Er gibt der Kunst ihren Raum

Als Kurator prägt Salvatore Mainardi die Atmosphäre im Gemeindehaus. Aber er ist auch selbst Künstler: Mit 16 hat er sein erstes Bild verkauft.

Salvatore Mainardi mit Bildern von Nelly Sulser im Gemeindehaus, wo er sechs Vernissagen pro Jahr organisiert. (Bild: is)

04. August 2021
17:47

Salvatore Mainardi ist in seinem Element, wenn er durch das Gemeindehaus Spreitenbach führt. «Wir haben Platz für bis zu sechzig Bilder», erklärt der 67-Jährige. Diese sind überall verteilt und akkurat präsentiert: im Erdgeschoss, wo sich neben Büros auch die Schalter der Kanzlei befinden, im Treppenaufgang zum oberen Stock sowie in der verglasten Passe­relle, die das ältere Gebäude von 1964 mit dem Anbau von 1992 verbindet. Als Kurator der Gemeindegalerie ist es Mainardis Aufgabe, das Verwaltungsgebäude mit Kunst zu füllen. Er plant sechs Ausstellungen jährlich, verpflichtet die Künstler, gestaltet Flyer und organisiert die Vernissage. Seit gut fünf Jahren erfüllt er seine Funktion mit viel Herzblut. In der Gemeinde wird sein Einsatz geschätzt. «Mein Wunsch ist, dass stets auch ein Mitglied des Gemeinderats an die Vernissage kommt, und bis jetzt war das fast immer so», sagt er zufrieden.


Die Anfänge in Süditalien

Doch Mainardi ist nicht nur Kurator, sondern auch selbst Künstler – und zwar schon seit 51 Jahren! «Ich war mit meinen Bildern, Installationen und Performances schon fast in ganz Europa.» Aufgewachsen in der italienischen Provinz Campania, in Angri nahe Salerno und Napoli, entdeckte «Salvi», wie er von allen gennant wird, früh die Malerei – zum Leidwesen seines Vaters, der ihn lieber in einem Büro gesehen hätte. «1970 habe ich als Sechzehnjähriger meine erste Ausstellung im Centro Storico in Salerno gemacht», erzählt er stolz. Für die Ausstellung lieh ihm der Vater ein paar Tausend Lire. Zwei Bilder konnte er verkaufen und brachte dem Vater das Dreifache seines Monatslohns zurück. Ganz ungläubig habe der Vater gefragt, wo er denn das Geld gestohlen habe. Am nächsten Tag gingen sie zusammen zur Galerie, und der Galerist klopfte seinem Vater auf die Schulter: «Einen talentierten Sohn hast du da!» Das Thema war erledigt.

Doch wie kam Salvatore Mainardi in die Schweiz, nach Spreitenbach? Dafür muss der 67-Jährige etwas ausholen. «Mein Vater hatte eine Firma, aber Probleme mit der Mafia. Deshalb ging er in Konkurs, und so kamen wir alle in die Schweiz. Ein Onkel von mir lebte bereits in Basel», erzählt Mainardi. Während der Rest der Familie schon ein Jahr später in die Heimat zurückkehrte, war dem Jüngsten sofort klar: «Hier bleibe ich!» In Basel arbeitete er als Landschaftsgärtner und lernte Giuseppina, seine heutige Frau, kennen, die in Turgi arbeitete. Gemeinsam fanden sie eine Bleibe in Spreitenbach, wo die Kinder Marco (35) und Angela (31) zur Welt kamen.

Beruflich fand Salvatore Mainardi bei der ABB Arbeit. Zuerst in Baden als Operateur für die Sitzungszimmer, später im Forschungszentrum Dättwil, wo er für Grafik und Fotografien zuständig war. Mainardi fühlte sich in der Schweiz schnell wie zu Hause: «Ich bin ein in Italien geborener Schweizer!» In Spreitenbach wurde die ganze Familie eingebürgert.

Drei Jahrzehnte lang malte und sprayte Mainardi vor allem surrealistische Landschaften. Salvador Dali war eines seiner Vorbilder. Dann kam ein Abend, der seine Kunst in eine neue Richtung lenken sollte: «Ich hatte etwas zu viel getrunken und sagte zu meiner Frau, dass ich noch ins Atelier im Untergeschoss gehe», erzählt er. Dort nahm er einen Klumpen Ton und modellierte ein Gesicht daraus, «nur mit meinen Fingern». Im Morgengrauen ging er ins Bett, und als er mittags nüchtern ins Atelier kam, sah er den Kopf und staunte: «Das habe ich gemacht?!» Er fertigte einen Abguss aus Gips an, stellte diesen in eine Ecke – und vergass ihn. 


Schokolade von Fabian Rimann

Erst beim Umzug nach Buchs vor zwanzig Jahren tauchte der Kopf wieder auf. Fortan arbeitete der Künstler ausschliesslich mit Köpfen. Der Kopf als Inspiration: «Wieso ist der Mensch auf der Welt? Wohin bewegt er sich? Warum liebt er?» Seine Köpfe machte Mainardi aus Ton, Zement, Leder, PET, Papier – und sogar Schokolade, die der Wettinger Chocolatier Fabian Rimann herstellte. «Sein Vater ist ein guter Bekannter», erklärt Mainardi. Die süssen Gesichter standen im Zentrum seiner wohl bekanntesten Performance und wurden am Ende mit der Faust zertrümmert. «Dann habe ich die Bruchstücke unter den Zuschauern verteilt. Diese Performance habe ich schon auf der halben Welt gemacht», erzählt er lebhaft. Mit seiner Firma «Mainart» vermittelt er auch Künstler in alle Welt – sein Beziehungsnetz ist gross. Eine eigene Galerie hat Salvatore Mainardi nicht. Doch das Gemeindehaus ist in gewisser Weise auch sein künstlerisches Zuhause. In der gläsernen Passerelle hat er regelmässig seine Werke präsentiert. Einmal mussten die Gäste über die unebenen Plastikköpfe laufen und wurden so unbemerkt selbst zur Performance: «Es war eine Studie über das menschliche Verhalten!»

Das Gemeindehaus an der Poststrasse ist zu eng geworden und soll durch einen Neubau beim Werkhof ersetzt werden. Der Baustart ist Anfang 2022 geplant. Mainardi wird den Umzug mitmachen. Denn Kunst soll in der Gemeinde Spreitenbach weiterhin gebührend Raum bekommen.

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