Einkaufen wie zu Martas Zeiten

Die Bahnhofstrasse in Turgi wird um ein Geschäft reicher. Selina Keller und Stephan Ineichen eröffnen ihren Unverpackt-Laden Marta.

Selina Keller und Stephan Ineichen in ihrem neuen Geschäft. (Bild: cl)

09. September 2020
14:05

Es wird gehämmert, geklopft und gebohrt auf der Baustelle der ehemaligen NAB-Geschäftsstelle in Turgi. Handwerker gehen ein und aus. Auch Selina Keller und Stephan Ineichen packen beim Umbau mit an. Es gibt noch viel zu tun: Bald ist die Eröffnung ihres Unverpackt-Lädelis und Bistros Marta. Dass der Laden «heimelig» wird, ist bereits jetzt ersichtlich: Holz dominiert. Aus einem ehemaligen Apothekerschrank wird die Theke gebaut, und auf einem Holz-buffet werden die Produkte präsentiert. «Vieles haben wir im Brockenhaus gekauft», erzählt Selina Keller. Die Möbel haben sie sorgfältig restauriert, teilweise umgestaltet.

Alles wirkt warm und gemütlich, fast wie zu Grossmutters Zeiten. Das ist durchaus gewollt, denn schliesslich verdankt der Laden seinen Namen Kellers Grossmutter. Zu Martas Zeiten hat man weniger Lebensmittel verschwendet sowie regional und saisonal eingekauft. «Früher war nicht alles besser, aber man wusste, was man isst und woher es kommt», betont Selina Keller. Das wünscht sie sich auch in der heutigen Zeit und möchte andere inspirieren, ökologischer und vor allem bewusster unterwegs zu sein.

Wer im Laden von Selina Keller und Stephan Ineichen einkauft, bringt in der Regel seine eigenen Behältnisse mit: Glasgefässe, Papiersäckchen, Flaschen oder auch Tupperware. Darin werden Teigwaren, Reis, Getreide etc. abgefüllt. «Auf diese Weise schont man die Umwelt, das Portemonnaie und verhindert, dass Lebensmittel weggeworfen werden», erklärt Selina Keller.    


Ein Bedürfnis in der Umgebung
Die «Zero-Waste-Bewegung», also der Trend zum reduzierten, abfallfreien Leben, wächst in der Schweiz. In den meisten Städten gibt es mittlerweile einen Unverpackt-Laden. Nun hält er Einzug in Turgi. «Die Lage ist perfekt», ist Stephan Ineichen überzeugt. «Wir haben hier ein grosses Einzugsgebiet.» Man sei von Turgi aus schnell in Brugg, Baden oder Aarau, und der Bahnhof ist praktisch vor der Haustüre. Auch das positive Feedback aus der Umgebung bestätige sie zusätzlich in ihrem Eindruck, dass ihr Angebot einem echten Bedürfnis entspreche.  

Selina Keller (33) und Stephan Ineichen (38) leben als Patchworkfamilie mit drei Kindern in Turgi. Sie achten auch als Familie darauf, möglichst wenig Abfall zu produzieren. Ganz plastikfrei gehe es allerdings nicht, denn Chips seien nun mal in einem Plastiksäckli verpackt, so Selina Keller schmunzelnd. «Aber ich achte drauf, was ich wo einkaufe und was ich koche.» Deswegen bezieht sie auch die Produkte für «Marta» vorwiegend bei regionalen Lieferanten und nach Möglichkeit in Bio- oder Demeter-Qualität.

Den Laden wird Selina Keller führen. Stephan Ineichen arbeitet als Geschäftsführer in einem Gastrobetrieb in Baden. «Mein Partner hilft mir beim Aufbau, er unterstützt mich, und er war es auch, der mich motiviert hat, meinen Job im Büro aufzugeben und den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen.» Wenn nicht jetzt, wann dann? Mit dem Laden und dem Bistro erfüllt sie sich einen lang gehegten Traum nach einem eigenen Geschäft, in dem sie ihre Kreativität sowie ihre gastgeberischen Fähigkeiten ausleben kann. Um den Plan verwirklichen zu können, hat das Paar ein Crowdfundig-Projekt gestartet. Ein Teil des Umbaus konnte damit finanziert werden. 


Ein Bistro für alle
Neben dem Unverpackt-Laden lädt das kleine, gemütliche Bistro mit Gartenwirtschaft die Kundschaft zu einem Kaffee oder einer kleinen Verpflegung ein. «Alles, was wir als Snack anbieten, gibt es auch als Produkt in unserem Sortiment zu kaufen», erzählt Selina Keller: «Beispielsweise ein Birchermüesli, eine Wähe, oder ein Couscous-Salat. Sehr willkommen seien auch Menschen, die alleine kommen und vielleicht ein Buch oder ihren Laptop mitbringen wollen: «Mit ‹Marta› wollen wir etwas fürs Dorf machen.»

Selina Keller freut sich auf die Eröffnung. Wegen Corona ist nur eine kleine Feier geplant. Aber andere Geschäfte ziehen an diesem Tag mit und bieten auch etwas an. Das «Schmucke Ding» von Irina Suhi macht einen Tag der offenen Tür (in der ehemaligen Apotheke), und an der Langhausstrasse findet der Karibuni-Flohmarkt statt. «Das ganze Dorf soll mobilisiert werden», so Selina Keller.

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