«Einzelkämpfe machen jetzt keinen Sinn»

Die Corona-Krise macht die Menschen in der Region kreativ und stark. Einander helfen und zusammenarbeiten, lautet die Devise hüben wie drüben.

Nachahmenswerte Projekte im Bereich Nachbarschaftshilfe (Bild: Archiv)

von
Ilona Scherer, Ursula Burgherr und Stefan Haller

25. März 2020
12:00

Ein Virus zwingt die Menschen zum Umdenken. Und viele Gewerbetreibende haben aus der Not eine Tugend gemacht. So wie der preisgekrönte Chocolatier Fabian Rimann, der das an sein Geschäft angeschlossene Café in Wettingen aufgrund der Corona-Situation zum Gemüseladen umfunktioniert hat. Er fährt auch Extra-Touren durch Baden, damit Leute zu Hause bleiben können und sich nicht in städtischen und möglicherweise exponierten Gebieten aufhalten müssen. Das Projekt Telefonaktion aus dem Surbtal, die Einkaufshilfe des TV Endingen und die Nachbarschaftshilfe der Region Brugg/Windisch zeigen auf, wie findige Köpfe ihre nun vermehrt vorhandende Freizeit zum Wohle ihrer Mitmenschen einzusetzen bereit sind. Alle Beispiele sind durchaus nachahmenswerte Aktionen!

Fabian Rimann hat wegen Corona umgesattelt
Fabian Rimann hat wegen Corona umgesattelt (Bild: zVg)

 

Gemüse statt Schoggi

«Kleinbetriebe wie wir befinden sich zurzeit in einer schwierigen Situation», meint Fabian Rimann, der mit seinen aussergewöhnlichen und teilweise abenteuerlichen Schokoladenkreationen schweizweit bekannt ist. Sein Café, das er neben dem Verkaufsladen in Wettingen führt, musste er aufgrund des durch das Coronavirus bedingten Lockdowns schliessen. Deshalb hat er sich mit anderen Kleinunternehmen, die ihre Waren auf unbestimmte Zeit auch nicht mehr an Märkten in Baden und Wettingen anbieten können, kurzerhand zusammengeschlossen. In seinem zum Hofladen umfunktionierten Kaffeehaus-Treffpunkt bietet er seit letzter Woche Gemüse, Früchte und andere Frischwaren von Schiblis Angushof aus Baden-Rütihof, einer Emmentaler Käserei und vielen anderen Kleinproduzenten an. Im durch eine Glaswand zur Chocolaterie abgetrennten Geschäft darf sich nur ein Kunde pro Mal aufhalten. «Es ist uns ganz wichtig, dass die Sicherheit jeder Besucherin und jedes Besuchers gewährt ist», meint Rimann dazu. Die hauseigenen Sauerteigbrote und Schokoladenkreationen des gelernten Bäcker-Konditors und Süssigkeiten-Kreateurs gehören natürlich auch ins Sortiment. «Ich finde, gerade in der jetzigen Zeit sind Genussmittel wie Schokolade eine wichtige Seelennahrung», bekundet er. Ein bisschen Eigenwerbung darf sein. Mit seinem VW-Bus voll gepackt mit frischer Ware fährt Rimann zudem jeden Dienstag und Donnerstag eine Extra-Tour durch Baden. «Wir wissen noch nicht, was auf uns zukommt. Deshalb ist es jetzt wichtig, füreinander einzustehen. Einzelkämpfe machen zurzeit absolut keinen Sinn», zeigt sich Fabian Rimann überzeugt.

Text: Ursula Burgherr

 

Frauenbund-Präsidentin Lydia Spuler griff auch persönlich zum Telefonhörer (Bild: zVg)

 

Telefonaktion

Rebecca Spirig, Gemeinderätin: Die Idee sei ein bisschen abgekupfert, gibt Rebecca Spirig zu: «Ich habe irgendwo gelesen, dass ein Gemeindepräsident selber zum Telefon griff und ältere Menschen in seiner Gemeinde anrief. Als ich das las, dachte ich: ‹Der macht genau das Richtige!›» Rebecca Spirig ist gelernte Pflegefachfrau und gehört zum Krisenstab der Gemeinde Endingen mit Gemeindeammann Ralf Werder und Gemeindeschreiber Daniel Müller. Im nächsten Schritt wurde die Liste der Über-80-Jährigen überprüft – wer hat keine Angehörigen im Dorf, die zu ihnen schauen? Rund 50 blieben übrig, und diese sollen handverlesen angerufen werden. «Wir suchten also einen Verein, der die Kapazität hat, diese Arbeit auf verschiedenen Schultern zu verteilen, und kamen dabei auf den Frauenbund Endingen», so Frau Vizeammann Spirig. 

Für die Gespräche wurde ein Telefonskript erstellt, in dem die wichtigen Themen festgehalten wurden. «Wichtig ist, dass alle Betagten gut versorgt sind und sich sicherfühlen», erklärt Rebecca Spirig: «Zudem haben wir die Betroffenen über mögliche Ansteckungsquellen und die Hygienemassnahmen aufgeklärt.» Wo nötig, wurde Kontakt zu Spitex oder Pro Senectute hergestellt. 

