräch mit Ehrendingen und Siglistorf suchen müsste – was auch für Freienwil gelte, obwohl die kleinste Gemeinde des Bezirks Baden bisher auf ihre Selbständigkeit gepocht hat.

Nachteile einer Fusion, die gibt es auch, das halten die ehemaligen Gemeindeammänner klar fest. In einer Grossgemeinde werde der Zusammenhalt angesichts der Bevölkerungsentwicklung nicht besser, was ins­besondere die heutigen Ortsvereine verspüren könnten und ebenfalls in Richtung Fusionen denken müssten. Nur: Baden hat heute keine Stadtmusik mehr. Grösse hilft nicht jedem Verein in die Zukunft, aber einer Gemeindeorganisation eventuell schon, wie einige Fusionsbeispiele zeigen.

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Kommentare (1)

  • Samuel Kamm
    Samuel Kamm
    vor 1 Woche
    Seit langem sieht die «Vision Zurzibiet» im Bezirk Zurzach nur noch drei Gemeinden vor: Aaretal, Rheintal und Surbtal. Die Gemeinde Ehrendingen ist und bleibt im Bezirk Baden. Damit ist Ehrendingen unter anderem im Regionalen Planungsverband Baden Regio, im Schulkreis Baden und nicht zuletzt Teil vom Projekt Grossstadt Baden. Die gemeinsame Bauverwaltung mit Schneisingen funktioniert mehr schlecht als recht und sollte überdacht werden. Die Steuerverwaltung hingegen welche Ehrendingen für Freienwil macht ist sinnvoll, da die Steuern im AG überall gleich funktionieren.

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