Die Aktion sei sehr gut aufgenommen worden, so Spirig: «Die angerufenen Leute waren enorm dankbar und freuten sich über das Interesse. Man kam nie unter 20 Minuten weg vom Telefon.» Auch Gemeindeammann Ralf Werder führte einige Telefonate und weiss den positiven Effekt zu schätzen: «Die älteren Leute vereinsamen in der aktuellen Lage zuhause.» Mit den Anrufen bleibt eine Verbindung zur Aussenwelt bestehen.

Text: Ilona Scherer

 

Christian Riechsteiner, Captain TV Endingen 
Christian Riechsteiner, Captain TV Endingen (Bild: zVg)

 

Sportliche Einkäufer

Am 13. März war die Handball-Meisterschaft der Nationalliga A wegen Corona vorzeitig abgebrochen worden. Für die Handballer des TV Endingen erwies sich das als Glück im Unglück – die aktuelle Saison wird nicht gewertet, und die abstiegsbedrohten Endinger haben so Gewissheit, auch nächstes Jahr in der obersten Spielklasse vertreten zu sein. Ihre sportliche Zwangspause nutzen die Spitzensportler, um sich ebenfalls für die gute Sache zu engagieren: Unter dem Hashtag #handballhilft bieten sie an zwei Samstagen an, kostenlos für Menschen einkaufen zu gehen, die wegen der Pandemie derzeit zu Hause bleiben müssen. 

Interessierte konnten sich vorab via E-Mail unter wirhelfen@tvendingen.ch oder telefonisch unter 079 102 48 67 melden. Der Teamarzt schulte die Mannschaft vor ihrem ersten Einsatz im Umgang mit Risikogruppen gemäss Richtlinien des BAG. Zusätzlich müssen die Sportler vor jedem «Distanzkontakt» die Hände desinfizieren. Ein Vereinsvertreter holte anschliessend den Einkaufszettel mit allen nötigen Angaben sowie dem Geld in einem Couvert ab. Gefragt waren vor allem Frischprodukte wie Obst und Gemüse sowie Fleisch. Nach ihrer Tour brachten die Spieler Einkauf, Retourgeld und Quittung zurück und deponierten alles vor der Haustüre. Trinkgeld wurde konsequent abgelehnt.

Dass das Angebot am ersten Samstag nur fünfmal ­genutzt wurde, führt Captain Christian Riechsteiner auch darauf zurück, dass derzeit überall Hilfsangebote organisiert werden. Am Samstag findet die ­Aktion ein zweites Mal statt. Einen Schwatz machen die Spieler dabei gerne – einfach mit Abstand.

Text: Ilona Scherer

 

David Hunziker und Raphael Zumsteg
David Hunziker und Raphael Zumsteg (Bild: zVg)

 

Nachbarschaftshilfe

Seit einigen Tagen kleben an vielen Eingangstüren und Briefkästen in Brugg und Umgebung Informationsblätter. Auf diesen heisst es: «Trotz Abstandhalten können wir einander gegenseitig unterstützen. Sollten Sie der Risikogruppe angehören oder durch das Coronavirus anderweitig überlastet sein, helfen wir Ihnen gerne weiter.Wenn es Sachen zu erledigen gibt (Einkaufen gehen, Medikamente besorgen, andere Tätigkeiten in der Öffentlichkeit), zögern Sie nicht, mit uns in Kontakt zu treten.» Hinter der unkomplizierten Gruppe «Brugg hilft – jetzt» stehen die Koordinatoren David Hunziker und Raphael Zumsteg. Die Gruppe wird unter anderem von der Stadt Brugg und dem Seniorenrat empfohlen. Auf die Idee gekommen ist David Hunziker durch seine Schwester Nora, die heute in Bern lebt. Dort wurden im Zuge der Coronavirus-Pandemie innert kürzester Zeit solche Nachbarschaftshilfen gegründet. «Bis letzten Dienstag erhielten wir etwa 35 Anfragen aus der Region Brugg-Windisch und konnten den Hilfesuchenden vor allem Einkaufshilfe weitervermitteln. Es könnten noch mehr Hilfsgesuchen sein: Die Whatsapp-Gruppe zählt aktuell rund 180 Mitglieder», erzählt Hunziker, der als Lehrer in der stationären Kinder- und Jugendpsychiatrie Königsfelden arbeitet. Raphael Zumsteg arbeitet als Sozialarbeiter bei Pro Senectute Baden. Sie sagen: «Wir erhielten unglaublich viel Unterstützung und Support, und die Rückmeldungen sind durchwegs positiv. Unsere Helferinnen und Helfer gehören nicht der Risikogruppe an und halten die Hygievorschriften ein. Anfragen sind an 076 576 82 54 oder 076 514 66 77 zu richten. Alle Aufträge werden kostenlos ausgeführt. Trinkgelder sind natürlich freiwillig.

Text: Stefan Haller

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